Zeitung Heute : Kaiser und Millionenbauern

Wie die Einkaufsgegend um die Hauptstraße aus zwei Dörfern heranwuchs

-

Mehrmals hatten Schöneberger versucht, ihrem Kaiser-Wilhelm-Platz einen anderen Namen zu geben: 1962 sollte er nach dem früheren Schöneberger Bürgermeister Dickhardt benannt werden, 1973 nach dem ermordeten chilenischen Präsidenten Allende. Doch der Kaiser hat sich bis heute behauptet. Ab 1893 hieß der Platz nach Kaiser Wilhelm I., vermutlich weil sich dort ein Denkmal des kriegerischen Monarchen befand.

Etwa an gleicher Stelle verlief einst die Grenze zwischen Alt- und Neu-Schöneberg. Während die Gründung des südlichen Dorfes Alt-Schöneberg wohl bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, entstand die von Friedrich II. angelegte Kolonie Neu-Schöneberg am Hang zwischen dem heutigen Kaiser-Wilhelm-Platz und der Grunewaldstraße ab 1750. Durch beide Ortschaften führte die Dorfstraße als ein Abschnitt der Potsdamer Chaussee, die Berlin mit Potsdam verband. In Neu-Schöneberg hieß sie Botanische Gartenstraße, weil der Botanische Garten damals am Kleistpark lag. Erst 1881 wurde sie in Hauptstraße umbenannt.

Nachdem Schöneberg 1898 die Stadtrechte erhalten hatte, vollzog sich ein rasanter Verstädterungsprozess. „Schöneberg, das vor 20 Jahren 7000 Einwohner zählte, hat jetzt 71 000 und ist eine große Stadt mit allen großstädtischen Einrichtungen“, schrieb das Berliner Tageblatt. Um 1900 war die Bevölkerungszahl auf 100000 gestiegen.

Es war ein Eldorado für Immobilienspekulanten. Davon profitierten vor allem die Bauernfamilien Alt-Schönebergs, die beim Verkauf von Grund und Boden exorbitante Preise erzielten und deshalb „Millionenbauern“ genannt wurden. Viele ihrer Villen stehen bis heute an der Hauptstraße. An die einstige Dorfaue erinnert dagegen nur noch ein breiter Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen. olk

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!