Zeitung Heute : Jugendlichen ohne Schulabschluss bietet das Programm neue Perspektiven in einer integrierten Ausbildung

Stefan Grande

Die Lage ist prekär: Nach Angaben der Senatsverwaltung für Arbeit sind rund 30 000 junge Menschen unter 25 Jahren derzeit in Berlin ohne Arbeit. Ganz besonders hart trifft es die etwa 5000 Jugendlichen, die keinen Schulabschluß vorweisen können. Mit dem Ökologischen Jahr erhalten gerade diese ein Angebot für ihre Zukunftsplanung.

Resignation und Frust sind oft die Folgen, wenn Jugendliche keinen Schulabschluss haben. Fehlende Berufs-Perspektiven führen schnell zur generellen Orientierungslosigkeit. Mit dem Ökologischen Jahr für Jugendliche (ÖJJ) erhalten diese das Angebot, ihre Lebens- und Berufsaussichten zu verbessern. Im ÖJJ können sich junge Erwachsene zwischen 16 und 24 beruflich orientieren und auf das Arbeitsleben vorbereiten. Sie haben die Möglichkeit, für ein Jahr im Bereich Ökologie und Umweltschutz praktische Erfahrungen zu sammeln und gleichzeitig einen Hauptschulabschluss, einen erweiterten Hauptschulabschluss oder einen Realschulabschluss nachzuholen. Finanziert wird das ÖJJ durch den Europäischen Sozialfonds und die Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen.

Bereits 1995 wurde hierzu die gemeinnützige Gesellschaft für Integration, Sozialforschung und Betriebspädagogik (ISB) vom Senat beauftragt, das Angebot in Zusammenarbeit mit zwei Bildungsträgern umzusetzen, mit der Bildungsmarkt GmbH und der Berufsfortbildungswerk GmbH. Seit November 1998 verbessern wieder 60 Jugendliche ihre privaten und beruflichen Perspektiven. In der einen Hälfte des Tages bereiten sich die Jugendlichen in Kursen auf ihren Abschluss vor. "Wir achten dabei darauf, dass die Unterrichtsmethoden etwas aufgelockerter sind", sagt Helmut Kinne, Projektleiter bei ISB. "Viele Jugendliche haben negative Erfahrungen in ihrer Schulzeit gemacht. Darauf wollen wir Rücksicht nehmen." Daher stehen bei der ISB und ihren Bildungsträgern Gruppenarbeit, der Einsatz von Medien oder auch ganze Projektwochen mit Exkursionen obenan. Eine sozialpädagogische Betreuung und, wenn nötig, Nachhilfe in Problemfächern rundet das Angebot ab.

Die andere Hälfte des Tages sind die Teilnehmer in einer von derzeit etwa 150 möglichen Arbeitsstellen. Das Angebot reicht vom Naturkostladen über Fahrradwerkstätten bis zu öffentlichen Umweltvereinen. In den Betrieben sammeln die Jugendlichen erste Erfahrungen in der Arbeitswelt. Helmut Kinne kommentiert: "Verantwortung zu übernehmen in Verbindung mit Fachwissen, das ist für die meisten Jugendlichen eine ganz neue Erfahrung, auf die sie stolz sind."

Ein weiterer Vorteil der zweiteiligen Qualifizierung für Beruf und besseren Schulabschluss: Die Teilnehmer erhalten für die Tätigkeiten in den von ihnen ausgewählten Betrieben einen Arbeitsvertrag und werden entlohnt. Somit stehen sie bereits in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis, mit dem sie Ansprüche auf Urlaub, Rentenbeiträge und Arbeitslosengeld geltend machen können. Es gibt auch Fälle, in denen die Teilnehmer am ökologischen Jahr von den Betrieben übernommen wurden.

Karolina Dawidzionek ist gebürtige Polin und macht zur Zeit ihren Realschul-Abschluss. Seit einem Jahr arbeitet sie parallel in einem Naturkostladen in Friedrichshain. Die Ladeninhaber waren mit ihr so zufrieden, dass sie Karolina anboten, eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau zu beginnen. Karolina Dawidzionek ist von morgens um acht bis mittags um 12 im Laden, sortiert die Regale ein, kümmert sich ums Gemüse oder berät Kunden. Nachmittags geht sie dann zum Kurs, der sie auf den Realschulabschluss vorbereitet.

Auch Sando Schau aus Marzahn hat positive Erfahrungen mit dem Ökologischen Jahr gemacht. "Die Schule bedeutet mir heute etwas anderes als früher", sagt er. "Heute lerne ich freiwillig, früher bin ich nur aus Zwang in die Schule gegangen." Sandro Schau macht im Rahmen des Ökologischen Jahres einen Realschulabschluss und arbeitet in einer Naturkost-Kooperative in Friedrichshain.Kontakt-Info: Gesellschaft für Integration, Sozialforschung und Betriebspädagogik ISB GmbH, Potsdamer Straße 141 in 10783 Berlin, Telefon: 21 50 870

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