Junge Väter : Von Windeln verweht

Ein junger Vater schiebt Kinderwagen und beginnt zu hassen: Die beseelten Blicke anderer Eltern, dieses "Du gehörst jetzt zu uns". Er will das nicht! Eine Abrechnung.

Thees Uhlmann

Erst einmal eines vorweg: Es ist ja geradezu ein Affront, dass schon wieder ein MANN über sein Kind schreibt. Fünf Prozent der Arbeit macht man maximal. Und man kann nur gefühlte vier Prozent der Verantwortung tragen. Aber sich dauernd zu Wort melden!

Das ist so, als ob alle nur über den Masseur der deutschen Nationalmannschaft sprechen würden, um hier gleich mal einen männlichen Vergleich zum besseren Verständnis reinzuknüppeln!

Also, in aller erster Linie soll dieser Text eine tiefe Verneigung vor den Damen dieser Welt sein für das, was sie vor der Schwangerschaft, während der Schwangerschaft und vor allen Dingen nach der Schwangerschaft über sich ergehen lassen müssen. Hut ab!

Und noch zwei Sachen seien vorausgeschickt. Meine Dame ist die Beste, und das Kid ist das Größte. Das im folgenden Geschriebene könnte sonst zu Verwirrung führen.

Also: Das Kid kam Anfang April. Gleich am zweiten Tag habe ich es, um die Mutter zu entlasten, drei Stunden durch Kreuzberg gefahren. Mit meinem wunderbaren Kinderwagen der Firma Teutonia. Das war eine Kaufempfehlung. Der Wagen ruckelt ordentlich. Das ist gut, denn merke: Wenn es ruckelt, schläft das Kind. Und wenn das Kind schläft, ist alles in Ordnung.

Kinderwagenfahren will gelernt sein. Ist nicht so einfach! Um einer Verzwirbelung des Kinderrückgrats vorzubeugen, fahre ich auf dem Kopfsteinpflaster immer nur auf den Hinterrädern. Das Gerumpel nervt beim Fahrradfahren schon genug, aber für das Kind muss das einem mittelschweren Erdbeben gleichkommen.

Wenn der Bürgersteig eben ist, gebe ich mir Mühe, den Wagen mit einer Hand zu fahren. Das demonstriert meine locker flockige Beziehung zum Kind. Den Wagen krampfhaft mit zwei Händen zu steuern, zeugt immer von der irrationalen Angst, er könnte plötzlich eine Schlucht hinunterrollen. Außerdem kann man so nicht telefonieren.

Mittlerweile kenne ich jeden Pflasterstein in Kreuzberg und auch jeden Dealer in der Hasenheide mit Vornamen. Nicht, weil ich Drogen kaufe, sondern weil ich so häufig an ihnen vorbeifahre.

Aber hier geht es los. Ich fahre mit dem Kinderwagen durch die Gegend, denke nach. Andere kommen einem mit dem gleichen Geschoss entgegen. Sie sind urban, halb gut verdienend und in der Wahl der Babyaccessoires sicher, geschmackvoll und trendy. Und jetzt kommt das Unvermeidliche. Das beseelte Lächeln. Dieses „Wir haben auch was geschafft“-Lächeln. Dieser „Wir sind uns ähnlich, denn wir haben beide ein Kind“-Blick. „Wir sind Teil der gleichen Gang. Wir sind die sich vermehrende Elite!“

Und ich sage: „NEIN!“

Das Einzige, was wir gemeinsam haben, ist ein geplantes/ungeplantes erotisches Tête-à-Tête mit anschließender Befruchtung vor ungefähr einem Jahr. Sonst nichts. Wir haben NICHTS miteinander zu tun. Wenn einem ein Pärchen entgegenkommt und man selbst alleine fährt, hat dieses Lächeln von der Frau etwas Aufmunterndes und auf Seiten des Mannes etwas Bemitleidendes. Sehe ich aus wie ein alleinerziehender Vater? Als wäre meine Frau schon wieder voll berufstätig und mit ihrem Chef auf „Geschäftsreise“?

Ich bekomme dann sehr schlimmen Zigarettendurst.

Schlimmer wird es nur noch, wenn einem ein einzelner Mann mit Wagen entgegenkommt. Er verlangsamt nämlich zu 60 Prozent seine Geschwindigkeit, weil er ... reden möchte. Er will sich austauschen! Er sagt: „Und?“. Er meint: „Wie alt ist das Kind, und wie läuft es?“ Ich will ihm das aber gar nicht mitteilen, weil ich jemanden, der ein St.-Pauli-T-Shirt oder ein Hammerhead-T-Shirt trägt, auch nicht frage, wie er sich fühlt. Da mache ich nicht mit!

Ich habe immer noch dieselben Freunde. Ich habe immer noch dieselben Interessen. Ich habe vielleicht ein Kind und seit April keinen Spielfilm mehr in kompletter Länge gesehen, weil immer etwas ist, aber das macht nichts.

Auch dieses Herunterreden der Tatsache, dass es harte, anstrengende Arbeit ist, ein Kind zu haben, hat sich inzwischen durchgesetzt. Weil die vier bis fünf führenden Magazine ausgerufen haben, dass es ein Leichtes ist, morgens das Kind klarzumachen, dann bei Airbus den neuen Jet zu konzipieren, um abends erst wieder das Kind klarzumachen, sich danach in Strapse und Negligé respektive schwarzen Anzug und Tigerunterhose zu schmeißen, um heiße Erotik, gutes Buch und teure Rotwein-Partys zu feiern.

