Zeitung Heute : Kämpfen wie die Löwen

In der CSU wird jetzt um die Nachfolge Stoibers als Parteichef gestritten. Wie stark steht Horst Seehofer da?

Mirko Weber[München]

Abends ist Edmund Stoiber noch in Bamberg gewesen, wo er auf einem Neujahrsempfang der CSU respektvoll, aber nicht gerade überschwänglich begrüßt wurde. Er hat eine Rede gehalten, die er jetzt in den nächsten Monaten immer wieder aufsagen wird. Das Wort Bayern buchstabiert er darin besonders groß, der Name Stoiber taucht nur am Rande auf. Wer sich kleinmacht, möchte erhöht werden.

Rechtzeitig vor dem Parteitag im September wird sich die erwünschte Jubelstimmung einstellen – und die Leute werden doch noch rufen: Denn er war unser! Bis dahin wird Stoiber hauptsächlich dem Geschäft nachgehen, einen angesichts des Vorgefallenen bestmöglichen Eindruck zu hinterlassen. Dazu gehört, dass weiterer Streit in der CSU tunlichst vermieden wird und dass die Personalentscheidungen bald fallen.

Allerdings stehen sich wie schon im Herbst 2005 wieder zwei potenzielle Nachfolger gegenüber, vorerst zumindest noch im Ton versöhnlich. Horst Seehofer hält sich für ein „frisches Gesicht“, wie er in Berlin sagt, das stünde der CSU gut an, meint er. „Die CSU ist mein Leben“, erklärt er – und präsentiert sich beim Rundgang auf der Grünen Woche so entspannt, als hätte es die Medienberichte über seine angebliche außereheliche Affäre nie gegeben. Sein Privatleben wolle er in ein oder zwei Wochen ordnen, sagt er.

Kaum ein Politiker kennt sich mit politischen Höhen und Tiefen so gut aus wie Horst Seehofer. Zuerst zwang ihn eine lebensgefährliche Herzmuskelentzündung 2001 zum zeitweiligen Rückzug aus der Politik, dann war er 2004 „politisch tot“, wie er selbst sagt. Nach langem Streit zwischen CDU und CSU über den Gesundheitskompromiss schmiss Seehofer damals den Posten als Unions-Fraktionsvize hin. Doch ein Jahr später war er wieder da. Stoiber setzte ihn als Landwirtschaftsminister im Berliner Kabinett durch. Im Gegenzug versicherte Seehofer, er werde nicht gegen Stoiber für das Amt des CSU-Vorsitzenden kandidieren.

Seehofer vertraut darauf, dass er an der Parteibasis besonders beliebt ist. Bei der Bundestagswahl 2005 fuhr er in seinem Heimatwahlkreis Ingolstadt mit fast 66 Prozent das bundesweit zweitbeste Erststimmenergebnis ein. Seehofer will in den nächsten Wochen die Stimmung für sich an der Basis testen. Er plant dazu mehrere Auftritte in bayerischen Bierzelten. „Es gibt keinen Rechtsanspruch auf den Parteivorsitz“, sagt Seehofer in Anspielung auf Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber, der ebenfalls Parteichef werden will. Umgekehrt weist Huber jetzt darauf hin, dass er auf den anderen möglichen Posten ja bereits wegen Günther Beckstein verzichtet habe. Und Beckstein verlangt inzwischen von Seehofer, ganz auf eine Kandidatur zu verzichten.

Bei der Kür der Nachfolger von Edmund Stoiber wird das Kräftegleichgewicht zwischen den bayerischen Regionen eine große Rolle spielen. Seehofers Chancen verbessern könnte da Alois Glück, der dem mächtigen Bezirk Oberbayern vorsteht. Dort sitzen die Leute, von denen die CSU meist regiert worden ist – prinzipiell gehört auch der Ingolstädter Seehofer dazu. Dass Seehofer eine ausgeprägte soziale Ader hat, schadet ihm an der bayerischen Basis nicht – ganz im Gegenteil. Anders sieht es in Berlin aus, wo es die CSU-Landesgruppe im Bundestag inhaltlich eher mit dem pragmatischen Wirtschaftsmann Huber halten dürfte. Aus der Landesgruppe ist inzwischen zu hören, dass sich die Bundestagsabgeordneten einer Lösung Beckstein/Huber nicht verweigern wollen.

Für Seehofer könnte es inzwischen also zu spät sein für den Traum vom CSU-Vorsitz. Vielleicht war es sein Kardinalfehler, dass er bei den entscheidenden Sitzungen in Wildbad Kreuth fehlte. Nach den Berichten über sein Privatleben war er zunächst auf Tauchstation gegangen. Umso erstaunlicher ist, dass Seehofer auch jetzt nicht in München ist, um einen „fairen Wettbewerb“ (Seehofer) mit Huber auszutragen. Er will mit Stoiber erst am Wochenende unter vier Augen über seine Ambitionen sprechen.

Nicht auszuschließen ist, dass Seehofer dann von Stoiber und anderen Führungsleuten stark unter Druck gesetzt wird, seinen Anspruch aufzugeben. Immerhin ist Huber einer der engsten Vertrauten Stoibers. Entscheidend könnte die Sitzung des CSU-Vorstands am Montag sein. „Es läuft stark Richtung Beckstein und Huber“, sagt ein CSU-Vorstandsmitglied. „Die Sehnsucht nach Ruhe ist an allen Ecken zu spüren.“ Die Parteispitze sei „wild entschlossen“, die Lösung durchzusetzen, heißt es aus Parteikreisen. Huber und Beckstein repräsentierten zwei Seiten, die für die CSU sehr wichtig seien. „Beckstein ist der Moderator, Huber verkörpert den Reformeifer.“ Huber sei außerdem im Gegensatz zu Seehofer ein „echter Parteisoldat und Teamspieler“.

Vor allem aber will sich die Partei nach dem Gezerre um Stoiber wohl einen monatelangen Machtkampf bis zum Parteitag im September ersparen. Und eine Vorverlegung des Parteitags schließt die Parteispitze bisher aus, weil die Wahl der Delegierten einen zeitlichen Vorlauf brauche. Doch wie sich schon in der Vergangenheit gezeigt hat: Horst Seehofer ist immer für Überraschungen gut.

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