Zeitung Heute : Juwelen der Straße

Junge Kunst aus Polen ist seit Jahren ein Erfolg. Eine Wiedererkennbarkeit gibt es für sie nicht. Gemeinsam ist ihr jedoch eine hohe Ernsthaftigekeit

Geschichte wird gemalt. Wilhelm Sasnals Gemälde „Shoah (Forest)“ aus dem Jahr 2002 sorgte prompt für Aufregung, denn es zeigt vor allem Verwischungen, die für das Moment der Verdrängung stehen. Foto: Private collection, courtesy the artist
Geschichte wird gemalt. Wilhelm Sasnals Gemälde „Shoah (Forest)“ aus dem Jahr 2002 sorgte prompt für Aufregung, denn es zeigt vor...

Wohl kaum eine Kunst war in den vergangenen Jahren international so erfolgreich wie junge Malerei und Skulptur „Made in Poland“. Den in die weite Welt strebenden Künstlern mochte es wenig gefallen haben, dass ihre Werke ausgerechnet einen Stempel aufgedrückt bekamen, der sie an ihr Heimatland zurückbindet. Doch gerade die Herkunft diente als Verkaufsargument in einem Markt, in dem beständig nach neuesten Trends Ausschau gehalten wird und permanent Frischware herangeschafft werden muss. YPA – Young Polish Artists – galt in den neunziger Jahren schon bald als das nächste große Ding, und so mancher begann, um das zarte Pflänzchen zu fürchten. Schließlich hatte es auch die Young British Artists (YBA), an die sich das Kürzel YPA anlehnte, nach wenigen Jahren hinweggefegt. Schubladen sind gefährlich, vor allem für Künstler.

Und doch demonstriert die andauernde Erfolgsgeschichte der polnischen Kunst das Gegenteil. Jeder Sammler, der auf sich hält, wird mindestens zwei, drei polnische Künstler in seinem Portfolio haben. Jede internationale Ausstellung, die sich auf Augenhöhe mit aktuellen Diskursen wähnt, muss Vertreter dieses Landes zeigen. Oder sie lädt sich gleich einen Polen als Ausstellungskurator ein, wie es die kommende Berlin-Biennale 2012 mit dem Künstler Artur Zmijewski macht.

Woher sich die Kraft dieser jungen Generation speist, liegt für die Grande Dame der polnischen Kunst und Kuratorin der großen Jubiläumsausstellung im Martin-Gropius-Bau, Anda Rottenberg, auf der Hand: Nicht erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kamen die Maler und Bildhauer in Fahrt. Die Avantgarde blieb auch während der kommunistischen Jahre konstant aktiv, und sei es im Widerstand. Kunst zu machen, entsprang einem kritischen Geist, der auch heute noch das Werk vieler Künstler prägt, die sich als dezidiert politisch verstehen.

Was verbindet die polnischen Künstler? Gibt es einen gemeinsamen Nenner, der eine Wiedererkennbarkeit gewährleistet? Ist die Kunst tatsächlich so düster, wie viele meinen? Inhaltsschwer, selbstironisch, ja bitter? Wer heute polnische Kunst betrachtet, sieht die ganze Bandbreite internationaler Spielarten abgedeckt. Was sie auszeichnet, ist eine hohe Ernsthaftigkeit, die jedoch für alle gute Kunst gilt. So bleibt es am Ende bei Einzelpositionen, die zu würdigen sind – unter den Malern, allen voran Wilhelm Sasnal, Zbigniew Rogalski und Tomasz Kowalski, die einer großen Malkultur entstammen und mit ihren souveränen Werken zugleich das Vertrauen in eine Kunst stärken, die sich alle paar Jahre neu rechtfertigen muss, wenn die Malerei wieder einmal für tot erklärt wird.

Dieses Selbstbewusstsein und diese Formsicherheit zeigt sich auch bei den Bildhauern. Mag Polen früher vor allem für seine Minimalisten bekannt gewesen sein, so sind es unter den Jungen heute vor allem die Erzähler, die mit böser Pointe Geschichte heraufbeschwören oder sich über den Alltag mokieren So baute Robert Kusmirowski bei der 4. Berlin Biennale (2006) aus Kartonage einen den Deportationszügen der Nazis zum Verwechseln ähnlichen Waggon. Alicia Kwade gelingt es immer wieder, ihr Material umzuinterpretieren, indem sie hundert Steine von den Straßen Berlins in Form kostbarer Edelsteine schleifen ließ oder zahllose leere Champagnerflaschen pulverisierte und zum Berg anhäufte.

Vielleicht ist es auch das Wissen um die künstlerische Autonomie, die das Schaffen polnischer Künstler auszeichnet. Dafür steht der kürzlich verstorbene Roman Opalka (1931–2011) ein, der Zeit seines Lebens weiße Zahlen in Progression mit immer höherem Weißanteil auf grau getönte Leinwand schrieb, so dass sich die Erscheinung zunehmend lichtete. Die Behauptung reiner Gegenwart verband sich hier mit dem Blick auf Vergangenheit und Zukunft, zumal sich der Künstler am Ende eines Arbeitstages fotografierte und damit den eigenen Alterungsprozess dokumentierte.

Auch Miroslaw Balka ist Zahlenfetischist, auch er kreist um seine Person – jedoch lyrischer. Der Konzeptkünstler nimmt seine eigenen Körpermaße als Ausgangspunkt für seine Skulpturen. In seinem Werk kreuzt sich nüchterne, minimalistische Darstellung mit biographischen Details. Immer wieder bezieht er sich auf sein Elternhaus in Otwock bei Warschau, in dem er noch heute lebt und arbeitet und dessen Maße er für seine Installation aufgreift.

In dieser Anhänglichkeit an seinen Herkunftsort gleicht Balka einem anderen Künstler, der zeitgleich mit ihm in Berlin ausstellt. Während sich Balka vom 29. Oktober an in der Akademie der Künste am Pariser Platz präsentiert, baut Pawel Althammer nur wenige hundert Meter weiter die Invalidenstraße hinunter in der Deutschen Guggenheim die Plastikfabrik seines Vaters auf. Arbeiter der väterlichen Firma „Almech“, so auch der Ausstellungstitel, stellen dort mit dem Künstler an zwei Maschinen Skulpturen her und porträtieren Besucher und Angestellte der Galerie, während umgekehrt am Warschauer Firmensitz die Fabrik in „Guggenheim“ umbenannt wird und Teile nach Berlin exportiert.

Das vermeintlich lustige Wechselspiel sagt viel über die Ressource Kunst aus, die aus Polen geliefert wird und zumal in Berlin als einem der wichtigsten auswärtigen Wohnorte junger polnische Maler und Bildhauer in greifbare, ja geldwerte Produkte umgesetzt wird. Die Blitzkarriere der beiden jungen Galeristinnen Asia Zak und Monika Branicka, die vor vier Jahren in Berlin ihre Räume eröffneten und binnen kürzester Zeit zum angesagten Ausstellungsort avancierten, ja wenig später auf die Art Basel eingeladen wurden, zeugt von der großen Nachfrage. Höchste Zeit, dass diese Künstler auch im eigenen Land, in den Museen, die gerade entstehen, ihren Ort finden.

Bücher zum Thema: Zak Branicka Foundation (Hrsg.): Polish! Zeitgenössische Kunst aus Polen. HatjeCantz Verlag, Stuttgart 2011, 320 S., 39,80 €. Artur Zmijewski: Körper in Aufruhr. Gespräche mit Künstlern. Hrsg. Berliner Künstlerprogramm des Daad, Berlin 2011, 325 S., 25 €

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