Justizsenator Thomas Heilmann : Amt und Bürde

Generationen von Justizsenatoren hat das Berliner Landgericht verzweifeln lassen. Thomas Heilmann bislang nicht. Er will reformieren – und nicht alle verstehen, wie. Manche nennen ihn einen Schwätzer. Er selber sagt: Ich verunsichere das System.

Thomas Heilmann, 48, ist seit eineinhalb Jahren Justizsenator in Berlin.
Thomas Heilmann, 48, ist seit eineinhalb Jahren Justizsenator in Berlin.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

So sieht es also aus, wenn zwei Welten aufeinanderprallen. Die Decke hängt niedrig im Erdgeschoss des Moabiter Kriminalgerichts, neben der Tür zum Hof sitzt ein Mann, inmitten eines roten Aktengebirges, und schwingt den Hammerstempel. Der hölzerne Stiel liegt dem Wachtmeister locker in der Hand, der Stempelkopf hüpft vom Kissen auf die Akte, zurück aufs Kissen, auf die nächste Akte. Kindstötungen, Tankstellenüberfälle, Fahrraddiebstähle – mit jedem seiner Eingangsstempelschläge verwandelt er Verbrechen in Vorgänge, zwingt ihnen eine strikte Reihenfolge auf. Der Mann trägt eine taubenblaue Uniform, unter der sich deutlich sichtbar ein Bauch wölbt, er stempelt und stempelt, auch als er über seine Lesebrille blickt und sagt:

„Ich mach’ das jetzt seit 40 Jahren.“

Vor dem Aktengebirge steht Thomas Heilmann, Justizsenator, Werbeprofi, erfolgreicher Unternehmer. Heilmann nimmt ersten Kontakt auf:

„40 Jahre! Da haben Sie aber schon mit zwölf angefangen, was?“

„Bitte, was?“, fragt der glatzköpfige Wachtmeister, stempelt aber unverdrossen weiter. Heilmann legt nach.

„Na, so jung, wie Sie aussehen!“ Der Uniformierte guckt verdutzt.

O je, bloß weiter, die Zeit drängt, der Senator will heute noch bis unters Dach.

Blick hinter die Kulissen vom Moabiter Kriminalgericht
Sieht schön aus die Eingangshalle vom Moabiter Kriminalgericht. Was sich hinter den Kulissen von Deutschlands größter Anklagebehörde abspielt, ...Weitere Bilder anzeigen
1 von 18Foto: Kitty Kleist-Heinrich
12.05.2013 17:51Sieht schön aus die Eingangshalle vom Moabiter Kriminalgericht. Was sich hinter den Kulissen von Deutschlands größter...

Vermutlich gibt es kaum größere Gegensätze als diese beiden: das Berliner Landgericht, dieser 230 Meter lange Steinklotz in der Turmstraße, von dem es heißt, dass er schon Generationen von Justizsenatoren in die Verzweiflung getrieben habe. Wo der Zustelldienst fast noch funktioniert wie vor 100 Jahren, mit grünen Gummi-Fingerkappen zum Blättern, Bindfäden, Aktenwägelchen und Hebebühne. Und Thomas Heilmann, ehemaliger Chef der Werbeagentur Scholz & Friends, Internetsprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Investor mehrerer Technologie- und Internetfirmen. Wie wäre es also, mit diesem IT-affinen Multitalent einmal den Weg einer Akte zu verfolgen? Von der Poststelle bis zum Richtertisch?

Die kurze Antwort: Geht gar nicht, so etwas kann Tage dauern, und Heilmann hat nur zwei Stunden. 120 Minuten für einen hastigen Rundgang durch Europas größtes Amtsgericht und den Beweis der These, dass es so nicht noch 100 Jahre weitergehen kann. Und wenn es nach Heilmann geht, noch nicht einmal eine weitere Legislaturperiode lang. Als der Senator, im dunklen Anzug, weißen Hemd und wie so oft ohne Schlips, an diesem Vormittag die knapp 30 Meter hohe und 27 Meter breite Eingangshalle entlangläuft, wabern die Gerüchte schon über die Gänge: Der Senator kommt, er will die Poststelle privatisieren, Wachtmeistern kündigen, Schreibkräfte rauswerfen …

Alles Unsinn, trotzdem liegt eine sonderbare Spannung in der Luft, als Heilmann, 48, durch die Poststelle schlendert. Er kennt die Gerüchte, er reißt Witze, schüttelt Hände, klopft Schultern. Der große Blonde hat in den vergangenen Monaten in der Justiz den Ruf erworben, zuweilen unberechenbar zu sein. Er hat sich über alle Hierarchien hinweggesetzt, mit der Basis verschworen, er hat Reformen angekündigt und wieder verworfen. „Heilmann sorgt für ganz viel Wirbel“, sagen die Staatsanwälte. Nicht alle sind glücklich darüber.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!