Zeitung Heute : Kabul Der Kosmonaut

Er ist Afghane und wurde zum Helden der Sowjetunion. Vor 20 Jahren flog Abdulahad Momand in einer Sojus ins All. Gelandet ist er am Ende bei Stuttgart

Moritz Gathmann

Im Ortsteil Scharnhauser Park der schwäbischen Stadt Ostfildern sind die Häuser hellblau und rosa gestrichen. Jedes Reihenhaus hat einen kleinen Garten vor dem Balkon. Abdulahad Momand hat gerade erst einen Rhododendron gepflanzt.

„Ich will nicht zurück nach Afghanistan. Ich will mein Leben, das ich mir selbst erkämpft habe, genießen“, sagt er in fließendem Deutsch. Bei dem Wort „selbst“ ballt er die Hand zur Faust. Mit dieser Hand hat Momand den Steuerknüppel eines Su-22-M4-Jagdbombers gehalten, diese Hand steckte im Raumanzug, in dem er vor 20 Jahren zur MIR flog: Der erste Afghane im Weltall. Die Republik Afghanistan hat ihn dafür zum Helden ernannt, ebenso die Sowjetunion. Aber die Orden, die hat er nicht mehr, sie sind zurückgeblieben, damals, als er aus Kabul flüchten musste. Das sozialistische Afghanistan ist untergegangen, verschwunden wie die Sowjetunion. Übrig geblieben ist Adulahad Momand.

Momand hat die Plätze getauscht. In Baghram, wo er früher in seinen Kampfjet stieg, um die Mudschaheddin zu bekämpfen, die seinem Afghanistan den Heiligen Krieg erklärt hatten, unterhält die US-Armee heute einen Militärflughafen und ein Gefangenenlager. Und wo bis 1992 das Second Support Command der US-Armee stationiert war, in den Nellingen Barracks, steht heute auf dem frischgemähten Rasen die Rutsche von Momands dreijährigem Sohn. Drinnen ziert eine kleine Porzellanente den Garderobenschrank. Sie trägt einen Strohhut.

Als Momand am 1. Januar 1959 geboren wird, ist es auch am Hindukusch friedlich. Er wächst als Paschtune in einem Dorf auf, etwa 100 Kilometer südlich von Kabul. Der Junge macht sich von dort auf den Weg: Nach der Dorfschule auf die weiterführende Schule, dann aufs Gymnasium in Kabul. Abdulahad Momand ist ein Aufsteiger.

1978 putschen sich die Kommunisten an die Macht, Momand tritt in deren „Demokratischer Volkspartei Afghanistans“ ein. Ein Schritt, der ihn erst ganz nach oben katapultieren wird, zu den Sternen, und dann ganz nach unten, zu den Flüchtlingen. Momand wird in die afghanische Armee eingezogen und zur Kampfpilotenausbildung ins russische Krasnodar geschickt. Die Mudschaheddin nehmen den Kampf gegen die Kommunisten und deren sowjetische Waffenbrüder auf, die 1979 Afghanistan besetzen. Unterstützt wird die islamische Guerilla mit jährlich hunderten Millionen Dollar aus den USA und Saudi-Arabien.

In den Augen der Mudschaheddin ist Momand ein Verräter. Hunderttausende Afghanen sind bei sowjetischen Luftangriffen ums Leben gekommen. Hat auch er ihre Dörfer bombardiert? Nein, bei solchen sowjetischen Befehlen hätten er und seine Kameraden ihr Ziel absichtlich verfehlt. Damals klang er ein wenig anders, kurz vor seinem Raumflug sagte er einer sowjetischen Zeitung, er habe 500 Einsätze gegen die afghanischen Aufständischen geflogen. Nur Angeberei? Was hätte er denn tun sollen, überlaufen? „Schon ein einfacher Beamter wurde von den Mudschaheddin umgebracht!“

