• Jurastudium und danach: Richter werden die wenigsten, aber oft unfreiwillige Existenzgründer - Zukunftschancen im E-Commerce

Zeitung Heute : Jurastudium und danach: Richter werden die wenigsten, aber oft unfreiwillige Existenzgründer - Zukunftschancen im E-Commerce

Regina Köthe

Julia will sich auf Europarecht spezialisieren, aber die Stellen sind rar und die Anforderungen an die Bewerber sehr hoch. Jetzt hat sie erstmal eine Teilzeitstelle bei einem Anwalt. Peter will eigentlich Richter werden, doch seine Noten sind nicht "voll befriedigend" und er ist bereits über Dreißig. Im Augenblick überlegt er, ob er doch als Anwalt tätig werden sollte. Caroline ist achtundzwanzig, hat gute Noten und arbeitet seit kurzem in einer Internetagentur als Juristin. Sie ist vor allem für Verträge und Urheberrechtsfragen zuständig.

Trotz Juristenschwemme hat das Jurastudium neben Medizin und Betriebswirtschaft das höchste Prestige. Doch die guten Verdienstmöglichkeiten und der sichere Arbeitsplatz ist einem Juristen nicht mehr garantiert. Im vergangenen Jahr hat die Arbeitslosigkeit unter Juristen um 8,7 Prozent zugenommen, während die Zahl arbeitsloser Akademiker insgesamt etwas gesunken ist. 6 539 Juristen waren 1999 arbeitssuchend. Laut Auskunft der Bundesanstalt für Arbeit beenden circa 10 000 Juristen pro Jahr ihre Ausbildung mit dem zweiten Staatsexamen (Informationen zu Berufsbild und Chancen in der Broschüre "Juristinnen und Juristen" der ZVA, t 02 28 - 713 - 0).

Das Jurastudium ist bundesweit noch auf den Richterberuf ausgerichtet. Einzige Ausnahme ist seit fünf Jahren die Universität Heidelberg, die eine "anwaltsorientierte Juristenausbildung" anbietet (Infos unter www.uni-heidelberg.de ). Denn in Justiz und Verwaltung werden nur noch etwa zehn bis 15 Prozent der Juristen eingestellt. Der Rest muss mehr oder weniger wider Willen die Anwaltsrobe anziehen. Doch genau auf dieses Berufsfeld sind sie während ihres Studiums am wenigsten vorbereitet worden. Und auch der Arbeitsmarkt für Anwälte ist enger geworden, sagt Swen Walentowski, Sprecher des Deutschen Anwaltsvereins (DAV). Deshalb bieten der Deutsche Anwaltsverein und auch das "Forum Junge Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte" den Neueinsteigern praktische Tipps und Unterstützung bei der Gründung einer Kanzlei an ( www.anwaltsverein.de und www.forum.anwaltsverein.de ).

Genau 46 Prozent der deutschen Anwaltsbüros sind Einzelkanzleien. Im Durchschnitt hat eine Kanzlei 1,8 Mitarbeiter. Das wirft ein deutliches Licht auf den Markt. Der kleine Anwalt um die Ecke, den Manfred Krug in der Fernsehserie "Liebling Kreuzberg" darstellt, macht die Mehrheit der Kanzleien aus. "Nur drei Prozent aller Anwälte arbeiten in den 25 größten Kanzleien Deutschlands", erläutert Swen Walentowski vom Deutschen Anwaltsverein. "Man sollte sich schon während des Studiums damit abfinden, dass man mit großer Wahrscheinlichkeit Anwalt wird und sich im Studium und während des Referendariats darauf vorbereiten", empfiehlt Swen Waltentowski.

Ein Prädikatsexamen, bei Juristen ist das die Note "voll befriedigend", ist nur der erste Schritt, um eine der 300 bis 500 offenen Stellen für Juristen zu bekommen. Die Note allein reicht jedoch nicht mehr aus, um einen sich einen der begehrten Jobs zu sichern. Frühzeitige Auslandserfahrungen, besondere Fremdsprachenkenntnisse und ausgefallene Praktika sind Bausteine einer Biografie, die für Unternehmen und Verbände interessant sind.

Um es Bewerbern und Kanzleien zu erleichtern, ohne langwierige und teure Anzeigenschaltung einen passenden Kandidaten zu finden, hat der DAV die Bewerberdatenbank AdvoJOB aufgebaut. Sie ist am 1. Juni ans Netz gegangen ( www.advojob.de ). Hier haben Kanzleien die Möglichkeit, mit qualifizierten Nachwuchsjuristen in Kontakt zu kommen. Gleichzeitig können Bewerber sich über die Profile der Kanzleien informieren. Die Lebensläufe der Bewerber werden anonymisiert und bei Interesse einer Kanzlei erhält der Kandidat vom AdvoJOB-Team eine Mail mit der Frage, ob seine Daten weitergeleitet werden dürfen. Erst dann erhält die Kanzlei den Namen des Bewerbers. Diskretion und Seriosität sind - so wird beteuert - vollständig gewahrt.

Um die "dicken Fische" unter den Juristen kümmert sich Frank Wartzek von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt am Main. Er betreut und vermittelt nicht die Neueinsteiger, sondern das mittlere und obere Management, das ab 110 000 Mark Jahresgehalt anfängt. Das sind Syndicusanwälte oder Justitiare mit mehrjähriger Führungserfahrung als Abteilungs- oder Hauptabteilungsleiter. Gesucht wird von Wirtschaftsunternehmen, Immobilienfirmen, großen Kanzleien und Verbänden. Die Motivation derer, die sich als Kandidaten bei Frank Wartzek melden, ist ganz unterschiedlich. Die einen wollen sich verändern und suchen neue Herausforderungen, andere wollen schlicht mehr verdienen. Besonders begehrt sind von Arbeitgeberseite Wirtschaftsjuristen mit Erfahrungen im internationalen Recht.

Der Bereich der Neuen Medien und des E-Commerce ist nach Frank Wartzeks Einschätzung erst in Entwicklung und die Nachfrage nach Juristen noch nicht so groß. Dafür ist man hier aufgrund des "jugendlichen" Images bereit, auch jüngere Juristen mit wenig Erfahrung einzustellen, die sich langsam in die Thematik einarbeiten.

Größere Wirtschaftsunternehmen suchen dagegen eher Juristen mit ausgereiften Spezialkenntnissen und langjähriger Führungserfahrung. Spezialisten für Steuerrecht und Wirtschaftprüfung sind begehrt, doch dieser Bereich liegt aufgrund der sehr "trockenen" Materie nicht Jedem. Generell meint Frank Wartzek, dass jeder Jurist gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat, wenn er über ein solides und breit gefächertes Grundwissen verfügt und sich nach seinem Studium zunehmend spezialisiert. Und in der Wirtschaft erwartet man Juristen, die zielorientiert sind und sich nicht verzetteln. "Unkompliziert kommt gut an."

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