Jussi Adler-Olsen im Interview : „Die Psychiatrie war ein wunderbarer Ort“

Der Drucklufthammer ist sein Lieblingswerkzeug, und leicht kommen ihm die Tränen. Jussi Adler-Olsen über Handwerk, Pornografie und seine Kindheit als Arztsohn.

Jussi Adler-Olsen.
Jussi Adler-Olsen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Adler-Olsen, Sie sind derzeit wahrscheinlich der berühmteste Däne hierzulande. Gestern trafen Sie sogar den deutschen Bundespräsidenten.

Ja, auf einer Veranstaltung im Auswärtigen Amt. Es war toll, ihn zu sehen. Ich respektiere Joachim Gauck sehr.

Kannten Sie ihn denn bereits?

Nein, aber ich habe von seiner Geschichte gehört. Ich war in den 70er und 80er Jahren aktiv in der dänischen Friedensbewegung. Ich koordinierte die Fahrten ins Ausland, von Kopenhagen nach Paris oder zur legendären Friedensdemonstration in Bonn, wo 1980 eine Million Menschen zusammenkamen. Und wir fuhren auch hinter den Eisernen Vorhang, nach Bulgarien, in die DDR.

Wie hat Ihnen die DDR gefallen?

Nicht so gut. Ich war einige Male in den 80er Jahren da. Sofort, wenn ich auf dem Flughafen Schönefeld ankam, fühlte ich mich unwohl. Ich wurde als eine Bedrohung angesehen, mein Gepäck war eine Bedrohung, meine Schreibmaschine, mein Benehmen – auch wenn ich mich als ganz normal empfand. Wie die Stasi sich in diesem Land verhielt, das war fürchterlich.

Stoff für einen Thriller.

Jahre später habe ich „The Washington Decree“ geschrieben, der ist in Deutschland noch nicht erschienen. Das Buch basiert auf aktuelleren Geschehnissen, nämlich den Maßnahmen, die Präsident Bush nach den Anschlägen vom 11. September veranlasst hat, als er alle Sicherheitsabteilungen in einem Ministerium bündelte. Da gibt es schon schockierende Parallelen zur DDR.

Für den Empfang beim Bundespräsidenten sollen Sie sich extra einen Armani-Anzug gekauft haben.

Es ist nicht mein erster. Ich war eine Weile Manager, da musste ich mit den Wölfen heulen. Von der Einladung erfuhr ich erst während meiner Lesereise. Ich hatte nur einen braunen Anzug dabei und wollte nicht rausstechen zwischen all den schwarz Gekleideten. Auch wenn Peter Lohmeyer…

… der Schauspieler?

Ja, ein guter Freund von mir, Lohmeyer sagte mir, wir Künstler dürfen alles tragen. Ich habe mich für einen klassischen Anzug entschieden, weil ich mich eigentlich gar nicht als Künstler empfinde.

Sie sollen gern in Baumärkten einkaufen. Sehen Sie sich mehr als Handwerker?

Das stimmt, wenn ich zu Hause in Dänemark bin, gehe ich jeden Tag in den Baumarkt. Ich mag es, Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Alte Verstärker, ganze Häuser. Und ich mag es gar nicht, wenn die abgerissen werden, nur weil sie verfallen sind. Oft kann man daraus noch so viel machen.

In den letzten 20 Jahren sollen Sie ein Dutzend Häuser renoviert haben.

Das hatte verschiedene Gründe, zunächst einmal habe ich es getan, weil ich das kann.

Sie kommen aus einem Ärztehaushalt. Wer hat Ihnen das beigebracht?

Ich habe genug Handwerker beobachtet, dann mache ich das nach, und eines Tages kann ich es auch. Außerdem war das auch finanziell sehr reizvoll. Wenn man in Dänemark ein Haus kaufte und später wieder verkaufte, musste man den Gewinn nicht versteuern. Und wir haben verdammt hohe Steuern, für mich liegen sie bei 67 Prozent. Da ist es ein gutes Gefühl, eine Million zu verdienen und die dann auch behalten zu dürfen. Das ist eine Art…

… Geldwäsche?