Die infrarotgelenkten Stinger-Raketen der Gotteskrieger holen reihenweise sowjetische Hubschrauber vom Himmel. Es gibt also Grund zur Freude für Momand, als ihn sowjetische Ärzte unter acht Afghanen zum Kosmonauten auswählen. Im Februar 1988 treffen Momand und seine hochschwangere Frau im „Sternenstädtchen“ bei Moskau ein. Seine Tochter Hila kommt hier zur Welt. Dann Kosmonautenausbildung im Schnelldurchlauf: Ein halbes Jahr bleibt bis zum Start. Denn Michail Gorbatschow hat den Abzug der Roten Armee für 1989 angekündigt. So viele grauenvolle Bilder hatten die Jahre der sowjetischen Besatzung in die Welt gesandt. An ihrem Ende soll nach dem Willen des Kremls ein Symbol des Friedens stehen: Afghanen und Sowjets erforschen gemeinsam das Weltall.

Dann kommt der 29. August 1988. Daheim beschießen die Rebellen schon den Flughafen der afghanischen Hauptstadt. Auf dem Weltraumbahnhof Baikonur zünden die Antriebsraketen der Raumfähre Sojus-TM. Das „Neue Deutschland“ schreibt, Momands Raumflug sei in Kabul das einzige Gesprächsthema gewesen: „An zahlreichen Gebäuden hängen große Porträts des afghanischen Forschungskosmonauten“ und Staatsflaggen der beiden Länder. Die drei Kosmonauten erklären vor dem Start, der Flug sei bedeutend „für die Festigung der Freundschaft beider Völker“.

Von seinem Flug durch den Kosmos erzählt Momand überraschend emotionslos. Dabei verlief die Heimkehr zur Erde außerordentlich dramatisch. Zweimal musste die Landung verschoben werden, nachdem sich die Bremsraketen selbst abschalteten. Momand sieht nur blinkende Lämpchen. Er und der Kommandant sitzen fest: In ihren Gummi-Raumanzügen, halb hockend, in der drei Kubikmeter großen Kapsel. 24 Stunden warten, bis sie wieder in der richtigen Landeposition sind. „Schon hart“ sei das gewesen.

Von der Erde aus programmieren die Sowjets den Bordcomputer neu. Ein letzter Versuch bleibt ihnen – und gelingt. Die Sojus-Kapsel landet in der kasachischen Steppe, Momand sagt zu Journalisten: „Solche Dinge passieren eben auf Raumflügen.“ Er ist jetzt ein Held, studiert an der Generalstabsakademie in Moskau, „etwas Höheres gab es nicht“, sagt er stolz. Wäre die Sowjetunion nicht implodiert, er wäre afghanischer Generalstabschef geworden. Oder Präsident.

Wie ist heute sein Verhältnis zu den Russen? Er wählt eine merkwürdige Formulierung: „Absolut gering.“ Er erzählt von seiner Ausbildung in der Kaserne von Krasnodar. Einmal sei er zu spät gekommen, und am nächsten Tag habe ihn der sowjetische „Natschalnik“ zur Rede gestellt: „Du bist zu spät gekommen, und unsere Soldaten sterben in Afghanistan für dich.“ Worauf er geantwortet habe: „Deine Soldaten hab ich nicht eingeladen.“ Der ruhige Momand richtet sich in seinem Sessel auf und zischt: „Chabbe ich gesagt!“ Er wechselt ins Russische. In der Sprache der ehemaligen Besatzer spricht er viel emotionaler, kann besser streiten. Das hat er gelernt in seinen Studienjahren in der Sowjetunion.

Von seinem damaligen Leben ist nicht mehr viel übrig. Die Orden, der Kosmonautenanzug, die Familienfotos, sein Sparbuch, alles in Kabul. Wo, weiß Momand nicht. Nur den Koran, den er im Kosmos bei sich trug, den hat er immer noch. Momand wickelt ihn behutsam aus einem Tuch. „MIR“ haben die Sowjets auf die erste Seite gedruckt, den Namen der Raumstation, „das musste so sein“, sagt er. Und dann holt er aus der untersten Schublade seines Wandschranks noch einen Packen großformatige Bilder, alle aus Kosmonautenzeiten. Ein offizielles Foto zeigt ihn mit seinem sowjetischen Kommandanten: Ein bulliger Typ, mit Orden behängt, daneben Momand ohne Orden, aber mit pechschwarzem, dichten Haar und buschigem Schnurrbart, novizenhaft schüchtern aber glücklich. Den Schnurrbart hat Momand inzwischen abrasiert.

