Zeitung Heute : Kaiser Wilhelms Gästeliste

Vor 120 Jahren wurde in Berlin der Grundstein für den Reichstag gelegt. Wer durfte mitfeiern?

Michael S. Cullen

Am 9. Juni 1884, also vor ziemlich genau 120 Jahren, wurde in einer feierlichen Zeremonie der Grundstein für das Reichstagsgebäude in Berlin gelegt. Ein Fotograf, Ottomar Anschütz, war zugegen, machte nebenstehendes Foto. Während aber das Bild vergleichsweise bekannt ist, wurde das dazugehörige Erklärungsblatt nicht veröffentlicht, der Abdruck heute ist eine Premiere. Das Blatt zeigt die Umrisse von 75 Persönlichkeiten, die an der Feier teilnahmen. Elf Positionen blieben unidentifiziert (die Nummern 7, 8, 13, 22, 25, 27, 29, 32, 37, 40 und 57), von den übrigen wurde Rang und Nachname genannt, alle weiteren Angaben sind nachrecherchiert.

Wer wurde seinerzeit zu solch einem Ereignis geladen? Das Bild zeigt einen Querschnitt jener Kreise, die die Gesellschaft damals repräsentierten. Ihren Namen und Titeln nach sind 44 adliger und 20 bürgerlicher Herkunft. 27 gehören dem Militär an, doch die überwiegende Mehrheit ist in Uniform erschienen (für Reservisten und Minister war das selbstverständliche Pflicht). Manche Zeitgenossen sprachen denn auch von einer „Volksvertretung in Waffen.“

Die „National-Zeitung“ bemerkte, dass kein Kaiserwetter war. „Regenwolken bedeckten den Himmel und ihr dichter Schleier verhüllte die Sonne. Ab und zu fiel ein schwacher Regen hernieder, der um die zehnte Stunde zunahm.“ Die Feier war eines der ersten Medien-Ereignisse des Kaiserreichs. Hunderte von Zeitungen berichteten, viele brachten Bilder, da aber die Technik der Klischee-Herstellung erst ein Jahrzehnt später entwickelt wurde, konnten sie nur Holzschnitte und Lithographien drucken.

Das Foto zeigt im Hintergrund die versammelten Exzellenzen, Offiziere, Diplomaten mit ausgebreitetem Regenschirm. Dem 87 Jahre alten Kaiser Wilhelm I. war ein Zelt aufgebaut, aus dem er nicht hinaustreten musste, um seine Hammerschläge zu tun. Die Kapsel des Grundsteins wurde 1966 auf dem Teufelsberg gefunden.

Viele Grundsteinlegungsteilnehmer sind auf dem Foto nicht zu erkennen, wir wissen aus Zeitungsartikeln, dass sie anwesend waren – vor allem Mitglieder des Königshauses wie Kronprinz Friedrich, nachmalig Kaiser Friedrich III., und sein Sohn, der spätere Kaiser Wilhelm II. Obwohl wir wissen, dass Frauen an der Zeremonie mitgewirkt haben müssen, auf dem Blatt sind keine zu sehen. Sie blieben unsichtbar im Hintergrund – worüber sich vor 120 Jahren kaum jemand wunderte.

Noch eine Bitte an die Leser: Von vielen Personen konnte ich die Daten (Vorname, Rang bzw. Titel, Geburts- bzw. Sterbeort und -tag) nicht ermitteln und wäre dankbar, wenn Sie mir dabei helfen könnten. (Mail an Sonntag@Tagesspiegel.de oder Der Tagesspiegel, Sonntag-Redaktion, 10876 Berlin).

1. Kaiser Wilhelm I. Er war so gebrechlich, dass die Mörtelkelle ihm aus der Hand gerutscht ist. Einige Gäste wisperten, dies sei ein schlechtes Omen.

2. Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck. Bismarcks Bedeutung für die Entstehungsgeschichte des Reichstagsgebäudes war enorm, er hat ihn jedoch nie von Innen gesehen; 1890 musste er zurücktreten, das Gebäude ist erst am 5. Dezember 1894 eingeweiht worden.

