Zeitung Heute : Käfer

Eisbeinpraline und Mini-Currywurst

Elisabeth Binder

Käfer im Reichstag, Platz der Republik, Mitte, Tel. 226 29 90, geöffnet täglich von 9 bis 24 Uhr, Reservierung empfiehlt sich, weil man dann nicht Schlange stehen muss, um reinzukommen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berliner Deftigkeiten wie Eisbein und Currywurst so serviert, dass auch ein Model davon noch abnehmen könnte? Das geht tatsächlich. Dabei war die Vorspeise, mit der man für 21 Euro nur knapp einen hohlen Zahn gefüllt hätte, war nicht mal das Ärgerlichste an diesem Restaurant in einer der besten Lagen der Stadt.

Im letzten Sommer ist Käfer auf dem Reichstag umfassend renoviert worden. Seitdem kann man dort nicht mehr reservieren, ohne mindestens dreimal das Wort „Showküche“ um die Ohren gehauen zu kriegen. Das Ambiente ist noch geschniegelter als früher, die empfindlichen weißen Stühle sehen aus wie für die garantiert staubfreien Top-Ladys der Münchner Schickeria entworfen.

Als Amuse Gueule gab es eine druckknopfgroße Kostprobe vom fränkischen Press-Sack mit einer nach dem Vergrößerungsglas schreienden Julienne. Sehr schönes, frisches Brot immerhin in anfassbarem Umfang, sogar ein Portiönchen Kräuterquark wurde dazu serviert. Die Terrine von neuen Kartoffeln, gefüllt mit einem Quarré aus geräucherter Blutwurst, sah aus wie frisch vom Laufsteg der neuesten kulinarischen Frühjahrskollektion, schmeckte erstaunlicherweise aber nicht allzu gekünstelt. Der getrüffelte Salat vom grünen Spargel, den es dazu gab, war noch am besten, wobei alles ein bisschen künstlich trüffelig parfümiert wirkte.

„Quer durch Berlin“ heißt die Vorspeisen-Hommage an den Standort dieser bayerischen Exklave. Es kommt ein weißer Porzellanbogen mit vier Vertiefungen, die jeweils das Fassungsvermögen einer Puppenstubentasse haben. Die Minicurrywurst mit streichholzsplittergroßen „Pommes“ ist leider fast kalt. Die Eisbeinpraline schmiegt sich knusprig-dekorativ auf giftgrünes Erbspüree, eine winzige, kaum schmeckbare Boulette ist auf Krautsalat gebettet, das süßsauer eingelegte Streiflein vom Havelzander hat einen minimalen Anflug von marinierten Gurken mitgebracht. Über all dem thront ein Martiniglas mit lauwarmer Berliner Kartoffelsuppe, in der sich als dringend benötigte Sättigungsbeilage eine Knackwurstscheibe verbirgt (21 Euro).

Aus der umfangreichen Weinkarte haben wir einen Cabernet Sauvignon von Philippi ausgesucht, der mit 45 Euro in der unteren Preismittelklasse lag. Leider kam der Sommelier gar nicht darauf, dass ich mich auch ein bisschen für Wein interessieren könnte. Er ignorierte mich beim Probierschluck, dekantierte mit viel Grandezza, guckte auffällig irritiert, als ich ihn bat, mir wenigstens mal die Flasche zu zeigen und fand meine Trinkgeschwindigkeit offensichtlich nicht ganz comme il faut. Diese Art von Etepetete- Ambiente kitzelt in der Regel meine finstersten Seiten hervor. Und wer auch immer den Spruch Sekt oder Selters erfunden hat, hat wahrscheinlich nie, wie wir hier, eine Flasche Selters für 7,40 Euro geleert.

Die gebackenen Sellerie-Trüffelscheiben waren sehr goldig und dünn, darunter ein buttrig glänzendes Gemüsebett, erstaunlich arm an den eigentlich versprochenen Berglinsen. Irgendwie scheint der Küchenchef eine Trüffelmacke zu haben. Vielleicht liebt er sie so wegen des teuren Klangs? Ob mit Laiberl nach gut österreichischer Sitte eine Art Boulette gemeint sei? Vorsichtshalber fragten wir noch mal die Kellnerin, die aber sagte, „Laiberl“ sei wohl „was vom Bauch“. Na dann. Tatsächlich war es eine Boulette, in der sich das vom Bauch immerhin verbarg, recht wohlschmeckend und mit Ziegenfrischkäse überbacken, dazu das gleiche Frühlingslauch-Möhrengemüse (26 Euro).

Sehr schön und vergleichsweise günstig war das Melonensorbet zum Dessert (3,60 Euro). Auch die Käsesorten aus Bad Tölz sind gut sortiert, werden mit grünen Weintrauben und weiterem Brot serviert (acht Euro). Bis zum versöhnlichen Dessert muss man allerdings erst mal gelangen, und da macht man sich so seine Gedanken. Warum ist das Restaurant an einem schönen Frühlingswochenendabend mehr als halbleer? Ganz einfach. Wenn man sich auch nur ein bisschen für Geld interessieren muss, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis kaum akzeptabel. Alle Showeffekte und Chichi-Einlagen können darüber nicht hinwegtäuschen.

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