1991 ist die Sowjetunion am Ende, Momand kehrt zurück nach Kabul, die Stadt steht bereits am Rande der Kapitulation. Aber der 32-Jährige wird noch Vizeminister für Luftfahrt und Tourismus. Als er im Frühjahr 1992 den endgültigen Zusammenbruch wittert, flieht er mit Frau und Kind nach Indien und weiter nach Stuttgart, wo sein Bruder lebt. Wenige Tage später erklärt Präsident Nadschibullah seinen Rücktritt und sucht Schutz im UN-Hauptquartier in Kabul.

Momand hat seine Heimat seit der Flucht nicht wiedergesehen. In Deutschland habe er „bei Null“ wieder angefangen. Wobei sich in der Raumfahrt niemand für ihn interessierte, also suchte er sich was anderes. Momand ist 49 Jahre alt, er arbeitet jetzt in einer Handelsfirma, seine Frau, eine Journalistin, in einem Pflegeverein. Momands Sternenstädtchen-Tochter studiert Finanzmanagement in Nürtingen.

Vor einigen Tagen hat ihn der afghanische Fernsehsender „Nur TV“ am Telefon interviewt. „Vom Zelt zum Mond“ hieß die Sendung. Der Moderator habe ihn einen Helden genannt, richtig stolz seien sie auf ihn gewesen, sagt er mit sichtlicher Freude. Aber die Freude währt nur kurz. Sie haben ihn nämlich auch gefragt, warum ihn die afghanische Regierung nicht einlade, ihn, den Helden. Momand wird sarkastisch: „Wahrscheinlich brauchen die Leute wie mich nicht, funktioniert doch alles wunderbar!“

Er schimpft: Auf die US-Armee, weil er täglich Nachrichten von den „Kollateralschäden“ ihrer Luftangriffe liest; auf den Westen im Allgemeinen, weil der nach 2001 die Chance verpasst hat, das Land aufzubauen. Besonders wütend aber ist er auf die Regierung Karzai, die mit Leuten zusammenarbeite, die nach seiner Meinung Verbrecher sind. Selbst die Taliban, die seinen Präsidenten Nadschibullah einst an einer Laterne aufhängten, sieht er plötzlich in anderem Licht: „So schlimm wie jetzt“, meint er, „war es in der afghanischen Geschichte noch nie!“

Vielleicht hat bei ihm seit 2001 das Telefon nicht geklingelt, weil Momand für die Kommunisten gekämpft hat, ja einen Moment lang die Galionsfigur ihrer Propaganda war. Viele derer, die heute in Kabul das Sagen haben, stammen aus Clans, die schon in den 60er und 70er Jahren die Elite stellten und dann vor der sowjetischen Invasion flohen.

Aber vom Zusehen hat er nach 16 Jahren genug: Er hat sich mit anderen Exil-Afghanen zusammengeschlossen, bald wollen sie in Brüssel gegen die Regierung Hamid Karzai demonstrieren. Momand nennt die Gruppe eine „Gemeinschaft gut ausgebildeter Leute“.

Noch mehr übriggebliebene Afghanen, die heute um Afghanistan kreisen wie Momand einst im Kosmos, die im Fernsehen das Chaos betrachten so wie er durch das Bullauge der Raumstation auf die Erde herabsah. „Von hier oben sehe ich keine Flugzeuge, keine Panzer. Wir wollen jetzt Frieden, helfen Sie uns dabei“, hat er damals von der Raumstation den Journalisten übermittelt. Es sah sehr einfach aus von dort oben.

Abdulahad Momand ruft seiner Frau etwas hinterher, in Paschtu. Sie soll die Hausschlüssel mitnehmen. In einer halben Stunde muss er zum Volleyball. Er spielt im TSV Scharnhausen, immer freitags von 19 bis 20 Uhr 30.

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