Zeitung Heute : Kaffee in Dosen

Adelheid Müller-Lissner

Popstar Robbie Williams leidet offenbar nicht nur an Tablettenproblemen, sondern ist auch koffeinsüchtig. Wie kann man von Koffein abhängig werden?


Schon in den 90ern gab der Sänger Robbie Williams freimütig Auskunft über seine Drogenprobleme, jetzt ist der 33-Jährige in einer amerikanischen Klinik, um seine Abhängigkeit von Medikamenten zu überwinden. Außerdem, so war zu hören, konsumiere er große Mengen Espresso und wolle auch davon abkommen.

„Eine Koffeinsucht im eigentlichen Sinn gibt es nicht“, sagt der Pharmakologe Matthias Bödding von der Universität des Saarlands dazu. Abhängigkeitsmerkmale wie die Notwendigkeit, die Dosis zu steigern, starke psychische Veränderung oder gar das Absinken in die Kriminalität fehlten. Allerdings kann sich durch Gewöhnung eine Art Toleranz gegenüber Koffein einstellen. Der Wirkstoff aus der Kaffeebohne, dessen chemische Struktur Ende des 19. Jahrhunderts entschlüsselt wurde, geht zunächst ins Blut der Kaffeetrinker. Koffein blockiert Andockstellen für das Protein Adenosin. Experimente mit gentechnisch veränderten Mäusen, denen solche Rezeptoren fehlten, haben vor kurzem gezeigt, dass Koffein bei ihnen wirkungslos bleibt, während normale Mäuse nach einer Koffeinspritze in den Bauchraum auch zur Schlafenszeit hellwach waren.

„Ich brauch erst mal einen Kaffee!“, sagen auch viele Menschen, denen es schwerfällt, ihr Tagwerk ohne den morgendlichen Muntermacher zu beginnen. Der französische Philosoph Voltaire und sein Schriftstellerkollege Honoré de Balzac sollen bis zu 50 Tassen täglich getrunken haben. Tatsächlich stimuliert das Koffein. „Aufmerksamkeit und Leistungsbereitschaft werden gesteigert, besonders, wenn man vorher müde war“, sagt Bödding. Bei starken Rauchern scheint ein Enzym aktiver zu sein, das für den Abbau von Koffein nötig ist – eine mögliche Erklärung dafür, dass sie oft auch mehr Kaffee trinken. Koffeintabletten, die man zur akuten Bekämpfung von Müdigkeit einnehmen kann, enthalten übrigens 200 Milligramm des Wirkstoffs.

Bei Williams ist jetzt von 36 doppelten Espressi täglich die Rede. Zweifellos eine Menge – doch ab wann schadet Kaffee? „Für eine echte Koffeinvergiftung müsste man schon an die hundert Tassen Kaffee mittlerer Stärke innerhalb einer Stunde zu sich nehmen“, sagt Bödding. Die tödliche Dosis liegt bei fünf bis zehn Gramm. In hohen Dosen wirkt Kaffee allerdings auch am Herzen: Es kann schneller und unregelmäßig schlagen. Und Kaffee kann bei empfindlichen Personen „auf den Magen schlagen“. Hier scheint Williams seine Vorliebe für italienischen Kaffee allerdings zu Hilfe zu kommen: „Espresso ist relativ magenschonend“, sagt Experte Bödding. Und bei Asthma kann er sogar nützen, denn Koffein erweitert die Bronchien. Außerdem scheinen Kaffeetrinker etwas seltener an Parkinson und Diabetes vom Typ 2 zu erkranken.

In der Ärztezeitschrift „Deutsche Medizinische Wochenschrift“ hat sich der Pharmakologe Bödding kürzlich dem schwarzen Heißgetränk ausführlich gewidmet, von dem 80 Prozent der erwachsenen Deutschen sich täglich mindestens zwei Tassen gönnen. Dort erzählt er auch vom Schwedenkönig Gustav II. (1746–1792), der noch davon überzeugt war, dass Kaffee, der „Wein des Islam“, pures Gift sei. Ein Mörder, dem der König eine tägliche Tasse Kaffee verordnete, um das zu belegen, starb angeblich im hohen Alter im Gefängnis. Übrigens hat die Welt-Antidoping-Agentur Koffein 2004 von der Liste verbotener Substanzen gestrichen.

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