Zeitung Heute : Kaliningrad: Das Gespenst

Harald Martenstein

Wer die Stadt ein paar Jahre nicht gesehen hat, erkennt überall Fortschritt oder was man so nennt. Neue Häuser, westliche Läden, Lichtreklamen. Königsberg hat inzwischen sogar eine rush hour, mit Tausenden von Audis und VWs und Mercedessen, Stoßstange an Stoßstange. Es gibt schöne Frauen in teuren Pelzmänteln, fünf Spielcasinos, die typischen Privatradio-Moderatorinnen in ihren typischen roten Stiefeln und Supermärkte, wo der freie Bürger sich mitten in der Nacht sein Sixpack Holsten-Bier kaufen kann.

Nur die deutschen Schriftsteller sind in Königsberg immer noch knapp, seit 60 Jahren. Aber letzte Woche waren welche da - Marcel Beyer, Karen Duve, F. C. Delius, Uwe Timm und andere, eine Lesereise, finanziert hauptsächlich von Bertelsmann. In einer Programmpause gingen einige deutsche Schriftsteller in einen Trödelladen. Dort wurden ein verrostetes Hakenkreuz, mehrere Leninbüsten und eine Armbinde mit dem Aufdruck "Jüdischer Sanitätsdienst im Ghetto" zum Verkauf angeboten. "Der Trödler ist ein großer Gleichmacher, wie der Tod", sagte der Autor Klaas Huizing. Aber das stimmt nicht ganz. Am teuersten war die jüdische Armbinde. Am billigsten die Lenin-Büste.

Unser Mann in Königsberg heißt Liske. Klaus-Einar Liske, weißes Haar, Jackett mit Goldknöpfen, leitet das Montagewerk von BMW. Damit ist er auf diesem Fleck der Welt der wichtigste Deutsche. BMW gilt als der größte ausländische Investor hier. Obwohl es nur etwa 200 Arbeiter sind. Die Arbeiter schrauben aus importierten Einzelteilen 5er und 7er BMWs zusammen, für den russischen Markt, höher gelegt wegen der schlechten Straßen, acht oder zehn Stück am Tag. Das lohnt sich, weil ausländische Investoren im Königsberger Gebiet von Import- und Mehrwertsteuer befreit sind. Fast die Hälfte der Arbeiter hat übrigens einen Hochschulabschluss. Sie waren mal Lehrer, Wissenschaftler, Ökonomen.

Das Werk, eine alte deutsche Lokomotivenfabrik, blinkt und blitzt. "Wir haben den Russen gesagt: Ordnung muss sein." So klingt Klaus-Einar Liske. Seinem russischen Unterchef klopft er auf die Schulter, nennt ihn "mein Freund Jurij" und vergleicht die Situation mit seinem vorherigen Einsatzort. "Hier machen die Mitarbeiter vieles von alleine, nicht zu vergleichen mit unseren Schwarzen in Südafrika." Liske hat Leibwächter, sein Wagen ist gepanzert.

Der Wirtschaftskreis, Treffpunkt der deutschen Unternehmer von Königsberg, ist in letzter Zeit überschaubarer geworden. Vielleicht 30 Personen sind es noch, meist Spediteure. Mitte der neunziger Jahre sah es anders aus. Aber die meisten deutschen Investoren haben kein Vertrauen mehr in russische Verhältnisse. Das Stichwort heißt: Rechtsunsicherheit. Die Vorschriften ändern sich dauernd, wie es der Bürokratie gerade passt. Den Sonderstatus des Gebietes wollen sie mal ausweiten, mal abschaffen, zurzeit mal wieder abschaffen. In der Stadt stehen einerseits noch alle Lenin-Denkmäler. Neben dem größten wird andererseits gerade eine Kirche gebaut.

Wovon also leben die Königsberger? Liske sagt: "Schmuggel, meistens Zigaretten und Schnaps. Schrotthandel, Kleingewerbe. Das Militär gibt es auch noch." Er hat Zeit, sein Werk steht still. Irgendjemand hat in irgendein Dokument hineingeschrieben, dass BMW in den nächsten Jahren in Königsberg 100 Millionen Euro investieren wolle. Das war ein Fehler. Ab 100 Millionen Euro muss alles von der Moskauer Zentrale entschieden werden. Jetzt fehlen wichtige Teile, seit Tagen liegen sie beim Zoll, aber die Zentrale entscheidet einfach nicht. Es ist wie im Sozialismus, nur nicht mehr so sozial.