3. Max von Prollius, Geh. Leg.-Rath, Mecklenburgischer Gesandter (31. Juli 1826 – 15. Januar 1889). Auffallend viele Mitglieder des Bundesrats nahmen an der Zeremonie teil.

4. Hugo Graf von Lerchenfeld-Koefering, Bayer. Gesandter (2. Januar 1843 – 28. Juni 1925). Lerchenfeld war einer der eifrigsten Beförderer des Baus und hat viel für die bayerischen Künstler erreicht – durch ihn kamen Maler wie Franz von Stück, Karl Raupp und Ludwig Dill mit ihren Bildern in das Reichstagsgebäude.

5. Dr. jur. Adolf Heerwart, Großherzoglich Sächsischer Staatsrat, Finanzrat, für Reuß in Thüringen, ältere Linie, im Bundesrat (20. Juli bzw. August 1828 – 19. November 1899).

6. Von Nostitz-Wallwitz, Staatsminister, Kgl. Sächs. Gesandter. Hier könnte es sich entweder um Hermann v. N.-W. (30. März 1826 – 10. Januar 1906) oder Oswald v. N.-W. (28. Februar 1830 – 24. Februar 1885) handeln.

9. Gustav Scherer, Badischer Ministerialrat, Bevollmächtigter zum Bundesrat (8. September 1842 – ?).

10. Adolf Hermann Freiherr von Marschall, Badischer Gesandter (12. Oktober 1842 – 24. September 1912).

11. Ferdinand Karl Joseph Freiherr von Raesfeldt, Ministerialrat, Bayerischer Bundesraths-Bevollmächtigter, (2. Februar 1835 - 10. November 1914).

12. Dr. Karl Neidhardt, Staatsrat, Hessischer Gesandter (10. Oktober bzw. November 1831 – 14. März 1909).

14. Geheimer Reg.-Rath von Geldern Crispendorf, Bundesrats-Bevollmächtigter für Reuß in Thüringen, ältere Linie, entweder Richard v.G.-C. (16. Januar 1831 – 6. September 1912) oder Bruno Dietrich Bernhard v. G.-C., 28. August 1827 – 13. Januar 1894).

15. Geh. Reg.-Rath Spring, Bundesratsvertreter von Schaumburg-Lippe, vermutlich Bückeburg.

16. Minister-Resident Dr. Friedrich Christian Daniel Krüger, Hamburg (22. September 1819 – 17. Januar 1896). Krüger war 1881 in Berlin bei der Einweihung des Goethe-Denkmals im Tiergarten anwesend – er notierte, dass Kaiser Wilhelm I. nicht zur Feier erschienen sei, weil er grundsätzlich an Zeremonien für „Civil-Personen“ nicht teilnehme – Goethe als Nicht-Militär.

17. Dänischer Gesandter von Quade. Es handelt sich wohl um George Joachim Quaade (geboren am 30. August 1813, gestorben in Kopenhagen am 7. April 1889).

18. Senator Dr. Johannes Georg AndreasVersmann, Hamburger Bürgermeister (7. Dezember 20. – 28. Juli 1899).

19. Geh. Reg.-Rath Karl Hauschild, Kommissar für Elsass-Lothringen (12. Dezember 1830 – ?).

20. Reichstagsabgeordneter Landrath Ernst Mathias von Köller (8. Juli 1841 – 11. Dezember 1928). Seit 1887 Polizeipräsident in Frankfurt am Main, 1894 Preußischer Innenminister, und ein scharfer Gegner der Sozialdemokraten, später des Dänentums in Schleswig-Holstein.

21. Victor Moritz Carl Herzog von Ratibor, Fürst von Corvey, Mitglied des Reichstages 1867 – 1890 (10. Februar 1818 – 30. Januar 1893). Der Fürst nahm an mehreren Versammlungen teil: so war er Mitglied des Schlesischen Provinziallandtags, des Vereinigten Landtags von 1847, des Staatenhauses des Erfurter Unionsparlaments 1851 und des Reichstags des Norddeutschen Bundes 1867 – 1870.

23. Remonte-Inspecteur Oberst Ernst August Woldemar Freiherr von Troschke, 1908 General der Kavallerie (18. März 1832 – 1915). Remontpferde waren Nachwuchspferde.

