Junge Dirigenten : Der Auftakt

Alle drei Jahre findet in Bamberg einer der wichtigsten Wettbewerbe für junge Dirigenten statt. Gesucht wird: das Wunderkind. Doch Orchester reagieren empfindlich auf Selbstdarsteller. Sie wollen geführt werden „mit Verstand und Wärme“, wie ein Musiker sagt. Ainars Rubikis hat beides

Jörg Königsdorf
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Sonnenkönig der Klassik. Der Dirigent verwandelt einen Haufen Individualisten, die dasselbe spielen, in eine Gruppe von Musikern,...Hollandse Hoogte/laif

Gerade hat Ainars Rubikis wieder abgeklopft, hat mit seinem Stöckchen ans Notenpult geschlagen, wie Dirigenten es tun, um sich Gehör zu verschaffen. „Pleeease, be careful here“, sagt er mit weichem lettischem Akzent. Hundert Orchestermusiker sitzen in konzentrischen Halbkreisen um ihn herum. Dabei schaut er so flehentlich, dass die Musiker gar nicht anders können und die Stelle aus Mahlers vierter Sinfonie beim nächsten Mal so sacht und fein spielen, dass die Musik auf einmal ebenso verletzlich klingt, wie der schmächtige junge Mann auf dem Podium aussieht.

Ainars Rubikis will ein großer Dirigent werden. Aber oft sieht es so aus, als würde der 32-Jährige gar nicht dirigieren, sondern mit weit ausholenden Bewegungen seiner linken Hand die Töne eher herbeistreicheln. Und wenn er den Musikern seine Anweisungen gibt, klingt das immer, als ob sie alle zusammen jetzt dringend ein großes Problem lösen müssen, das ihm schwer auf der Seele liegt. Nicht leicht, sich diesen Softie vor einem ausgebufften Orchester wie den Berliner Philharmonikern vorzustellen.

Und doch könnte genau das bald der Fall sein. Denn hier in Bamberg, beim Gustav-Mahler-Dirigenten-Wettbewerb, werden die Maestros von morgen gesucht. Der Gewinner des ersten Wettstreits vor sechs Jahren, der Venezolaner Gustavo Dudamel, ist inzwischen ein Weltstar und mit Plattenvertrag bei der Deutschen Grammophon und Chefposten in Los Angeles zum Simon Rattle seiner Generation geworden. So hofft der Klassikmarkt auch diesmal auf ein neues Supertalent. Ein möglichst junges natürlich, denn neben den weisen alten Männern kommt nichts beim Publikum so gut an wie ein Wunderkind.

Zu den Halbwüchsigen, an deren internationaler Karriere schon eifrig gebastelt wird, zählt der 17-jährige Brite Alexander Prior. Schon mit 14 stand er am Pult der Petersburger Symphoniker. Auch der 22-jährige Usbeke Aziz Shokakimov dirigierte mit 14 seine erste „Carmen“-Vorstellung, in einem Alter, in dem seine Geschlechtsgenossen ihre Pubertät ausleben. Beide sind in Bamberg am Start. Den großen Konzertagenturen, deren Vertreter im Parkett der Konzerthalle sitzen, käme es bestens zupass, wenn einer der beiden Youngster das Rennen machen würde.

„Wer so früh mit dem Dirigieren anfängt, bringt im Umgang mit einem Orchester zwar nicht unbedingt Subtilität mit, aber dafür eine große Natürlichkeit“, erklärt Jonathan Nott. Als Chefdirigent der Bamberger Symphoniker sitzt der 47-jährige Brite der Wettbewerbsjury vor. Er ist ein nachdenklicher Typ, der das Zwiespältige solcher Wettbewerbe durchaus sieht – dass ein Sieger anschließend im Spotlight der Weltöffentlichkeit steht und dass manche Talente das nicht lange durchhalten und nach ein paar Jahren ausgebrannt sind. „Wir können und wollen hier nicht den Superstar finden“, betont er, „aber wir können jene fördern, an deren künstlerische Integrität wir glauben. Egal, ob sie nun einen Preis gewinnen oder nicht.“ Deshalb hat Nott auch dafür gesorgt, dass in Bamberg andere Bedingungen gelten: Die Zahl der Werke ist eng begrenzt, die Zeit, die jeder Kandidat vor dem Orchester stehen darf, ist länger als üblich, und auch wer schon in der ersten Runde gescheitert ist, darf bis zum Ende in Bamberg bleiben, um aus den Erfahrungen der anderen zu lernen und sich bei den Jurymitgliedern Ratschläge zu holen.

Nott weiß, dass gerade die besten Dirigenten nicht durch Wettbewerbe ermittelt werden. Manche Begabungen benötigen einfach mehr Zeit zur Entfaltung, als es der straffe Zeitplan von drei Dirigierrunden in einer Woche erlaubt. Wenn nur 20 Minuten zur Verfügung stehen, um einen Satz aus einer Mahler-Sinfonie zu proben, sind diejenigen im Vorteil, die einfach loslegen und keine Zweifel haben. Dabei stehen Zweifel am Anfang einer großen Interpretation.

