Kärnten : Sein Weg

Er ist nicht mehr da. Und doch redet ganz Kärnten nur von ihm. Wer kann Jörg Haider beerben? Darum geht es bei der Landtagswahl am Sonntag. Und um die Frage, ob ein Land einen Vater braucht.

Mirko Weber

KlagenfurtStadtauswärts liegt das geschwungene Dach des Klagenfurter Europastadions, es folgt die immergleiche McDonald's-Baumarkt-Autohaus-Meile, still ruht dahinter der Wörthersee. Noch zwei Häuseransammlungen, eine Kuppe, und dann - das Bärental. Schönheit, Einsamkeit, Unberührtheit. Einerseits.

Der Kärntner Dichter Peter Handke hat sich einmal gewünscht, dass hier eine Gedenktafel aufgestellt werden sollte, für das jüdische Ehepaar Roifer, dem die Nazis sein Land weit unter Wert abkauften. Später, viel später habe sich den Besitz dann "ein Politik-Spieler (kein Politiker!) unter den Nagel gerissen, der keine Scham kennt", schrieb Handke 1991 in "Langsam im Schatten". Gemeint war Jörg Haider. Der ist seit knapp fünf Monaten tot. Betrunken und mit 140 Stundenkilometern war er durch die Nacht unterwegs. Dann hob er ab, hier ist die Stelle, vor der Kuppe, Lambichl.

Rechts von der Rosentalerstraße steht eine Gedenktafel neben der anderen: für den heiligen Jörg; den Lebensmenschen; den Leader; den Liebling. Nie dauert es lange, bis der nächste Wagen anhält, manchmal nur ein paar Minuten. Meist sind es Männer, die aussteigen, ein Teelicht entzünden oder eine Blume niederlegen. Stille Andacht, mitunter eine Bekreuzigung. Der Herr, so steht es auf einem regenverwaschenen Zettel in einer Plastikhülle, habe ihn gegeben und genommen. Aber vielleicht, heißt es weiter, an Haider gerichtet, "schaust ja oba". Ein anderer Zettel besagt: "Unser Vaterland hat seinen Vater verloren." Es wird dunkel, aber ohnehin ist es ein bisschen gespenstisch hier.

Die Schule des Händeschüttelns

Bei Lichte besehen kann man die Lage in Kärnten, wo am morgigen Sonntag ein neuer Landtag gewählt wird, auch ganz vernünftig erklären. Jedenfalls glaubt das Klaus Ottomeyer, der an der Universität Klagenfurt die Abteilung für Sozialpsychologie leitet. Ottomeyer hat ein Buch über Haider geschrieben, das sich mit "Mythenbildung und Erbschaft" beschäftigt. Damit benennt Ottomeyer nicht nur das Hauptthema des zurückliegenden Wahlkampfs, er erklärt auf eine viel grundlegendere Art die Anziehungskraft der schillernden, irrlichternden Figur Haider. "Verlorene Kinder" nennt Ottomeyer die Kärntner. Die Lebenswege der Bewohner dieses Landstrichs seien im vergangenen Jahrhundert meist kompliziert verlaufen, oft gingen die Risse mitten durch die Familien: Viele hatten slowenische Wurzeln, waren Partisanen, kannten von den Nazis Deportierte oder wurden selber vertrieben, lernten das Ducken, auch das Drücken, und haben beides nie wieder verlernt. Vor dem Krieg war nach dem Krieg. Ottomeyer glaubt, dass die Kärntner sich nach einem Vater sehnten, den Haider für sie spielte - und das sogar "ganz gut", wie der Soziologe sagt. Er wusste, wo er den Feind zu verorten hatte, aber eben auch immer, wie man sich Freunde macht. Wenn der Haider jemanden begrüßt habe, sagt Ottomeyer, dann sollte sein Gegenüber das Gefühl haben, dass dieser Mann ihn kennt und nicht mehr vergisst.

Diese Schule des Händeschüttelns merkt man auch Haiders Nachfolgern an. Gerhard Dörfler zum Beispiel, Erbe im Amt des Landeshauptmanns, von der Haider-Partei Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ). Er nimmt regelrecht Anlauf und Aufstellung, schaut einem genau in die Augen, drückt fest zu und sagt: "Servas, griaß di!" Als kenne man sich ein Leben lang. Dörfler gibt den "Spezl" von nebenan, es ist eigentlich seine einzige Rolle, er kann nicht anders. Haider war da unberechenbarer. In seinem Kofferraum lagerten die unterschiedlichsten Verkleidungen: Sportives, Seriöses, Modisches, Rustikales fürs Dorf, Repräsentatives für die Stadt.

Wir passen auf Kärnten auf - gemeint ist Haiders Kärnten

Dörfler kennt solche Allüren nicht. Er kommt ohne Leibwächter. In Althofen, von Klagenfurt ein Stück Richtung Wien, hält er eine Wahlkampfrede vor dem Billa-Supermarkt. Es gibt keinen schöneren öffentlichen Ort hier als diesen zugigen Fleck, wo trotz der Witterung 150 Menschen ausharren. Dörfler schaut nach oben und sagt, es sei "ein Segen, dass wir die Sonne haben". Das klingt nach Gottesfurcht, aber weiter redet Dörfler vor allem vom "Anpacken", als könne das BZÖ, falls die Sonne mal abhanden kommt, notfalls auch eine neue erfinden. Auf einem Plakat hinter Dörfler steht die Botschaft, auf die sich Haiders zweite Reihe geeinigt hat: "Wir passen auf dein Kärnten auf." Haiders Kärnten.