24. Oberst von Unruhe.

26. Oberst von Lettow. Ob es sich um einen Spross der Familie Lettow-Vorbeck handelt, ist nicht bekannt.

28. Generalmajor Hans Karl Georg von Kaltenborn-Stachau, 1890 – 93 Preußischer Kriegsminister (1836 – 1898).

30. Generallieutenant von Hartrott, vermutlich Ludwig von Hartrott, General der Kavallerie, (21. Februar 1829 - 1910).

31. Generallieutenant von Kleist, vermutlich Christoph August Victor v. K., (19. Februar 1818 – 1890).

33. Contre-Admiral Freiherr von der Goltz, vermutlich Max Leopold Otto Ferdinand v. d. G. (19. April 1838 – 20. Dezember 1906).

34. Generalmajor von Adler, vermutlich Viktor Heinrich Franz v. A. (1829 – 1898).

35. General der Infantrie von Schachtmeyer, vermutlich Hans v. Sch., General d. Infanterie (6. November 1816 - 8. November 1897).

36. General der Infantrie von Treskow, vermutlich Hermann von Treskow (1. Mai 1818 – 20. April 1900).

38. Generalmajor von Wissmann, vermutlich Friedrich Wilhelm Julius v. W. (23. Januar 1828 - 1909).

39. Generallieutenant Wiebe, vermutlich Karl Wilhelm Wiebe (16. Oktober 1838 – 1927).

41. General der Infantrie Graf von Blumenthal, vermutlich Carl Constantin Albrecht Leonhard v. B. , dem Oberbefehlshaber bei der Belagerung von Paris im Krieg 1870 – 1871 (30. Juli 1810 – 22. Dezember 1900).

42. Generallieutenant von Strubberg, vermutlich Otto Julius Wilhelm Maximilian v. St. (16. September 1821 – 9. November 1908).

43. General-Feldmarschall Graf Helmuth von Moltke, Preußens wichtigster General war Chef des Generalstabs und auch Mitglied des Reichstags.

44 a. Generallieutenant Freiherr von Willisen, vermutlich Johann Georg Carl Emanuel Constantin v. W. (5. August 1837 – 16. August 1905).

44 b. Oberstlieutenant Freiherr von Fürstenberg, entweder: Lothar Frhr v. F. (26. Juni 1840 – 9. September 1903) oder Francesco Frhr. v. F. (9. November 1845 - 1917). Auf dem Erklärungsblatt ist nicht nach 44a und 44b unterschieden.

45. General der Infantrie Alexander August Wilhelm von Pape, 1888 – 1895 Gouverneur von Berlin (2. Februar 1813 – 7. Mai 1895). Nach ihm ist die General-Pape-Straße in Berlin-Schöneberg-Tempelhof benannt.

46. General à la suite S. M. d. Kaisers, Anton Fürst Radziwill (31. Juli 1833 - Berlin 16. Dezember 1904).

47. General der Kavallerie Hans Graf von der Goltz (1855 - 1931).

48. Oberstlieutenant Dürig, möglicherweise Johannes von Düring, Oberstlieutenant, Abteilungschef im Kriegsministerium, wohnte 1889 Bülowstraße 2, Berlin-W.

49. Oberst Speck.

50. Oberst Syller.

51. Oberst Schnauss.

52. Oberst Graf Alfred von Schlieffen, später General und Chef des Generalstabs, Autor des „Schlieffen-Plans“, der Grundlage der deutschen Angriffsplanung im Ersten Weltkrieg wurde (28. Februar 1833 – 4. Januar 1913).

53. Hof-Steinmetzmeister Paul Rasche, Leiter der Steinmetzmeister-Innung (Insel Rügen 17. Mai 1838 – Berlin 1. März 1908). Um diese Zeit versteuerte Herr Rasche ein Jahreseinkommen von 173 000 Mark. Zum Vergleich, ein Maurer verdiente im Jahr um die 1200 Mark, Reichstagsarchitekt Paul Wallot bekam 30 000 Mark im Jahr.

54. Hof-Kupferschmiedemeister W. Otto, hat die Kapsel für die Grundsteinlegung angefertigt. Von Herrn Otto haben wir nicht einmal den Vornamen, leider.

