Zeitung Heute : Jung, älter, alt

Sein Programm lautet: „Wir müssen was tun.“ Der 38-jährige Norbert Raeder, Chef der Berliner Grauen, hat es damit weit gebracht

Armin Lehmann

An diesem Ort tanzt die Vorhut der Alten-Republik Deutschland Rock ’n’ Roll. Menschen zwischen 40 und 75 Jahren drehen sich zum Takt der Liveband. Die abgewetzten Dielen der Tanzfläche schimmern hell, die Einrichtung des „Kastanienwäldchens“, einer Musikkneipe in Berlin-Reinickendorf, ist so bodenständig wie die Frisur des Chefs. Norbert Raeder trägt vorne kurz und hinten lang und einen Schnauzer dazu. Vokuhila ist für ihn kein Haarschnitt, sondern ein Statement für Gelassenheit. Er ist Kneipier, aber er ist auch Chef der Grauen Panther in Berlin. Und seit der Wahl im vergangenen September, als die Partei völlig überraschend in acht Bezirksverordnetenversammlungen der Hauptstadt einzog, gilt er als eine Art Generalbevollmächtigter für die Interessen der Alten in diesem Land.

Immer tiefer prägt der demografische Wandel das neue Bewusstsein der Deutschen. Die ARD hat eine Dokumentation gedreht über das künftige Greisenland, das ZDF widmete dem „Aufstand der Alten“ einen Dreiteiler. Wöchentlich sezieren Talkshows die Erkenntnisse. Längst ist bewiesen, dass es immer mehr Alte geben wird und immer weniger Junge, man weiß nur noch nicht genau, ob die Alten dann mächtig oder mächtig arm sein werden.

Norbert Raeder, gelernter Pharmakant, 38 Jahre jung, weiß das auch nicht. Stunden vor dem wöchentlichen Rock-’n’-Roll-Abend sitzt er an einem seiner Biertische, die auf dunklen Fässern montiert sind, und sinniert beim Kettenrauchen mal wieder über seinen ersten großen Fernsehauftritt. Raeder ist immer noch aufgeregt, wenn er daran denkt, und er gibt zu, dass er „bei der Maischberger gezittert hat wie Espenlaub“, weil er keinen Fehler machen wollte. Der Chef der Grauen Panther ist 1,90 Meter groß, aber mit seiner Frisur und dem tapsigen Gang wirkt er eher wie ein Bär und nicht wie ein Panther.

Die Kneipe ist sozusagen Raeders drittes Wohnzimmer. Das erste liegt in seiner Wohnung über der Kneipe, das zweite gleich links daneben, es ist die Parteizentrale der Grauen Panther in Berlin, und sie ist so klein, dass man von einem Ende zum anderen springen kann. In seinem dritten Wohnzimmer sitzen morgens um elf schon ein paar Stammgäste und trinken ihr Bier. Draußen vegetiert die Residenzstraße dahin, die immerhin länger ist als zwei U-Bahnstationen und die irgendwann einmal in den frühen 80er Jahren eine nette Einkaufsstraße war mit Fachgeschäften und neuen Fassaden. Damals lebten hier Menschen, die sich hochgedient hatten aus der Arbeiterschaft heraus in eine Art Bürgertum, das sich zweimal im Jahr Urlaub leistete und einen Zweitwagen.

Heute beherbergen die Residenzstraße und ihre Nachbarstraßen Menschen, die in Gefahr sind, ins vielzitierte Prekariat abzurutschen. Und wäre da nicht Norbert Raeder, der in seinem vierten Wohnzimmer in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Geschäftsleute heftig für das Überleben der Straße gekämpft hatte, wären heute nur noch Discounter übrig. Man muss allerdings erwähnen, dass das vierte Wohnzimmer, in dem Vokuhila arbeitet, mit dem zweiten identisch ist.

Raeder sitzt noch immer am Biertisch, raucht, und plötzlich kommen seine Eltern herein. Es ist ein wenig ungewöhnlich, wenn ein Journalist ein Interview mit einem Politiker führt, und sei der noch so unbedeutend, und plötzlich stehen da die Eltern und die Freundin. In diesem Fall ist das Erscheinen der Eltern von Norbert Raeder aber ausgesprochen hilfreich, denn so lernt man etwas über dessen Welt und Kraftquelle. Vater Raeder sieht aus wie Harald Juhnke und tänzelt auch so, aber er trinkt Tee und ist seit Jahrzehnten bei den Sozis in der Jugendarbeit aktiv, außerdem in der Schrebergartenjugend wie sein Sohn.