Königsberg, das offiziell Kaliningrad heißt, war für Deutsche nach 1945 eine verbotene Stadt. Jetzt ist Königsberg zehn Jahre offen, seit Januar 1991. Anfang der Neunziger schrieb man die ersten Geschichten über eine Stadt ohne Zentrum, wo man sogar die Straßenführung verändert hat, um jede Erinnerung zu vernichten. Die Eroberer haben Häuser gebaut, die wie Plattenbauten aussehen. Aber sie bestehen aus den Ziegeln der deutschen Altstadt. Es sind Pseudo-Plattenbauten. Doch je gründlicher die Sowjetunion Königsberg ausradieren wollte, desto mächtiger wurde es in den Köpfen. Gegen ein Gespenst kann man nicht gewinnen.

Wenn die EU um Polen und Litauen erweitert ist, wird das Gebiet eine Insel sein. Ein Wort, das zur Situation passt, weil es so vage klingt: "das Gebiet". Das Gebiet ist heute isolierter vom Rest der Welt als Anfang der neunziger Jahre. Der Zug von Berlin nach Königsberg wurde wieder abgeschafft. Auch die Fähre von Rügen ins litauische Klaipeda fährt nicht mehr. Sogar die deutschen Neonazis interessieren sich nicht mehr ganz so heftig für Königsberg, man hört nichts mehr von Regermanisierungsversuchen. Stattdessen gibt es 40 neue Aids-Fälle in jedem Monat. In einer Lokalzeitung steht außerdem, dass jedes zweite gestorbene Kind sich selbst umgebracht hat oder totgeschlagen wurde, oft von den eigenen Eltern, im Suff. Ein Chefarzt verdient im Monat 97 Mark 20. Wird Königsberg das Kalkutta von Europa? Der Schmuggel dämpft die sozialen Probleme. Noch. Wenn Moskau den Sonderstatus abschafft, könnte es wirklich hart werden.

Die deutschen Autoren saßen im deutsch-russischen Haus und lasen vor. Russische Autoren lasen ebenfalls vor, Kulturaustausch, höflicher Dialog. Vorsichtig. Man sprach über Verlust. Ein Zuhörer stand auf und sagte: "Wir Russen können doch gar nicht über Verlust reden. Ihr Deutschen habt Königsberg verloren, aber wir haben es nie besessen." Die deutsche Vergangenheit ihrer Stadt ist für die russischen Königsberger von heute eine ständige Demütigung. Früher war die Stadt schön und reich, heute ist sie arm und hässlich. Die Alten konnten sich noch damit trösten, dass sie die Sieger in einem gerechten Kampf waren, und eine Stadt der Nazis zerstört haben. Bei den Jungen funktioniert das nicht mehr. "Bei Stadtrundfahrten schäme ich mich für meine Heimat", sagt Bulatow.

Dimitri Bulatow, 1968 in Kaliningrad geboren, war der einzige Jüngere unter den russischen Dichtern, die anderen waren Männer über 60, ehemalige Dockarbeiter oder Soldaten, grauhaarige postsowjetische Intelligentsia. Bulatow aber rief: "Der Mensch ist uninteressant! Alles ist verkommen! Überall ist Müll!" Dann schob er eine CD ein. Bulatow hat die Stimme der deutschen Autorin Elke Schmitter an seinem Computer zu Sound-Gulasch verarbeitet. Die künstliche Elke Schmitter gurgelte, zischte und stöhnte: "Up, ak, uk, sek, zak". In den Gesichtern der alten Autoren arbeitete es. Bulatow also ist die Avantgarde von Königsberg. Der Spinner. Weil er so oft ins Ausland eingeladen wird, sind sie höflich und halten ihn aus.

Wie heißt die Stadt überhaupt, wie viele Einwohner hat sie? 500 000? 700 000? Jeder sagt etwas anderes. Den Namen Kaliningrad hat Boris Jelzin 1993 nur per Dekret retten können. Damals gab es eine mächtige Strömung für eine Rückbenennung in Königsberg, das wäre aus Jelzins Sicht das falsche Signal gewesen. Heute sagen die Bewohner meist "Kenig".