Ich sage: „NEIN!“

Ich gebe zu, ein Kind zu haben, ist zu 90 Prozent der Himmel. Aber zu zehn Prozent ist es die gottverdammte Hölle. Wenn das Kind schreit – und merke, wenn das Kind schreit, hat es immer recht! – dann ist das kein Weinen, wie wenn man sich den kleinen Zeh nachts am Bettpfosten gestoßen hat. Das ist ein Geräusch vom Ende der Seele. Es ist das fundamentalste Geräusch, das es wahrscheinlich auf der Welt gibt. So hat es die Natur ja auch geplant. Das Geräusch des unzufriedenen Babys lässt einen sofort mit den Zähnen knirschen vor Aufgeregtheit, und es macht einen aggressiv und hilflos gleichzeitig.

Bei meinem Kid kann man dann nur zwei Sachen machen. Entweder man trägt es durch die Wohnung. Und das stundenlang. Wenn man denkt, es schläft, lässt man es leicht in die Krippe gleiten, nur um festzustellen, dass das Kind keine Mogelpackungen mag und sofort wieder anfängt zu schreien.

Oder man kann wieder mit dem Kinderwagen durch die Gegend fahren, weil es dann ruckelt, und dann schläft das Kind, und wenn das Kind schläft, ist alles gut, was aber wieder zum oben stehenden Problem führt.

Ich gebe zu, ich bin ein schlechter Vater. Ich habe ein schlechtes Karma. Ich liebe das Kid über alles, aber es kommt auch vor, das ich nachts durch die Gegend fahre, mit dem grölenden Kind, und mantraartig Zeilen aus dem wunderbaren Slayer-Song „South of Heaven“ vor mich hinsumme: „Bastard sons bagat your cunting daughters, promiscuous mothers with your incestuous fathers.“

Ich finde das auch furchtbar, aber ich kann nicht anders. Es ist die apokalyptische Härte, die mir so gut gefällt. Vom Kind und von Slayer.

Außerdem kann das Kid ja noch kein Englisch und versteht nichts, obwohl es natürlich hochbegabt ist. Aber das sagt jedes Elternpaar von seinem Kind. Allerdings sage ich nicht: „Hach, ich glaube, mein Kind ist hochbegabt. Toll!“ Sondern ich sage: „Hach, mein Kind ist hochbegabt. Das geht mit acht Jahren auf ein Hochbegabtencollege in Eton oder so. Dann kommen Mutti und Vati vorbei und gucken sich Britpop-Konzerte an.“

Ein gutes Beispiel für die ganze Unsicherheit, die man während seines ersten Kindes hat – und jeder, der was anderes sagt, lügt wie gedruckt und würde sofort Vater, Mutter und Kind an die spanische Inquisition verraten – ist folgende Geschichte: Hebamme sagt: „Kind alle zwei Stunden füttern. Solange es will!“ Kinderarzt sagt: „Was? Sie machen das noch alle zwei Stunden? Machen Sie mal alle drei Stunden und zwar nur 15 Minuten. Dann hat das Kind alles, was es braucht.“

Nicht, dass ich hier anschuldigen will. Ich denke, dass beide Fachkompetenzen aus den tiefen, ehrlichen Gründen ihres Herzens geraten haben. Aber dennoch machte das Kid Stress. Nicht nur ein bisschen, sondern es machte ... nennen wir es doch, wie es ist ... TERROR!

Es gibt einen Künstler in dieser Stadt, den ich sehr schätze. Er ist ein wahrer Chef auf allen Gebieten, die man sich vorstellen kann. Kid schreit, und in meiner Not schreibe ich ihm eine SMS. „Chef, das Kind macht Stress, und zwar so richtig. Rate mir etwas. Hilf mir!“ Er ruft keine zehn Sekunden später an und geht mit mir eine Checkliste durch. „Hmmmh!“, sagt er, „Ist das vielleicht der erste Zahn?“ Ich: „Quatsch, das Ding ist doch erst zwei Monate alt!“ „Hahaaaa!“, sagt er: „Kann jederzeit losgehen.“ Wir durchsuchen den Kiefer nach aufbrechenden Zahnausbuchtungen, finden aber nichts. Dann schreibt er noch eine SMS: „Oder hat das Kind einfach Hunger?“ Ich sage: „Nein, und außerdem sagen doch alle, dass man nur alle zwei bis drei Stunden füttern soll. Sonst Kolik, Seelenpfändung und Blähbauch!“ Er schreibt zurück: „Das ist doch protestantischer Quark. Das Kind weint doch nicht aus Spaß, sondern weil etwas ist! Füttert das noch mal ordentlich durch!“

Gesagt, getan. Das Kind grinst dieses Grinsen, das für alles entschuldigt, und schläft ein mit dem Finger des Vaters in der Hand. So ist das.

Und hier noch mal eine Lanze gebrochen für die ganzen kritisch beäugten Neuköllner und Neuköllnerinnen mit Migrationshintergrund. Die sabbeln einen nicht an, sondern glotzen in den Kinderwagen und fragen dann einfach nach: „Dschunge oda Mädschen!“

„Mädschen!“ sage ich.

„Guuuuud!“, sagen sie und ziehen weiter. Ehrliche Emotion, lobe ich mir dann ja doch noch. Mein Girl hat das während der Schwangerschaft schon festgestellt: Dass „die Ausländer“ wesentlich häufiger etwas Nettes über die Schwangerschaft gesagt haben oder es überhaupt bemerkt hätten als „die Deutschen“. Ich werde mal drüber nachdenken.

Haben Sie Langeweile, starke Nerven, eine Dame, bei der sie sich vorstellen können, sie 20 Jahre zu lieben, und haben Sie alle dummen Bars und dummen Typen dieser Stadt gesehen? Ja? Gut, dann sage ich: Machen Sie mal schnell ein Kind.

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