Mutter Raeder schneidet dem Sohn die Haare, aber nur die Spitzen, und nur wenn er zu Maischberger muss. Raeders Freundin sieht aus, als könne sie bei Heidi Klums nächster Top-Model-Show mitmachen, was irgendwie nicht zu vorne kurz und hinten lang passt. Er sieht sie alle jeden Tag. Und im Prinzip auch alle seine Mitarbeiter aus der Kneipe, aus der Partei, aus der Interessengemeinschaft. Und seine Oma auch. Am besten man stellt sich eine große Bärenfamilie vor, in der sich alle lieb haben.

Man muss all diese Dinge wissen, um einen entscheidenden Satz von diesem Mann zu verstehen. Der Satz lautet: „Die Politik muss ehrlicher und menschlicher werden.“ Ein zweiter wichtiger Satz heißt: „Wir müssen was tun.“ Im Prinzip erschöpft sich darin das politische Programm, abgesehen von der etwas umständlich formulierten Forderung, dass „das letzte staatlich abgesicherte Ziel eines jeden Menschen das Erreichen einer garantierten, lebenswerten und menschenwürdigen Rente ist“. Aber von diesem Satz darf man sich nicht dazu verleiten lassen zu denken, der andere Satz, wir müssen was tun, sei nicht ernst gemeint.

Hier im Kiez von Alt-Reinickendorf, wie die Grenzregion zwischen Pankow und Wedding genannt wird, wissen die Menschen ziemlich genau, was Raeder tut. Die Grauen Panther haben sich nämlich mit ihrer Nähe zu den Bewohnern unentbehrlich gemacht. Das Notdiensttelefon der Organisation in Pflegeheimen gibt vielen alten Menschen ohne Familie das beruhigende Gefühl, nicht ganz allein zu sein, und für die Heime ist die Zusammenarbeit eine Art Zertifikat.

Wenn es nötig ist, organisiert Raeder schnell mal eine Demonstration und zwar nicht nur wegen der Nullrunden der Rentner, sondern auch in Einzelfällen von „Menschenunwürdigkeit“, wie er sagt. So wie im letzten Jahr, als die Behörden eine ältere Frau, schwer demenzkrank, sich selbst überließen. Raeder hatte das Bezirksamt schon im Winter 2005 auf das Schicksal der Frau aufmerksam gemacht, die die einzige verbliebene Mieterin in einem längst leer stehenden Haus war. „Dann habe ich ein Jahr später mal nachgeguckt. Und nichts war geschehen“, sagt Raeder.

Nicht weit entfernt vom „Kastanienwäldchen“ lebte die 72-Jährige trotz offizieller Rundum-Vorsorge und 800 Euro Rente im Monat im Dreck, inmitten von verschimmelten Lebensmitteln. Die zuständigen Betreuer sollen gesagt haben: „Die hat sich jeder Hilfe verweigert.“ Dass die Frau demenzkrank ist, sagt Raeder, spielte anscheinend keine Rolle. Er dokumentierte alles mit der eigenen Kamera, selbst die verwachsenen schwarzen Fußnägel der Patientin. Und siehe da: Als die Grauen in Reinickendorf gewählt waren, kam die Frau auf einmal sehr schnell in eine neue Wohnung.

Raeder will verändern, er sagt: „Vielleicht werden wir nie eine große etablierte Partei, aber wenn wir dazu beitragen, dass die Menschen nachdenken, ist das schon ein Erfolg.“ Bisher aber, in den wenigen Monaten seit der Wahl, ist Raeder nur frustriert worden von der etablierten Politik. In Pankow wollte die FDP unbedingt mit den „Grauen“ zusammengehen mit der Begründung: „Dann sind wir eine Fraktion und bekommen mehr Geld.“ Raeder ekelt das an: „Wir sind unabhängig.“

Kurz zuvor hatte er bereits eine Einladung des Bundesvorstandes einer etablierten Partei bekommen, deren Namen Raeder öffentlich nicht nennen will. Nach einigem Geplauder kam man schnell zur Sache und unterbreitete dem verdutzten Newcomer ein Angebot: Wenn er die Partei wechseln würde, könne man seinen Kampf für die Alten und für die kommenden Alten sicherlich finanziell unterstützen. Und falls er ein neues Haus in Reinickendorf suche – kein Problem.

Raeder fragt sich, wer denn hier nun einfach gestrickt sei und findet: „Lieber naiv als korrupt.“ Sollen seine Weisheiten sich doch banal anhören, er macht, was er verspricht: sich kümmern. Fällt etwa der Unterricht in einer benachbarten Schule in Erdkunde aus, verlegt er die Schule in die Kneipe, engagiert einen Lehrer, verbannt alle alkoholischen Getränke und besorgt Schulmöbel. Oder er kauft mit Hilfe von Sponsoren Briefmarken, damit Jugendliche kostenlos ihre Bewerbungen abschicken können. Er unterstützt die Studenten genauso leidenschaftlich, wie er Selbstverteidigungskurse für Senioren organisiert. Seine Partei veranstaltet Kinderfeste und schickt Weihnachtsmänner in Altenheime.