Der Rest des Gebietes, Oblast Kaliningrad, entvölkert sich immer mehr. Das Land wird zu Steppe und Urwald. Alles strömt in die Stadt, wie im Winter 1945, als die Deutschen glaubten, in Königsberg lägen Schiffe, die alle retten. Außerdem sind Aserbeidschaner gekommen, Usbeken, Kasachen. In Königsberg werden Moscheen gebaut. Die Stadt ist Aufnahmegebiet für Flüchtlinge aus den Staaten der GUS, für Leute, die dem jeweiligen postsowjetischen System aus allen möglichen Gründen ein Dorn im Auge sind.

Vor ein paar Monaten wurde ein Gouverneur gewählt. Die Beteiligung lag nur bei 47 Prozent. Wer glaubt schon an Politiker? Sieger der Wahl war der 62-jährige Admiral Wladimir Jegorov, gleichzeitig Oberkommandant der Baltischen Flotte, angeblich ein Freund Putins. Jetzt hat Königsberg das wahrscheinlich einzige frei gewählte Militärregime der Welt. Der ehemalige Vizegouverneur ist geflohen, vermutlich nach Deutschland. Seine Flucht hängt mit dem Verschwinden eines Millionenkredits der Dresdner Bank an das Gebiet zusammen.

Deutsche Dichter im Turm

Jetzt klettern die deutschen Schriftsteller den Domturm hinauf, begleitet von Karl-Einar Liske. Der Turm des Königsberger Domes ist wieder ganz gut in Schuss. Das Geld kam unter anderem von der "Zeit"-Stiftung und der Deutschen Bank. Unten im Dom wird auch fleißig gesägt und gemeißelt, Gestühl, Chor, das wird alles langsam wieder. Und Liske findet einen Russen mit blinkenden Stahlzähnen, dem er auf die Schulter klopfen kann. Die Ausstellung im Turm ist rührend, mit Scherben der Domfenster, Bruchstücken von Kerzenleuchtern, bonbonbunten Kopien alter Stiche, gemalt im Stil der Kaufhausmalerei. Gegenüber, dort, wo das Schloss war, steht die Bauruine des "Stadtsowjet", errichtet im Jahr 1971. Das Hochhaus kann nicht abgerissen werden, weil das Geld für einen Abriss fehlt. Es erinnert ein bisschen an eine Sparkassenzentrale oder ein öffentlich-rechtliches Funkhaus nach dem endgültigen Sieg von RTL.

Am nächsten Morgen reisen die deutschen Schriftsteller mit ihrem Bus nach Memel weiter, heute Klaipeda, das zu Litauen gehört. Der nördlichste Zipfel des alten Ostpreußen. Litauen ist reich, verglichen mit dem Gebiet Kaliningrad. Alles, fast alles wie im Westen. Bei ihrer Lesung aber erleben die Deutschen ein Debakel, mit wütenden litauischen Autoren, von denen einige darauf verzichten, an dem anschließenden kostenlosen Festessen teilzunehmen.

Die Litauer sind aus vielen Gründen gekränkt. Erstens, weil Uwe Timm, ohne es böse zu meinen, sie als Teil des "Ostens" bezeichnet. Mit dem Osten wollen die Litauer nun wirklich nichts mehr zu tun haben. Zweitens, weil Karen Duve und Judith Kuckart sich darüber beschweren, dass bei den Gastgebern wieder nur Männer auf dem Podium sitzen. Feminismus mögen die litauischen Männer nicht so. Drittens, weil die Deutschen ihnen unverschämterweise Grüße von ihren Kollegen aus Kaliningrad bestellen. Grüße von den Russen, na prima! Ein Autor aus Litauen liest einen Text, in dem ein Embryo im Mutterleib russische Worte hört. Der Embryo beschließt, sich lieber mit der Nabelschnur zu erdrosseln, als herauszukommen, dorthin, wo die Russen sind. Auch um ihre Nachbarn sind die Bewohner des Kaliningrader Gebietes nicht zu beneiden.

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