Ja, aber legal. Und es hält mich fit, wenn ich Sachen repariere und mich dabei bewege.

Welche Arbeit ist Ihnen die Liebste?

Die mit Holz. Wenn man die Dachziegel abnimmt und darunter an den Balken arbeitet, das ist sehr befriedigend. Und man sieht sehr schnell einen Erfolg. Ganz anders als beim Malern. Da müssen Sie ewig viel vorbereiten.

Und Ihr Lieblingswerkzeug?

Der Drucklufthammer. Wenn ich die Leitungen verlege, mit so einem Ding geht das wahnsinnig schnell. Und man schädigt das Holz nicht so wie mit einem normalen Hammer.

Tempo scheint Ihnen sehr wichtig zu sein. Kümmern Sie sich nicht gern um die zeitraubenden Details?

Das würde ich nicht sagen. Wir haben eine Wohnung in Barcelona gekauft, und da versteht man sehr genau, was Detailfreude bedeutet.

Barcelona ist begehrt. Welcher Stadtteil?

Barceloneta. Das ist eine Arbeitergegend am Meer, kein touristisches Viertel. Die Menschen wohnen dort noch, und was ich brauche, kann ich in kleinen Läden um die Ecke einkaufen. Die Preise sind vernünftig, die Leute laufen nicht in Anzügen durch die Straßen, sondern in ihrer Arbeitskleidung oder in Jeans. Und dann die Sonne, wenn ich die Fenster öffne, scheint sie direkt in die Wohnung. Jeder Skandinavier liebt das.

In Barceloneta sieht man an den Fassaden auch Transparente, auf denen Einheimische gegen den Wohnungskauf durch Ausländer protestieren.

Ja, das stimmt. Wir stören irgendwie das Gleichgewicht vor Ort. Die alte Frau, die 71 Jahre in der Wohnung lebte, bevor sie jetzt an uns verkaufte, hatte große Angst, dass wir die Wohnung an Touristen vermieten würden. Ich versicherte ihr, so oft wie möglich selbst zu kommen und die Wohnung ansonsten nur an Freunde oder Familienangehörige abzugeben.

In Dänemark wohnen Sie in Alleröd in einem Backsteinhaus aus den 20er Jahren. Oder haben Sie schon das nächste Objekt im Auge?

Die derzeitige Lage gefällt mir sehr. Ich wuchs in Kopenhagen auf und dann auf dem Land. In Alleröd habe ich beides, ich wohne in einer kleinen Stadt und habe die Hauptstadt in der Nähe. Das sind meine Bedingungen: Ich brauche ein Fußballstadion, ein Theater und ein Kino.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?

„The Help“, ein Film, der in Mississippi Anfang der 60er Jahre spielt. Am meisten berührt hat mich das Schicksal der jungen weißen Frau, die für ihr Projekt alles opferte und daran zerbrach. Emma Stone hätte einen Oscar für diese Rolle bekommen müssen. Man erlebt nicht oft, wie die Zuschauer sitzen bleiben, während der Abspann läuft.

Haben Sie geweint?

Natürlich, ich bin sentimental. Mitleid gehört zu meinem Leben – und auch zu meinem Schreiben. Das ist der deutsche Anteil in meiner Familie.

Sie meinen, Deutsche neigen zu großen Gefühlen?

Mein Urgroßvater kam aus Schleswig. Er hatte schon diesen unkontrollierbaren Drang zu weinen und gab das an meinen Großvater weiter. Wenn der nur sagte, oh, ich bin so glücklich, euch zu sehen, ging es schon los. Er hat es meiner Mutter vererbt und sie mir. Ich muss nur an Vittorio de Sicas Film „Umberto D.“ denken, den armen alten Mann, der mit seinem Hund zusammenlebt, und mir kommen die Tränen.

Um Himmels Willen, Ihre Stimme wird schon ganz brüchig.

Wenn ich Freunde wiedersehe nach langer Zeit, passiert genau dasselbe.

Es war uns jetzt gar nicht bewusst, dass Deutsche…

… ach, ich kenne Euch! Ihr seid heimliche Dänen.

