Zeitung Heute : Junckerland ist abgebrannt

Freunde nannte er die Granden Europas. Das war vor dem Gipfel am letzten Wochenende. Der EU-Ratspräsident – ein trauriger Europäer, der ewig hofft

Thomas Gack[Brüssel]

Er war gescheitert – und erntete am Ende doch tosenden Beifall. Jean-Claude Juncker, der luxemburgische Regierungschef, war nach fast 16 Stunden angespannten Verhandelns, nach dem Wechselbad von Hoffnung und Enttäuschung nicht nur völlig erschöpft. Er ist nach der Gipfelnacht, die Europa tief in die Krise stürzte, grau vor Ärger, wütend, bitter. Doch was bei Journalisten äußerst selten vorkommt – bei der nächtlichen Pressekonferenz im großen Saal des Brüsseler EU-Ministerrats sind Emotionen spürbar, sind der Respekt und die Sympathie mit Händen zu greifen, die dem gescheiterten Regisseur des EU-Gipfeltreffens entgegenschlagen.

Das liegt zweifellos auch daran, dass der Mann vorne auf dem hell ausgeleuchteten Podium sich für einen Politiker ungewöhnlich verhält: Er verzichtet auf die übliche Plastiksprache, verzichtet auf die diplomatische Schminke und spricht Klartext: „Es gab hier einige, die wollten keine Einigung“, sagt Juncker, und alle wissen, wen er meint: den britischen Premierminister Tony Blair.

Als in der Woche danach in Brüssel die Gipfel-Scherben sortiert werden, sind sich alle einig: Am Ratspräsidenten Juncker lag es nicht. Im Gegenteil: „Jean-Claude Juncker ist ein großer Europäer. Er hat in einer wirklich großen EU-Präsidentschaft alles versucht, um zu einer Einigung zu kommen“, lobt der Bundeskanzler.

Seit Jahren gilt Juncker als Meister der Kompromisse. Sein Gesellenstück lieferte er vor mehr als zehn Jahren. 1991 war es, da baute er mit einer Zauberformel die Brücke zwischen den Anhängern der Euro-Währungsunion und den widerstrebenden Briten. Als Finanzminister Luxemburgs erfand er das „Opting out“ im Maastrichter Vertrag: Großbritannien wurde die Option eingeräumt, in der Währungsunion vorerst nicht mitzumachen.

Sein Meisterstück gelang ihm fünf Jahre später, als sich Helmut Kohl und Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac 1996 beim Gipfeltreffen in Dublin nicht über den Euro-Stabilitätspakt einigen konnten. Wieder brachte Juncker, inzwischen Regierungschef in Luxemburg, den entscheidenden Kompromiss zustande. Damals wurde er geradezu euphorisch als „der Held von Dublin“ gefeiert.

Seither umgibt Juncker die Aura des ehrlichen Maklers, dem es wie keinem anderen gelingt, Gegensätze zu versöhnen. Gerade weil er als Mann fürs Heikle gilt, der mit Pragmatismus und Schlitzohrigkeit schon mehrfach Auswege aus verfahrenen Situationen gefunden hat, trauten ihm noch in der vergangenen Woche nicht Wenige zu, einen Ausweg aus der Finanzkrise zu finden.

Bei seiner Vermittlerrolle kommt ihm nicht nur sein politisches Talent und seine lange Erfahrung in der europäischen Politik zugute. Im Kreis der europäischen Regierungschefs, die sich alle duzen, gelang es ihm in den vergangenen Jahren immer wieder mit Natürlichkeit und seinem trockenen Humor eine Art Clubatmosphäre zu schaffen. Er wirkte entspannt und locker, parlierte freundschaftlich mit Gerhard und Jacques, mit Tony und Wolfgang und fuhr vor laufenden Kameras Silvio über die Glatze. Dieses Grundvertrauen ist seit dem Brüsseler Gipfeldebakel angeschlagen. „Meine Europabegeisterung hat heute einen tiefen Knacks bekommen“, sagte Juncker.