Auch er selbst sei sich immer wieder unsicher, ob das, was er mache, überhaupt richtig sei, sagt Nott. „Eigentlich dachte ich, das vergeht, wenn du älter wirst. Aber je mehr du glaubst zu wissen, desto größer ist auch die Verantwortung, die du spürst – gegenüber dem Werk, den Musikern und gegenüber dir selbst.“ Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass der Brite noch auf die alte, traditionelle Weise Karriere gemacht und die Ochsentour durch das deutsche Stadttheatersystem absolviert hat. Erst mit 28 Jahren stand er zum ersten Mal am Pult eines Sinfonieorchesters, an der Frankfurter Oper, wo er vorher jahrelang als Korrepetitor mit den Sängern ihre Partien einstudiert hatte. Wer so spät anfängt, die Macht und die Ohnmacht eines Dirigenten zu spüren, der ist vom Zweifel durchdrungen: ob man wirklich etwas Eigenes zu den schon abertausendmal gespielten Klassikern zu sagen hat? Ob man völlig ehrlich zu sich selbst und seinem Orchester ist?

Das bloß Imitierte, Vorgetäuschte entlarvt sich schnell, wenn man vor hundert Musikern steht, die einerseits die Führung durch eine Mahler-Sinfonie verlangen, andererseits aber das Stück teils schon viel länger kennen als der Dirigent. Macht da einer nur auf Maestro und kopiert Karajans Beschwörungsgesten oder besitzt er eine echte, eigene Persönlichkeit? Das Orchester wird es als Erstes herausfinden.

„Ob einer sein Handwerk beherrscht, merkt man sofort. Aber um eine Persönlichkeit zu erkennen, braucht es länger“, bekräftigt Christian Dibbern. „In diesem Wettbewerb ist man schnell versucht, ein Urteil zu fällen, aber für mich hat sich bei einigen Kandidaten nach jeder Runde wieder ein neues Bild ergeben.“ Dibbern sitzt auf der anderen Seite. Seit 33 Jahren ist der Geiger Mitglied der Symphoniker in Bamberg und hat Stars und Versager aus nächster Nähe erlebt. Ein guter Dirigent, sagt er, strahle einfach eine Konzentration aus, die einen dazu bringe, ihm zu folgen. „Denn natürlich will man geführt werden, nur eben nicht mit Kommandos, sondern mit Verstand und Wärme.“

Dirigieren habe viel mit Körperlichkeit zu tun, fährt Dibbern fort. Frauen hätten es schon allein deshalb schwerer, weil sie sich anders bewegen würden. Auch die Frauen im Orchester würden eher auf junge Dirigenten ansprechen, die ihre Mutterinstinkte weckten – wie der englische Shootingstar Robin Ticciati, den die Bamberger auf Anhieb ins Herz schlossen. Der sei einfach so lieb, dass man ihm nicht wehtun wolle: „Wer Schwäche zeigt, den nimmt man doch in Schutz.“

Das kann man auch auf Ainars Rubikis beziehen. So schusselig es aussieht, wenn er immer wieder hektisch in seinen Partituren herumblättert, sich durchs dichte rotblonde Haar fährt und manchmal einfach innehält, um einen Moment nachzudenken – so ehrlich und sympathisch wirkt es auch. Meist spricht er danach die Kernprobleme an. Wohin die Musik an einer Stelle will, ob sie bedrohlich oder beklommen klingen soll.

Mit dieser Mischung aus Schwäche und Konzentrationsfähigkeit ist Rubikis bisher ziemlich weit gekommen. Der Lette, mit über dreißig einer der ältesten Teilnehmer im Feld, steht im Finale. Von den 289 Videobewerbungen, die die Juroren im Vorfeld gesichtet haben, und den zwölf letztlich ausgewählten Teilnehmern ist zu diesem Zeitpunkt neben ihm nur noch der impulsive Aziz Shokakimov übrig geblieben. Das Duell ist zugleich eine Grundsatzfrage für Nott und seine Mitjuroren. Setzt man darauf, dass aus dem begabten Wunderkind ein großer Dirigent wird, und liefert dem Markt den Star, nach dem er verlangt? Oder entscheidet man sich für den schüchternen Letten, dessen Subtilität erst auf den zweiten Blick erkennbar wird?

Auf die Kontrahenten wartet die schwerste Aufgabe erst im Finale: der langsame Satz von Mahlers Vierter, der ohne Probe dirigiert werden muss. Das sind 25 Minuten Musik mit langen melodischen Bögen, durch die ein imaginäres Gummiband gezogen werden muss, um sie unter Spannung zu setzen. Ganz langsam muss der Dirigent Energie sammeln und den Druck aufstauen für den großen Fortissimo-Ausbruch gegen Ende. Hilft es, sich diesen Satz als großen Traum mit schmerzhaftem Erwachen vorzustellen?

Was geht im Kopf von Ainars Rubikis vor, als er den ersten Einsatz gibt? Weiß er, dass sein Konkurrent gerade gescheitert ist, weil er Mahlers Weltschmerz zu sehr nachgegeben und die Melodien bis zur Zerfallsgrenze überdehnt hatte?

Müßig, darüber zu spekulieren. Rubikis schüttelt jedenfalls im entscheidenden Moment alle Zweifel ab. Immer wieder zieht er die Musiker mit seinen umarmenden Bewegungen zu sich heran, als halte er imaginäre Zügel in der Hand. Und er baut eine Sogkraft auf, die das ganze Stück über nicht nachlässt und ihm den ersten Preis beschert.

Gut möglich, dass aus dem Letten ein großer Dirigent wird. Dazu braucht er nicht mal einen Taktstock.

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