Zeitung Heute : Kalaschnikows Kinder

Stephan Hille

Abdul Sahid humpelt schwerfällig über den ausgetrockneten Hof im Krankenhaus von Hodscha Bahauddin, einem kleinen Ort im äußersten Norden Afghanistans. Vor zwei Monaten hat ihn ein Streifschuss am rechten Fuß erwischt, in der ersten Frontlinie, rund 20 Kilometer entfernt bei Dascht-i-Quala, nahe der Grenze zu Tadschikistan. Es war Abduls erster Einsatz an der Front, und er will so schnell wie möglich dorthin zurück. "Wenn ich gesund bin, kämpfe ich weiter", sagt er mit seiner kindlichen Stimme: "Für mein Land und gegen die Taliban." Sein Alter gibt er mit 18 Jahren an, doch der Soldat der Nordallianz dürfte kaum älter als 14 oder 15 sein. Eine militärische Ausbildung hat er nicht bekommen. Sein Vater, erzählt Sahid, ist vor eineinhalb Jahren an der Front ums Leben gekommen. Der Junge gehört zur usbekischen Minderheit Afghanistans und zur dritten Generation von Afghanen, die in ihrem Leben kaum etwas anderes als Krieg kennen.

Für seinen Bettnachbarn Osman Gulamsahy ist der Krieg zu Ende. Fünf Jahre hat er gekämpft. Eine Mörsergranate zerfetzte ihm vor einem Monat den rechten Unterarm. Der 20-Jährige stöhnt vor Schmerzen, findet in seinem Bett keine Lage, in der er es aushalten kann. Der Verband um den Stumpf ist blutgetränkt. Amputationen sind die häufigsten Operationen in dem kleinen Krankenhaus von Hodscha Bahauddin, dem militärischen Hauptquartier der Nordallianz. In der Regel greift Doktor Said Ibrahim Khamel, der Gesundheitsminister der Islamischen Republik Afghanistans, höchstpersönlich zum Amputationsgerät, einer 30 Zentimeter langen Eisensäge.

Etwa zehn Soldaten werden pro Woche in das Hospital eingeliefert, schätzt Khamel. Lange können sie nicht bleiben, denn in dem eingeschossigen Bau mit einem Operationsraum und vier Zimmern gibt es nicht mehr als 20 Betten. Und häufig landen auch Zivilisten auf dem Operationstisch. Zum Beispiel Abdul Majid. Er war vor einem Monat mit zwei Eseln unterwegs, um Tee und Baumaterial aus der von den Taliban beherrschten Provinzhauptstadt Taloqan in das zwei Tagesmärsche entfernte Hodscha Bahauddin zu bringen. Kurz vor der Frontlinie griffen ihn nachts Soldaten der Taliban auf und trieben ihn in ein Minenfeld. Die Explosion riss dem 60 Jahre alten Mann den rechten Unterschenkel weg. Apathisch hockt der Alte auf seinem Krankenbett.

Operationsgeräte und Medikamente müssen die Ärzte kaufen. Humanitäre Hilfe aus dem Ausland erhalte das Krankenhaus nicht, klagt Doktor Khamel. "Seit fünf Jahren kämpfen wir schon alleine gegen die Terroristen." Doch seit den amerikanischen Militärschlägen ist der 30-jährige Minister für Gesundheit zuversichtlich: "Mit der Unterstützung der Amerikaner werden wir die Taliban auslöschen."

Wenige Kilometer westlich von Hodscha Bahauddin fiel vor einigen Tagen in der Nacht amerikanische Hilfe wie Manna vom Himmel. Tausende kleiner gelber Päckchen mit Erdnussbutter und anderen Köstlichkeiten, die nach Ansicht der Amerikaner dem afghanischen Magen gut tun sollen. Einige der gelben Päckchen tauchten tags darauf auf dem Basar auf. Jetzt liegt überall angebissene Erdnussbutter im Staub. Immerhin tragen nun fast alle Kinder von Hodscha Bahauddin ihre Schulhefte in gelben Tüten mit der Aufschrift "US-Humanitarian Aid" in die Schule.

Bevor die Taliban 1996 in der Hauptstadt Kabul die Macht an sich rissen, war Hodscha Bahauddin ein Ort mit knapp 10 000 Einwohnern. Jetzt sollen es mehr als 80 000 sein, die sich auf die Stadt und die umliegenden Flüchtlingslager verteilen. Seitdem die Taliban vor rund einem Jahr Taloqan eroberten, die Hauptstadt der Provinz Tachar, wurde Hodscha Bahauddin zur letzten Zuflucht für Tausende von Flüchtlingen. Der Ort selbst ist nicht mehr als eine Ansammlung von einstöckigen Häusern, die sich hinter drei Meter hohen Lehmmauern verbergen. Zwei Schotterpisten führen durch das triste Nest, der Rest sind schmale Buckelwege mit tiefen Furchen und Schlaglöchern. Im Winter weichen sie auf, im Sommer werden sie steinhart oder versanden. Esel sind das übliche Verkehrsmittel. Die Männer, die auf ihnen durch den Ort reiten, erinnern an Gestalten aus Verfilmungen der Bibel. Frauen sind kaum auf der Straße, nicht einmal an Basartagen. Nur am Dorfrand ist hin und wieder eine Frau zu sehen, tief verschleiert unter der Burka, die den gesamten Körper bis zu den Füßen verhüllt.

Die paar Dutzend Militärjeeps aus russischer Produktion gehören den Militärs der Nordallianz. Wenn die Fahrer ihre olivgrünen Fahrzeuge über die Buckelwege prügeln, fällt die gesamte Umgebung für Minuten in dichte Staubwolken. Ein Stromnetz, fließendes Wasser oder Telefon gibt es hier nicht. Dafür herrscht kein Mangel an Kalaschnikows. Die sie über der Schulter tragen, sind oft kaum älter als 16 Jahre.