Bitte?

Förmlich im öffentlichen Leben, aber humorvoll im Privaten. Ganz anders als die Schweden.

Skandinavien versorgt Europa mit knallharten Krimis. Können Sie uns dieses Phänomen erklären?

Wahrscheinlich tun es viele des Geldes wegen. Krimis sind leicht zu schreiben.

Wir dachten, es hätte vielleicht mit den langen Winternächten dort zu tun.

Ich will nicht ausschließen, dass das eine Rolle spielt. Nehmen Sie die Autoren meiner Generation, Mankell, Nesbø und die anderen. Wir hatten kein Fernsehen, als wir Kinder waren. In den langen Wintern ohne Playstation haben wir gelernt, Geschichten zu erzählen.

Bevor Dänemark sich einen Namen als Krimiland machte, versorgte es die Welt mit Pornografie. Die wurde in Ihrer Heimat schon 1969 legalisiert. War das ein wichtiges Datum für Sie?

Hm, ich konnte fortan Menschen beim Sex zugucken. Wer mag das nicht als Jugendlicher. Ich erinnere mich, wie ich als Oberschüler einen Sexfilm von 1967 sah, er hieß „Poison“. Jedes Mal, wenn das Paar miteinander schlief, wurden schwarze Balken drübergelegt. Mal einen Film ohne solche Balken zu sehen, das war schon gut.

Ihr Vater hatte bereits in den 50er Jahren ein berühmtes Aufklärungsbuch geschrieben.

Ihn störte, dass so viele Frauen in seine Praxis kamen und nichts über Sex und Geschlechtskrankheiten wussten. Das Buch machte ihn berühmt. Meinen Großvater hat es schockiert. Er hatte als Lebensmittelfabrikant ein Vermögen gemacht und viel für religiöse Einrichtungen gespendet. Und nun dieses ganze Gerede über Penisse und Vaginas. Die beiden haben nicht mehr miteinander geredet.

Und was bedeutete das Buch für Sie?

Ich war der Sohn von Sex-Olsen. Alle meine Freunde wollten mich besuchen, weil wir diese Bücher zu Hause hatten. Außerdem hatte sich mein Vater als Psychiater spezialisiert, er war Oberarzt, wir lebten in der Wohnung Nummer Eins auf dem Klinikgelände, und er fuhr einen Mercedes. Das klingt jetzt toll, nur, wir reden von den 50er Jahren, eine sehr hierarchische Zeit. Es war nicht immer einfach für mich.

Wie meinen Sie das?

Die Ehrerbietung meinem Vater gegenüber übertrug sich auch auf uns. Wenn ich oder meine Schwester in einen Laden kamen, und da war eine Schlange, dann hat die Verkäuferin, sobald sie uns sah, schon gerufen „Oh, die Oberarztkinder, kommt doch nach vorne“. Meine vier Jahre ältere Schwester hat das gehasst. Das übertrug sich auf mich. Bis heute mag ich es nicht, wenn Menschen bevorzugt behandelt werden.

Das Klinikgelände, auf dem Sie lebten, war eine Einrichtung der Psychiatrie.

Ein wunderbarer Ort, da waren all die Schwestern, Wärter und Ärzte, viele hatten Kinder in meinem Alter, wir konnten in einer Sekunde zwei Fußballmannschaften aufstellen.

Durften die Patienten auch mitspielen?

Nur eine Abteilung war geschlossen, die, in der die sehr gewalttätigen und unheilbaren Patienten untergebracht waren. Alle anderen konnten sich frei bewegen. Das hat mich offen gemacht für alles. Ich habe keine Scheu vor Behinderten. In meinem Freundeskreis habe ich viele Menschen, die irgendwie schräg sind. Ich selber habe ja auch viele schräge Sachen ausprobiert, habe Musik gemacht, einen Comicshop betrieben…

Sie haben Carl Mørck, den Helden Ihrer Krimireihe, nach einem verurteilten Mörder benannt, der damals in derselben Klinik lebte.

