Zeitung Heute : Kaiserstuhl: Nicht nur für Viertele-Schlotzer

Volker Kipke

Das Raubinsekt mit dem schönen Namen Gottesanbeterin ist zwar nicht von besonderer Niedlichkeit - sieben Zentimeter lang wird so ein Tierchen -, und wenn es im Balkonblumenkasten lauert oder seine Eier an die zum Trocknen ausgehängte Wäsche klebt, dann freut sich die Hausfrau in Ihringen nicht unbedingt - aber wo sonst bei uns, bittesehr, könnte einem das Ungemach mit dem südländischen Biest widerfahren? Fast nur am Kaiserstuhl.

Das Liliputgebirge am Oberrhein gilt als der wärmste Fleck in Deutschland. Früh kommt der Frühling, spät geht der Herbst; meistens. Über Hänge und Kuppen ziehen sich die Reihen der Rebstöcke in schier endloser Folge. Bienenfresser, die mit ihrem knallbunten Gefieder wie Abgesandte Afrikas wirken, jagen darüber weg. Auf Wiesen voller Orchideen und in Obstgärten schaukeln Schmetterlinge sonst ganz seltener Arten. In Wäldern auf den Gipfeln und Kämmen stehen sonnenbedürftige Bäume wie die Flaumeichen. Dieses eigentlich sanfte und liebliche Bergländle im Badischen hat allerdings seine harten Ecken und Kanten - die tat ihm die Flubereinigung an, die Begradigung der Natur nach ökonomischen Maßstäben.

Unvermittelt steigt der Kaiserstuhl (bis 555 Meter) aus dem Rheingraben (knapp 200 Meter) auf. Eine ziemlich überschaubare Angelegenheit: Auf dem längsten der zahlreichen Wanderwege kommt man schon nach 15 Kilometern auf der anderen Seite an; eine Landschaft für Leute, die sich wenig anstrengen, aber viel Ausschau halten wollen. Etwa nach den Smaragdeidechsen, die unterm Gestrüpp am Rand der Hohlwege darauf warten, dass ihnen einer der seltenen Schmetterlinge zu nahe kommt; oder eine fette Gottesanbeterin. Wenn es unter dem Schuh des Spaziergängers knackt und knirscht, ist wieder eine der Weinbergschnecken, die in Mengen über die Wege kriechen, Opfer des Wandertourismus geworden. Den Schnecken ergeht es in diesem Jahr ohnehin schlecht. Sie dürfen - wie stets nur alle vier Jahre - gesammelt werden und enden als Schnägge-Süppli im "Goldenen Engel" oder dem "Holzöfele".

In der Straußwirtschaft am Weg zum Liliental verspeist man armlange Fladen von Flammenkuchen, der alemannischen Antwort auf die Pizza. Wer den Mut hat, Geschweldi zu bestellen, ist überrascht, dass er ein ganz harmloses Kartoffelgericht bekommt. Das wichtigste Blatt auf den Speisekarten wird gewöhnlich "unseren Viertele-Schlotzern" gewidmet. Schlotzer? "Wenn man schlotzen ins Hochdeutsche übersetzen könnte, hieße es wohl schlecken oder so", erklärt die Bedienung. Ein Viertele trockenen Silvaners ist mächtig schnell weggeschlotzt, aber keine Bange: Auf diesem kleinen Klecks von Berg stehen 14 Winzergenossenschaften und zahllose Weingüter bereit, für Nachschub zu sorgen, auch an Riesling, Ruländer, Trollinger, Spätburgunder ... Übers Glas weg geht der Blick von den Gasthausterrassen manchmal auf den nächsten Wein-Buckel, den Tuniberg. Und immer auf die "richtigen" Berge, entweder den Schwarzwald auf der einen Seite oder die Vogesen auf der anderen.

Schwarzwald und Vogesen sind die Reste eines Hochgebirges, das sich vor 40 Millionen Jahren allmählich senkte und dessen Gipfel heute 4000 Meter unter dem Rhein liegen. Bei der Senkung öffneten sich Spalten; durch sie stieg Magma auf, die zugleich versinkende Schollen wieder nach oben rissen. So bilden Lava und Kalk den Grundstock des Kaiserstuhls. Die zweite "Bauphase" begann gleich nach der Eiszeit: Der Wind wirbelte aus dem Tal Staub auf und verfrachtete ihn auf den Vulkan; bis 35 Meter dick sind die Lagen des zu "Lockergestein" gewordenen Staubes. Nach dem alemannischen Wort für "locker", lösch, nennt man solchen Boden hier und in aller Welt Löss.