Nun versteht man besser, warum Norbert Raeder die Grauen Panther bei der letzten Wahl in Berlin in acht Bezirksverordnetenversammlungen führte. Bisher identifizierte man die „Grauen“ ja nur mit ihrer mittlerweile 78-jährigen Bundesvorsitzenden Trude Unruh, nun hat man ein Gesicht mit Schnauzbart. Einst galt die Partei als „Verein der 100-Jährigen“, wie Raeder sagt, heute hat er das Durchschnittsalter in Berlin auf 38 Jahre gesenkt. „Die anderen beschwören den Generationenkrieg, wir sind die Generationenpartei“, sagt er.

Für das Berliner Abgeordnetenhaus reichten die 3,8 Prozentpunkte zwar nicht, aber sie bedeuteten den Spitzenplatz unter den kleinen Parteien. Kein Parteienforscher hatte das vorhergesehen, und so erklärte man den Erfolg damit, dass der Zeitgeist dem Jugendkult abgeschworen habe und zu den Alten übergelaufen sei.

Doch der Zeitgeist interessiert Raeder so wenig, wie er seine Gäste interessiert. Im „Kastanienwäldchen“ trotzt man jeder Etikette, Alter ist nebensächlich. Aussehen, Geld, Status – egal. Und so ist die Kneipenschar zum harten Kern der Anhänger der Grauen Panther erwachsen und zur Trutzburg gegen das Jammern. Hier findet man Jüngere genauso wie die Generation 50 plus, und beide Gruppen vereint, dass man Hunderte von Bewerbungen geschrieben hat und nicht aufgibt. Dafür sorgt Norbert Raeder schon.

Aber kann es sein, dass ein 38-Jähriger diese Partei ohne Hintergedanken führt? Sie wollen doch nur vorbauen für den Tag X, wenn Ihre Generation alt ist!

Raeder ignoriert solche Unterstellungen und antwortet mit einem verblüffenden Satz: „Will nicht jeder, dass es seiner Oma gut geht?“ Es ist ein fieser Satz, denn Raeder weiß ja, dass das gar nicht stimmt und dass es Leute gibt, denen so etwas sogar piepegal ist. Vielleicht sogar aus ganz bestimmten Gründen egal, die politisch aber gewiss nicht korrekt sind, zum Beispiel, weil man die Pflege nicht zahlen will oder das Elend der Alten nicht ertragen kann.

Diese Ängste kennt Raeder nicht. Und er kämpft dagegen an, „dass die Ignoranz gegenüber den anderen, zum Beispiel der Familie, aus Gründen der Angst und Ohnmacht Oberhand gewinnt in diesem Land“. Raeder, sagen die „Kastanienwäldler“ beim Bier, hat es deshalb geschafft, Brücken zu bauen zwischen jung, älter und alt. Einer der Stammgäste sagt: „Der hat Leuten erst Ein-Euro-Jobs verschafft und sie dann eingestellt.“ Raeders Hausmeister sagt: „Er gibt einem eine Chance, und dafür will er auch Leistung sehen.“ Und die Tresenfrau, jung, alleinerziehend, gelernte Bürokauffrau, findet: „Er gibt einem Selbstvertrauen.“

Raeder raucht noch immer Kette, neben dem Tisch, an dem er mittags noch gesessen hatte, rauschen jetzt die Senioren im Rock-’n’-Roll-Fieber vorbei. Donnerstags kommen rund 80 Leute hierher, für eine Veranstaltung an einem Wochentag in einem Randbezirk ist das erstaunlich viel. Auch an den übrigen Tagen ist die Kneipe voll, beim Karaoke am Dienstag, bei der Diskothek am Samstag. Hier tanzen Arbeitslose und Rentner, Teenies und Greise, Menschen im Anzug und im Pulli. Wo sonst hätte Raeder den Slogan erfinden können „Poppen für die Rente“?

Im „Kastanienwäldchen“ ist Deutschland für das künftige Greisenland gerüstet. Hier im Wohnzimmer der Partei hat man es sich hübsch eingerichtet und wohnt zusammen mit der Sehnsucht nach der guten, alten Zeit, in der Vokuhila innovativ war und die Bundesrepublik schön kuschelig. So kuschelig wie eine Kneipe.

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