55. Mauermeister Leopold Peters (12. Mai 1843 – 15. November 1892). Peters hat den Grundstein für die Firma Wimmel geschaffen. Der Block kam aus dem Bruch von Rackwitz (heute: Rakowice male) in Schlesien, er maß 110 x 90 x 75 cm.

56. Albert von Levetzow, Reichstagspräsident. Levetzow erschien in der Uniform eines Majors der Reserve – kaum eine Zeitung hat dies verschwiegen.

58. Bauinspector Carl Julius Wilhelm Haeger, Leiter der Bauausführung, „rechte Hand“ des Architekten Wallot (Greifswald 1. September 1834 – Berlin-Friedenau 2. März 1901). Haeger liegt auf dem Friedhof in der Stubenrauchstraße, unweit der Gräber von Marlene Dietrich und Helmut Newton.

59. Paul Wallot, Architekt des Reichstagsgebäudes (Oppenheim am Rhein 26. Juni 1841 – Langenschwalbach 10. August 1912). Sieger im Wettbewerb 1882. Nachdem er sich vom Kaiser Wilhelm II. mehrfach beleidigt fühlte, wechselte Wallot 1895 nach Dresden zur Technischen Hochschule, wo er eine ganze Generation von Architekten unterrichtete. Wallot wurde Ehrenmitglied der Akademie der Künste in Berlin; sein Grab befindet sich an seinem Geburtsort.

60. Ludwig Löwe, Mitglied des Reichstags (1837 – 1886). Jüdischer Gründer einer Waffenfabrik in Berlin-Moabit, die die preußische Armee mit Gewehren ausstattete. Der Antisemit Hermann Ahlwardt behauptete, die Waffen der Firma seien mangelhaft.

61. Friedrich von Kehler, Mitglied des Reichstags, Chefredakteur der in Berlin erscheinenden strengkonservativen „Kreuz-Zeitung“.

62. Clemens Freiherr von Heeremann-Zuydwyk, Mitglied des Reichstags.

63. Robert Gerwig, Mitglied des Reichstags, Mitglied der Baukommission (2. Mai 1820 – 6. Dezember 1885). Der Ingenieur machte sich in seiner badischen Heimat einen Namen als Konstrukteur von Straßen, Brücken und Eisenbahnlinien.

64. Max von Forckenbeck, Oberbürgermeister Berlins (23. Oktober 1821 – 26. Mai 1892). Der Mitbegründer der Nationalliberalen Partei hatte großen Anteil am Ausbau einer großstädtischen Infrastruktur Berlins.

65. Leo von Caprivi, Chef der Admiralität, später Reichskanzler.

66. Staatssecretair, Wirkl. Geh. Rath Emil von Burchard (1. August 1838 - 25. April 1901).

67. Geh. Rat. Dr. Hermann von Schelling, Staatssekretär des Reichsjustizamts, für Preußen im Bundesrat (19. April 1824 – 15. November 1908).

68. von Stünzer, Wirkl. Geh. Rath.

69. Heinrich von Stephan, Postminister. Sein Grab in Berlin liegt auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Berlin-Kreuzberg.

70. Generallieutenant Paul Bronsart von Schellendorff preußischer Kriegsminister (25. Januar 1832 – 23. bzw. 25. Juni 1891).

71. Staatsminister Paul Graf von Hatzfeldt-Wildenberg (8. Oktober 1831 – 22. November 1901).

72. Adolf von Scholz, preußischer Finanzminister (1. November 1833 – 20. März 1924). Er gehörte nicht dem Reichstag, aber dem preußischen Landtag an, von 1870 bis 1873.

73. Gustav von Goßler, preußischer Kultusminister, zeitweilig Präsident des Reichstags (30. April 1838 – 29. September 1902. Nach ihm sind zwei Straßen in Berlin benannt; eine dritte, früher in Friedrichshain, wurde in Corinthstraße umbenannt.

74. Karl Heinrich von Boetticher, Generalstellvertreter des Reichskanzlers, Vizepräsident des Preuß. Staatsministeriums, Staatsminister (für Inneres) (6. Januar 1833 – 6. März 1907).

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