Nur an manchen Stellen tritt noch der Vulkanstein zu Tage, zum Beispiel am Winklerberg. Er gilt am warmen Kaiserstuhl als Hitzepol. Am Boden soll man schon 67 Grad gemessen haben. Hier wuchsen auch schon vor dem Klimawandel Kakteen wild. Kein Wunder, dass Kenner dem Wein vom Winklerberg nachsagen, er hätte Feuer und sei gar etwas hitzig. Auf diesen Felssporn bei Ihringen am Südwestrand des kleinen Berglandes treffen die Winde zuerst, die aus Richtung Mittelmeer durch die Burgundische Pforte wehen; sie und die Lage im Regenschatten der Vogesen sind es, die oft für Kaiserwetter am Kaiserstuhl sorgen. Übrigens opponieren einige Konkurrenz-Orte gegen den Ihringer Anspruch auf den deutschen Wärme-Rekord. Und Tatsache ist, dass es Smaragdeidechsen auf einigen Wärme-Inseln sogar in Brandenburg gibt - doch ganz, ganz selten.

Aber manchmal regnet es am Kaiserstuhl ja doch. Abfließendes Wasser meißelte gewundene Schluchten in den Löss, und sie wurden immer tiefer eingegraben durch die Winzer, die sie als Wege nutzten; in die Steilwände graben die Bienenfresser ihre Niströhren. Viele dieser landschaftstypischen Hohlwege aber verschwanden in den 1970er Jahren - Folge der "dritten Bauphase" am Kaiserstuhl: Um die Lössfläche zu vergrößern und zugleich den Weinanbau bequemer zu machen, wurden ganze Berge planiert oder zu weitläufigen Terrassen umgeformt. Wie riesige Stufenpyramiden stehen manche da, am Reißbrett entworfene Neulandschaft, Denkmäler menschlicher Hybris. Da die Winzer bei der Modernisierung der Natur auch neue Straßen für ihre Traktoren bekamen, verfielen viele Hohlwege, wurden verschüttet, vermüllt. "Einige haben wir nun doch wieder aufgemacht und Wanderwege hindurch geführt", sagt Erwin Waibel, der für den Schwarzwaldverein - zuständig auch am Kaiserstuhl - 56 Kilometer Wege um Ihringen betreut. "Und im Frühling hatten wir auch mal wieder Küchelschellen-Aktion." Mit dem Pflanzen dieser und anderer Blumen hat man eine wohl noch schlimmere Folge der Flurbereinigung wettgemacht. Denn nackt standen die Lösshänge, die Absätze zwischen den neu geschaffenen Terrassen-Stockwerken; wie lange hohen Mauern, gerade Wände statt der natürlichen Böschungen. Sie sind jetzt also begrünt, durch den Verein und andere Naturschützer, und die Winzer pflanzten blaue Schwertlilien in großen Beeten an, wie es schon vor dem Umbau der Landschaft Tradition gewesen war.

Der höchste Punkt des Kaiserstuhls heißt Totenkopf, wahrscheinlich weil dort oben einst eine Richtstätte lag. Und das ganze Gebirgchen trägt seinen Namen wohl aus dem selben Grund: Es waren eben Kaiser, die hier gelegentlich Köpfe abschlagen ließen. Eine große Dynastie - sie war gar "Ingang und slüssel Tutscher Nation" (1469) - herrschte in Teilen dieses Gebiets, bevor sie viele Kaiser stellte: die Habsburger. Wenn man heute auf dem Wanderweg spaziert, der an der evangelischen Kirche von Ihringen beginnt und nur eben über einen Weinbergsbuckel nach Achkarren führt, steht da auf einmal ein angenagelter Jesus, und noch einer und noch einer. Manche Dörfer gehörten bis 1806 zu "Vorderösterreich" und blieben katholisch, andere waren lange schon Besitz der Markgrafen von Baden und protestantisch - dieser Teil der Geschichte ist mühelos daran abzulesen, ob am Weg Bildstöcke stehen oder nicht.

Die einst habsburgische Festungsstadt Breisach auf ihrem kleinen Extravulkan hoch über dem Rhein, zuvor schon als keltischer Fürstensitz und römisches Kastell genutzt, wurde im Laufe ihrer Geschichte gar noch öfter zerstört als deutsche Städte üblicherweise. Doch das romanisch-gotische Münster - immer wieder repariert - ist weiterhin Pilgerstätte der Kulturtouristen. Die Wandmalereien von Martin Schongauer haben zwar gelitten, aber eine Herrlichkeit blieb der Schnitzaltar mit seiner unwahrscheinlichen Fülle von feinem Gerank in Lindenholz (geschaffen um 1525 von einem nur als H. L. bekannten Meister). Ihr mittelalterliches Bild erhielten sich weitgehend die Städtchen Burkheim und Endingen, verkamen allerdings inzwischen zu bloßen Großparkplätzen mit historischer Kulisse.

Viele Urlauber im Kaiserstuhl genießen es besonders, dass sie hier bei Schneckensuppe und Flammkuchen in der "Strauße" - und öfter auch bei der Naturführung ins Biotop von Gottesanbeterin und Smaragdeidechse - nicht vornehmlich unter ihresgleichen sind, sondern sich mitten zwischen den heimischen Viertele-Schlotzern bewegen. Denn Tourismus ist Nebensache; das Hauptgeschäft des Kaiserstuhls heißt Ruländer, Riesling, Spätburgunder ...

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