Zeitung Heute : Jung und ohne Perspektive - Schulversagen endet in Arbeitslosigkeit

Heiko Schwarzburger

Die Zahl der Jugendlichen ohne Berufsausbildung nimmt weiter zu. Nach einer Umfrage bleiben derzeit rund 1,3 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren ohne berufsqualifizierenden Abschluß. Das entspricht fast 12 Prozent dieser Altersgruppe. Auffallend ist, daß sich dieser Trend in den kommenden Jahren verstärken wird. "Die jungen Leute, die heute von der Schule gehen, haben es viel schwerer als die Abgänger vor fünf Jahren", meinte Lazlo Alex vom Bundesinstitut für Berufsbildung, das gestern eine Studie des Emnid-Instituts zu diesem Problem vorgestellt hat.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn wertete die Ergebnisse der Umfrage als gesellschaftspolitischen Sprengstoff. "Wir müssen unsere Förderprogramme offenbar besser auf die individuellen Probleme der benachteiligten Jugendlichen zuschneiden", sagte sie. "Die regionalen Programme und die Förderungen durch den Bund müssen besser zueinander passen, sonst setzen wir das Geld falsch ein."

Die neue Studie erlaubt erstmals den differenzierten Blick auf eine Randgruppe der Gesellschaft, die vor allem in Großstädten und Ballungszentren wie Berlin immer stärker in die öffentliche Wahrnehmung drängt. Während unter deutschen Jugendlichen rund acht Prozent ohne Ausbildung bleiben, liegt der Anteil unter jungen Ausländern bei fast einem Drittel. "Sie haben deutlich schlechtere Chancen", meinte Edelgrad Buhlmann. "Das widerspricht unserer demographischen Entwicklung." Im Westen liegen die Quoten durch den größeren Ausländeranteil deutlich höher als im Osten.

Dabei werden die Weichen für die berufliche Chancenlosigkeit oft bereits in der Schule gestellt. Zwei Drittel aller Jugendlichen ohne Schulabschluss schafften auch den Sprung in eine Ausbildung nicht. Bundesweit hat sich jeder dritte Jugendliche ohne Schulabschluss gar nicht erst um einen Ausbildungsplatz bemüht. Brigitte Wawrzyniak, Sozialarbeiterin in Offenbach, meinte auf der Pressekonferenz: "Bei den schwierigen Jugendlichen zieht ein Misserfolg den nächsten nach sich. Das fängt schon in der Schule an." Die Praxis zeigt, dass vor allem Jugendliche mit Problemen im Elternhaus frühzeitig aus dem Ausbildungssystem flüchten. "Schulversager und Schulverweigerer benötigen sehr langwierige, flexible Unterstützung, um den Fatalismus und das mangelnde Selbstwertgefühl auszugleichen." "Um in ihnen die Lust am Lernen und an der Ausbildung wieder zu erwecken, brauchen wir viel mehr personelle Kapazitäten", meint die Sozialexpertin.

Seit einigen Jahren sinkt das Alter der Schulschwänzer deutlich. Heute verweigern schon Schüler der fünften oder sechsten Klasse den Unterricht. Das überfordert auch die Klassenkameraden und Lehrer. Mehr Geld für geschultes Personal stellte Bundesministerin Edelgard Bulmahn jedoch nicht in Aussicht.

In den letzten zehn Jahren hat sich außerdem der Ausbildungsmarkt dramatisch verändert. "Die Zahl der ausbildenden Kleinbetriebe sank um 100 000", berichtete Laslo Alex über die jüngste Entwicklung. "Vor allem sie waren es, die minderbegabte Jugendliche aufgenommen und ausgebildet haben. Die besten Schüler gehen ohnehin an die Großbetriebe." Die Folge: Die kleinen Unternehmen bleiben mit den problematischen Lehrlingen oftmals auf sich selbst gestellt. "Da ist zwischen dem Chef und Lehrling kein Puffer, die Probleme eskalieren sofort."

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn will nun im "Forum Bildung" gemeinsam mit den Kultusministern der Länder, mit Gewerkschaftern und Vertretern der Wirtschaft nach Auswegen aus der Misere suchen. "Eine Möglichkeit wäre, Schulen und Firmen stärker miteinander zu vernetzen", sagte sie. "Die Schüler müssen sich verstärkt in den Firmen mit ihren Chancen in der Arbeitswelt vertraut machen. Firmenvertreter müssen öfter in die Schulen gehen, um dort die Schüler besser für ihre künftige Ausbildung zu motivieren.

Ministerin Bulmahn benutzte den Anlaß der Präsentation der Studie, um die neuesten Ergebnisse aus dem Sofortprogramm der Bundesregierung gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu verkünden. Dieses Programm richtet sich an alle erwerbslosen Jugendlichen, unabhängig, ob sie einen Berufsabschluss in der Tasche haben oder nicht. Nach ihren Angaben sank die Jugendarbeitslosigkeit um 13 Prozent. Knapp 698 000 Jugendliche seien angesprochen worden, etwa 169 000 fanden über dieses Programm den Weg in eine Ausbildung oder Qualifikation.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar