Zeitung Heute : Kabale und Liebe im Kiez

PRIME TIME THEATER Die Sitcom „Gutes Wedding, Schlechtes Wedding“ bietet intelligentes Volkstheater. Auch in Folge 57 „Mahmud rennt“ werden Underdogs zu Helden

PATRICK WILDERMANN D

Es geht schon auf Mitternacht zu, und hinter Constanze Behrends und Oliver Tautorat liegt ein langer Abend. Einer, an dem sie jeweils in gefühlte zwei Dutzend Rollen gesprungen sind, einen ganzen Fundus an trashigen Kostümen und geschmacklosen Perücken verschlissen haben. Man durfte Constanze, unter anderem, als sächselnde Arbeitsamtberaterin Frau Schinkel erleben, als Gehirn-Einzeller-Girlie Nicol und als ebenfalls sächselnde Titania aus dem „Sommachtstaraum“. Oliver hat den prolligen Postboten Kalle mit dem gepflegten B.Z.-Weltbild gegeben, den griechischen Frauenflüsterer Dr. Philantropulos und Shakespeares Oberon, mit einer Haarpracht, die an eine überfahrene Bisamratte erinnerte. Das Publikum hat zweieinhalb Stunden lang getobt. Die Revue „High 5 – Das Beste aus fünf Jahren prime time theater“ ist immer ausverkauft. Jetzt sitzen Behrends und Tautorat, die beiden Gründer dieser Off-Bühne im wilden Wedding, auf dem Sofa im Foyer und werden grundsätzlich. Lästern über die Kunstblase in Deutschland und die Regiehörigkeit, erklären ihre Auffassung von modernem Volkstheater und von einer Komik mit Herz. An der Wand bei ihnen im Theater hängt ein Manifest mit Leitsätzen. „Wir sind anders“, steht darauf, auch: „Kein Kopfgewichse“.

Das prime time theater liegt an der Müllerstraße, zwischen einer Pfandleihe und einem Automatencasino, direkt gegenüber ist das Arbeitsamt. Constanze Behrends und Oliver Tautorat, beide ausgebildete Schauspieler, kultivieren hier eine Nähe zum Publikum, die man sonst kaum findet. Schon räumlich, weil die Bühne so schmal ist, aber auch ideologisch. „Ich stehe doch beim Bäcker auch nicht an der Tür und rufe: Du da hinten, gibst du mir mal zwei Brötchen?“, meint Tautorat. Die beiden sprechen von Handwerk, von Dienstleistung. Eine der Figuren aus der Dauerbrenner-Sitcom „Gutes Wedding, Schlechtes Wedding“ – wie alle prime-time-Programme von Constanze Behrends geschrieben und längst ein Klassiker auch jenseits der Kiezgrenzen – heißt Claudio und zählt zur Gattung der „Prenzlwichser“, dem Lieblingsfeindesvolk der Weddinger. Claudio trinkt Latte und labert von Projekten. Ein Ego-Künstler eben. Gegen genau diese Geisteshaltung setzen die Eheleute Behrends und Tautorat eine ungeschminkte Bodenständigkeit. Sie erzählen von Stammgästen, denen sie seit fünf Jahren beim Erwachsenwerden zuschauen können, oder von zwei Paaren, die sich bei ihnen auf der Bühne den Heiratsantrag gemacht haben. Wedding, das ist ein Lebensgefühl.

Es gibt kein Kiez-Klischee, das nicht auch im prime time theater vorkäme. Aber eben: liebevoll gespiegelt. Kein „Erkan & Stefan“-Radau, kein „Cindy aus Marzahn“-Humor, „der nur nach unten tritt“, wie Tautorat findet. Bei ihnen sind die Underdogs Helden. Die Autorin Behrends glaubt, sie besitze ein Talent dafür, das Typische zu erkennen – und eben keine Stereotypen daraus zu machen. Sie sitzt nicht im Gesundbrunnen-Center und beobachtet durch ein Loch in der Zeitung die Leute, sie besitzt bloß einen wachen Blick für Realitäten. Und da relativiert sich auch der Begriff Klischee. Behrends hat beispielsweise den einsamen Dönerbudenbesitzer Ahmed erfunden, der sich so sehnlich eine Frau wünscht. Gleich um die Ecke ihrer ehemaligen Spielstätte in der Osloer Straße befand sich ein Dönerimbiss, mit dessen Besitzer Tautorat bald ins Gespräch kam, und was sagte der? „Oliver, zu euch ins Theater kommen immer so nette Frauen, und ich bin so allein …“

Die Serie „GWSW“ ist voll von solchen lebensnahen Momenten. Es steht jetzt die 57. Folge an, „Mahmud rennt“. Sie verspricht einmal mehr Kabale und Liebe im Kiez, in der gewohnt komischen Form, die, wie Behrends eher en passant sagt, ja durchaus in der Tradition von Aristoteles, Shakespeare und der Commedia dell’Arte wurzele. Aber das muss man ja nicht raushängen lassen. Bloß kein Kopfgewichse! PATRICK WILDERMANN

„Gutes Wedding, Schlechtes Wedding“ – Folge 57: „Mahmud rennt“:

Premiere 23.1., 20.15 Uhr. Vorstellungen 24.-27. und 27.-31.1., jeweils 20.15 Uhr

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