Schon Wochen vor Beginn der amerikanischen Militärschläge haben Hunderte von ausländischen Korrespondenten in Hodscha Bahauddin ihr Heerlager aufgeschlagen, um über Amerikas neuen und Afghanistans alten Krieg, der das Land nunmehr seit 22 Jahren plagt, zu berichten. Die Fernsehleute von NBC waren unter den Ersten und haben gleich das gesamte Gästehaus des Außenministeriums in Beschlag genommen. Mittlerweile geht das Gerücht, die Amerikaner wollten hier in Kürze auch Kühlschränke und chemische Toiletten für die Journalisten einfliegen. Hier ist auch der Ort, an dem zwei Araber das tödliche Attentat auf Verteidigungsminister Ahmed Schah Massud verübten, den militärischen Führer der Nordallianz. Bezeichnenderweise waren sie als Fernsehleute getarnt.

Der internationale Pressetross ist inzwischen zum Wirtschaftsfaktor Nummer eins in Hodscha Bahauddin geworden. Die Preise für Unterkunft, Fahrer oder Übersetzer sind innerhalb kürzester Zeit explodiert. Aber der Dollarregen, der über die Vertreter der Nordallianz niederprasselt, hat nicht gerade eine besondere Informationsbereitschaft ausgelöst. Über den Krieg gegen die Taliban und die Pläne für die Zeit danach ist kaum etwas zu erfahren. Das Außenministerium der Nordallianz kontrolliert die Arbeit der Presseleute streng. Für jede Bewegung muss ein Passierschein eingeholt werden.

Zwar sind das Grollen der Geschütze und das dumpfe Donnern der Artillerie an der Front bei Dascht-i-Quala in unregelmäßigen Abständen zu hören, doch die angekündigte Offensive an allen Fronten blieb bislang aus. Nur der Kampf um Masar-i-Scharif, angeführt von dem usbekischen General Raschid Dostum, ist voll entbrannt. Seit Tagen heißt es schon, die Stadt sei kurz vor dem Fall.

Noch immer wehen schwarze Trauerfahnen über den Lehmhäusern von Hodscha Bahauddin. In jedem Raum und an den Frontscheiben der Jeeps klebt das Foto von Massud. Über seinen Nachfolger General Muhammad Fahim ist nur wenig bekannt. Er hält sich vorwiegend im Pandschirtal auf und versucht, Auftritte in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Der Mangel an Profil offenbart das größte Manko der Nordallianz: Es fehlt an einer zentralen Kommandostruktur. In Hodscha Bahauddin räumt Außenminister Abdullah Abdullah durchaus Meinungsverschiedenheiten unter den Militärführern der Nordallianz ein. Die Frage, wann eigentlich der Sturm auf Kabul beginnen soll, ist damit vor allem eine politische Frage, auf die es noch keine einhellige Antwort gibt: Wie soll es danach weitergehen?

In einem kleinen Häuschen am Fluss Pjandsch, der hier die Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan bildet, hat der stellvertretende Verteidigungsminister Baryali Khan zum Abendessen eingeladen. Der Mittdreißiger ist zugleich Kommandeur dieses Frontabschnitts bei Dascht-i-Quala. Der Tisch biegt sich vor Köstlichkeiten, und an der Front ist es heute Nacht ruhig. Während der smarte Militärführer seinen Gästen Hammelfleisch auf die Teller häuft, kündigt er selbstbewusst eine Offensive an allen Fronten an, sobald nur Masar-i-Scharif gefallen sei. Schon jetzt liefen Soldaten der Taliban an allen Fronten über. Doch Zahlen nennt er nicht. Ohnehin kann er zur Zukunft Afghanistans nur seine persönliche Meinung sagen, denn das Oberkommando der Nordallianz hat seit Wochen nicht mehr getagt. Nach dem Fall der Taliban müsse eine Regierung der nationalen Versöhnung gebildet werden, in der alle Volksgruppen vertreten sein müssten. Und wann wird es eine solche Regierung geben? "Sehr bald schon, so Allah will, vielleicht in ein oder zwei Jahren."

Die Menschen in Hodscha Bahauddin haben sich längst an den Ansturm der Fremden aus dem Westen gewöhnt. Die Frage "How are you?" verstehen inzwischen auch die kleinen Kinder, die barfuß durch den Staub rennen. Überall tragen Männer kleine Transistorradios mit sich, um die neuesten Meldungen vom Krieg zu erfahren. "Als ich im Radio von den amerikanischen Luftangriffen gehört habe, war ich sehr froh", erzählt der Weizenhändler Titscha Ryas. Der 49-Jährige musste vor einem Jahr aus Taloqan flüchten. "Das bedeutet, dass ich bald wieder nach Hause kann", sagt der Mann mit seinem langen weißen Bart, während er auf dem Fußboden seines Büros, das zugleich seine Schlafstätte ist, am grünen Tee nippt. "Amerika hat beschlossen, unserem Land Frieden zu bringen, und gemeinsam werden wir die Terroristen auslöschen."

Manche Sätze aus dem Mund des Mannes, der bei der Nordallianz als Übersetzer angestellt ist, wirken wie frisch einstudierte Formeln. Kaum eine Meinungsäußerung, in der er nicht die Worte "Taliban und Terrorismus auslöschen" einstreut. Doch am Ende des Gesprächs wird das Gesicht des Weizenhändlers sehr ernst. Er möchte eine Frage stellen, auf die er bisher noch keine Antwort erhalten hat: "Unser Land leidet doch schon fünf Jahre unter den Taliban. Warum hat sich die Welt nicht schon früher für Afghanistan interessiert?"

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!