Wir, das sind der 54-jährige Dörfler und die zehn beziehungsweise 20 Jahre jüngeren Uwe Scheuch und Harald Dobernig. Sie unterzeichnen jedes Plakat gemeinsam mit ihren Vornamen: Gerhard, Uwe, Harald. Auf den Bildern legen sie gemeinsam Scheite im Wohnzimmerofen nach oder ziehen im Gebirge munter am gleichen Seil. All das tun sie in seinem, in Haiders Namen, doch wer das schwere Erbe letztlich antreten wird, ist noch nicht raus. Bekommt Dörfler nicht annähernd jene 42 Prozent, die Haider 2004 hatte und die Dörfler sich als Ziel verordnet hat, wird Scheuch nach vorne drängen. Gegen Dörfler ("mei Vater hat g'sogt, vererben konn i dir nix, aber arbeiten lern i dir") wirkt Scheuch geradezu wie ein Neoliberaler. Dörfler sagt, dass ihm "die feinen Pinkel gestohlen bleiben" können, und er hat eine genaue Vorstellung davon, wer einer ist: "G'nagelte Schuh tragens' und Schampus trinkens'!" Das ist natürlich eine gefährliche Rede. Haider war weder Lackschuhen noch Champagner abgeneigt.

Als sei Haider Gott

Dörfler spricht, wie er glaubt, dass seinen Zuhörern das Maul gewachsen sei. Vorsichtshalber hat er nach Haiders Tod Verschwörungstheorien gestreut und wittert überhaupt überall Verrat, vornehmlich in Wien, wo die "Jagdgesellschaft" die Kärntner nicht ernst nehme. Das könnte allerdings auch an Dörfler selbst liegen, weil er - wenn auch in milderer Form als Haider - beharrlich ignoriert, dass es in Kärnten zwei Volksgruppen gibt: Die Kärntner Slowenen, sagt Dörfler, "können doch eh alle Deutsch". Und, mit Blick auf den Supermarkt in seinem Rücken: Billa heiße auf Slowenisch doch auch Billa. So schreibt man mit geistiger Stumpfheit Geschichte um.

In der Sache überholt wird Dörfler noch vom Unternehmer Mario Canori, dem ehemaligen Vizebürgermeister von Klagenfurt. 2005, als Haider die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) verließ und das abtrünnige BZÖ gründete, stieß Canori zu ihm, bevor er 2008 wieder zurück zur FPÖ wechselte, für die er nun antritt. Wie Dörfler nimmt auch Canori für sich in Anspruch, dass aus ihm der Jörg spricht. "Kärnten geht seinen Weg", steht auf den Wahlplakaten der FPÖ. Als sei Haider Gott. Tatsächlich klingt Canori immer dann wie sein großes Vorbild, wenn es beispielsweise um die umkämpften zweisprachigen Ortsschilder geht oder gegen die Asylanten, die Dörfler gerne "Gauner" nennt.

Siegeswille klingt anders

Für ebensolche hat man in Klagenfurt das Saualm-Heim eingerichtet, gerade läuft, eher unpassend, der Mietvertrag aus. Das BZÖ und die FPÖ, die in Umfragen Kopf an Kopf liegen, sind dafür, das Heim für "nachweislich straffällige" Asylbewerber zu erhalten, die Staatsanwaltschaft Klagenfurt sieht das anders. Gerade hat sie festgestellt, dass sechs der derzeit 16 Insassen unbescholten sind. Das wäre ein Argument für den Kandidaten der Grünen, Rolf Holub, der sich seit längerem in Kärnten bemüht, ein differenzierteres Gesellschaftsbild zu vermitteln. Aber Holub ist wenig populär im Land.

Dann wäre da noch, in Umfragen weit abgeschlagen, die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ), die, von Haider abgesehen, in Kärnten den einzigen wirklichen Landesvater nach dem Zweiten Weltkrieg gestellt hat: Leopold Wagner, der 14 Jahre lang, bis 1988, als Landeshauptmann diente. Dann kam, zum ersten Mal, Haider. Wagners später Erbe ist Reinhart Rohr. Beim Kandidaten der SPÖ ist nebensächlich, ob man ihn zum Posieren vor die Berge stellt oder neben den Schreibtisch: Er schaut stets eine Spur zu erschrocken drein für einen, der siegen will. Rohr ist das exakte Gegenteil von Haider. Er redet Kärnten nicht um jeden Preis hoch, sondern versucht sich an realistischen Einschätzungen: Wird wirklich Geld da sein für alle guten Gaben, die das BZÖ verspricht, 1000 Euro Jugendstartgeld, Energieunabhängigkeit, mehr Polizisten? Rohrs Worte zur Wahl fallen eher defensiv aus: "Wanns' auf mei Seit'n fallt, bin i net beleidigt", sagt er. Siegeswille klingt anders.

Der Psychologe Ottomeyer behauptet, ein prägendes Moment für die jüngere Geschichte Kärntens sei eine latente Angst innerhalb der Bevölkerung, an Tabus zu rühren. Wer hat wen verraten? Wer wen geschützt? Wer stammt von wem ab und warum? Eine neue Zahl belegt, dass in Kärnten österreichweit die meisten unehelichen Kinder zur Welt kommen - im vergangen Jahr waren es 58 Prozent. Die Väter drücken sich. Hat Kärnten deswegen einen Übervater wie Haider gebraucht, der hier immer noch mitzuregieren scheint?

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