Dabei war der Luxemburger, der sich in seinem Land schon in jungen Jahren mit atemberaubender Geschwindigkeit den Weg nach ganz oben bahnte, auch in der Vergangenheit alles andere als ein europapolitischer Wolkenschieber. Bei allem taktischen Geschick ist Jean-Claude Juncker keineswegs ein Freund der politischen Spielchen und diplomatischen Finessen. Er pflegt in der Politik eher den direkten Stil. Diese Direktheit kann im politischen Geschäft allerdings auch zu Enttäuschungen führen: Als sich Juncker beim 1997 klar gegen den EU-Kandidatenstatus der Türkei aussprach, wusste er, dass viele seiner Kollegen der gleichen Meinung waren. Weil sie sich aber nicht die Finger verbrennen wollten, ließen die EU-Partner den Luxemburger am Ende im Stich. Juncker musste die Prügel aus Ankara und Washington alleine einstecken.

Juncker ist seither vorsichtiger geworden. Immerhin konnte sich Juncker nach dem Gipfeldebakel diesmal auf die Schützenhilfe seiner Kollegen im Kreis der EU-Regierungschefs verlassen – ganz vorne der Bundeskanzler, der „Jean-Claude“ den Rücken stärkte.

Juncker und Schröder gehören zwar unterschiedlichen politischen Lagern an. Sie haben aber eines gemeinsam: Sie stammen aus kleinen Verhältnissen. Der 1954 geborene Juncker ist im Stahlrevier im Süden Luxemburgs aufgewachsen. Sein Vater war zunächst als Stahlarbeiter, später als kleiner Angestellter bei dem großen Montankonzern Arbed beschäftigt. Schon früh kam der Sohn mit dem Milieu der katholischen Gewerkschaften in Berührung.

Geprägt durch die christliche Soziallehre, trat er gleich nach dem Abitur der Christlich-Sozialen Volkspartei bei. Das herausragende rhetorische und politische Talent des Arbeitersohnes, der in Straßburg Jura studierte, wurde sehr schnell von Jacques Santer, dem damaligen Finanzminister und späteren Premier Luxemburgs, entdeckt.

Santers Kronprinz war noch keine 28 Jahre alt, als er zum Staatssekretär ernannt wurde. Dann ging es Schlag auf Schlag: Schon zwei Jahre später Arbeits- und Sozialminister, Finanzminister und schließlich Premier – immer war Juncker auf seinem Karriereweg der Jüngste.

Im Kreis der europäischen Staats- und Regierungschefs traf er auf Helmut Kohl, mit dem er die Leidenschaft für Europa teilte. Wenn Europa eine Zukunft haben will, dann muss, so waren sich beide einig, die Einigung des Alten Kontinents vollendet werden, solange noch die Generation lebt, die von Krieg und Nachkriegszeit geprägt ist.

Der Vater, während des Weltkriegs Zwangsrekrutierter der Wehrmacht, wurde an der Ostfront schwer verwundet. Er erzählte seinem Sohn und seiner Tochter viel aus dieser Schreckenszeit. Juncker zog die Konsequenz: An der Nahtstelle zwischen Deutschland und Frankreich wollte er alles tun, damit die beiden Völker in einem geeinten Europa einen gemeinsamen Weg in die Zukunft finden. In dieser Überzeugung traf er sich mit Helmut Kohl. Dass ihn der Ältere in freundschaftlichem Paternalismus zunächst „Junior“ nannte, nahm er zunächst hin. Später bat er Kohl, zur Anrede „Jean-Claude“ überzugehen.

Inzwischen sieht man Juncker an, dass er längst kein „Junior“ mehr ist. Das Haar des 50-Jährigen ist grau geworden. Die Strapazen haben sich ihm ins Gesicht gegraben. „Mit 28 bin ich in die Regierung gekommen. Seither habe ich weniger Freude an den Dingen des Lebens, an denen sich andere Menschen erfreuen“, räumte er in ungewöhnlicher Offenheit kürzlich ein.

Ans Aufhören dachte er bisher dennoch nicht. Politisch erfahren, charmant, manchmal auch ein bisschen arrogant, gilt er nach wie vor als Hoffnungsträger. Denn auf Jean- Claude Juncker ist Verlass. Obgleich ihn einige Politiker zu Hause nach den gescheiterten Referenden in Frankreich und den Niederlanden drängten, die Volksbefragung der rund 400000 Luxemburger abzusagen, blieb der Christdemokrat auf Kurs. Im Parlament setzte er durch, dass das Referendum wie geplant am 10. Juli stattfinden wird. Wenn seine Landsleute mit Nein stimmen, wird er zurücktreten, kündigte Juncker an. Ein klares Ja dagegen könnte das Signal für eine europäische Stimmungswende sein.

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