Das Essen wurde von Patienten in unser Haus gebracht. Er war einer von ihnen, immer höflich. Eines Tages fragte ich meinen Vater, warum der Mann hier sei. Mein Vater hat mir erklärt, dass das Leben manchmal hart sein kann, Mørck und seine Frau verstanden sich nicht, stritten sich viele Jahre, bis er sie tötete. Das machte ihn krank, erst darüber wurde er verrückt.

Und dass Sie seinen Namen verwendeten, ist das eine Art Hommage?

Das hat mich meine Schwester auch gefragt. Hm, als ich das geschrieben hatte, dachte ich überhaupt nicht an ihn, das geschah wohl unterbewusst.

In einem anderen Ihrer Bücher, „Das Alphabethaus“, tauchen zwei englische Piloten, die über Nazideutschland abgeschossen wurden, in einer Irrenanstalt unter. Glauben Sie kraft Ihrer eigenen Erfahrung wirklich, dass jemand auf Dauer anderen vorgaukeln kann, verrückt zu sein?

Natürlich. Es gibt Leute, die können eine glückliche Ehe über Jahre simulieren. Andere tun über Jahre so, als ob sie ihre Kollegen mögen würden. Da hatte es James in meinem Buch eigentlich sogar einfacher. Er war ja wirklich krank, von der falschen Bluttransfusion, von der harten Behandlung. Glauben Sie mir, das geht.

Ihr nächstes Buch der Mørck-Reihe, das in Deutschland im September erscheint, handelt von einer populistischen Partei und von Zwangssterilisierungen.

Dieses Thema kommt aus meiner Vergangenheit. Vater arbeitete als angehender Arzt in den 30er Jahren in einer Institution, in die Frauen eingewiesen wurden, die man als Huren ansah. Das war auf einer Insel zwischen Jütland und Seeland. Später erzählte er mir davon. Und er kämpfte Zeit seines Lebens gegen ein System, in dem Ärzte ihre Macht missbrauchen konnten. Ich hasse Machtmissbrauch in jeder Hinsicht, in der Öffentlichkeit, im Berufsleben, in Familien und Freundschaften.

Sie haben sich als junger Mann sterilisieren lassen und das öffentlich gemacht. War das auch ein politisches Statement?

Ich weiß nicht, warum ich mich dazu habe hinreißen lassen. Meine Frau und ich, wir haben uns innig geliebt, aber wir dachten, in dieser Welt mit dem Krieg in Vietnam, mit den Massakern in Uganda, in diese Welt sollte man keine Kinder hineinsetzen. Es gebe genug Kinder, die kein Zuhause hätten, man sollte sich erst um die kümmern. Wir haben das später sehr bedauert.

War es der größte Fehler Ihres Lebens?

Ja. Aber um es kurz zu machen, wir haben es rückgängig machen lassen. Und wir haben einen inzwischen erwachsenen Jungen. Erst als wir Eltern wurden, wusste ich, dass ich alles, was ich vorher über mich gedacht hatte, vergessen konnte. Ich fühlte mich nicht mehr so wichtig. Man kann noch so berühmt werden und respektiert, ein eigenes Kind relativiert das alles. Das klingt vielleicht ein bisschen hysterisch, aber was mache ich schon? Ich sitze in aller Stille am Schreibtisch, schreibe vor mich hin, und am Ende liegt da ein Buch.

Herr Adler-Olsen, das deutsche Publikum kennt Ihre Figuren bisher nur aus Büchern. Aber schon bald soll es den ersten Film geben. Eine Frage interessiert uns in diesem Zusammenhang: Was ist so schlimm an Lars von Trier?

Sie meinen, weil ich ihn als Regisseur für die Verfilmung meiner Bücher abgelehnt habe? Nichts, er ist ein kluger Kopf, sehr kreativ, wir kennen uns schon aus Studententagen. Aber sein schwarzer Blick auf die Gesellschaft, kombiniert mit meinen schwarzen Büchern, das wäre doch ein sehr düsterer Film. Das passt für mich nicht. Ich will einen heiteren Sommertag, an dem schlimme Dinge passieren.

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