Zeitung Heute : Kalkül der Gewalt

Im Nahen Osten sind Tausende auf der Flucht – aus Angst, dass der Konflikt weiter eskaliert

Michael Borgstede[Tel Aviv]

Israel hat den Libanon mit seiner Militäroffensive weitgehend isoliert. Wie groß ist die Gefahr, dass sich der Konflikt zum Krieg ausweitet?


Für die auflagenstärkste israelische Zeitung „Jedioth Achronoth“ war die Sache klar: „Krieg!“, titelte sie am Donnerstag in riesigen Lettern. In ganz Nordisrael, ab der Linie zwischen den Orten Naharija und Saffed, wurden die Bürger aufgefordert, Luftschutzkeller aufzusuchen. Alle Schulausflüge in die Region wurden abgesagt. Das Krankenhaus von Naharija zog in den Keller um, nachdem am Donnerstagmorgen der Ort von einer Katjuscha-Rakete getroffen worden war. Touristen verließen fluchtartig ihre Ferienzimmer. Auch viele Israelis flüchteten Richtung Süden – in die Sicherheit.

Nachdem Israel zunächst Brücken und Straßen im Südlibanon bombardiert hatte, um die Bewegungsfreiheit der Entführer einzuschränken, flog die Luftwaffe in der Nacht auf Donnerstag Angriffe auf Hisbollah-Einrichtungen in der Nähe der Hauptstadt Beirut sowie den internationalen Flughafen. Die Hisbollah feuerte ihrerseits Dutzende Raketen auf israelische Städte ab. Auf eine Ankündigung der Israelis, weitere Vororte Beiruts bombardieren zu wollen, reagierte die schiitische Terrororganisation prompt mit der Drohung, Haifa ins Visier nehmen zu wollen. Das ist eine gefährliche Eskalation im Nahen Osten, die Grund zur Sorge gibt – ein militärischer Flächenbrand droht der Region aber wohl trotzdem nicht.

Israel blieb nach dem Überfall der Hisbollah auf eine Grenzpatrouille und den Beschuss mit Katjusha-Raketen keine Wahl: Eine deutliche Reaktion war notwendig, um das Abschreckungspotenzial des jüdischen Staates nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Am Mittwochabend beriet das israelische Kabinett nur noch über das Ausmaß der anstehenden Militäraktion. Drei Möglichkeiten hätten zur Diskussion gestanden, war aus gut unterrichteten Kreisen hinterher zu hören: „Den Libanon angreifen, Syrien angreifen oder beide angreifen.“ Obwohl die Bilder der Zerstörung aus dem Libanon nicht gerade von militärischer Zurückhaltung zeugen, hat die israelische Regierung sich für eine eher gemäßigte Option entschieden. Und das, obwohl Ministerpräsident Ehud Olmert keinen Hehl daraus machte, dass Syrien für ihn durchaus eine gewisse Mitverantwortung für die neuerliche Gewalt aus dem Libanon trägt.

„Während der letzten Zeit hat Syrien bewiesen, dass es ein Terrorstaat ist“, sagte Olmert. Auch Außenministerin Zippi Livni sprach von einer „Achse des Terrors”, der neben dem Iran und Syrien auch die Hisbollah und Hamas angehörten. Es ist kein Geheimnis, dass der Iran die schiitischen Hisbollah oft per Umweg über Damaskus unterstützt – wo wiederum die Auslandsführung der Hamas ihren Sitz hat. Dennoch hat die israelische Armee keine Interesse daran, nach der andauernden Militäroffensive im Gazastreifen und den Kämpfen an der libanesischen Grenze auch noch eine dritte Front gegen Syrien zu eröffnen. Zum einen ist die syrische Armee weitaus besser ausgerüstet als die Guerillaorganisation Hisbollah, außerdem hätte Israel mit einem solche Angriff sofort alle internationalen Sympathien verspielt. So beschränkte Israel sich darauf, die libanesische Regierung zur Verantwortung zu ziehen.

Diese aber will mit den Übergriffen der Hisbollah nichts zu tun haben, auch wenn die Organisation der Regierung in Beirut angehört. Israel hingegen versucht die libanesische Regierung mit Gewalt zur in der UN-Resolution 1558 geforderten Entwaffnung der Hisbollah zu zwingen.

Es ist kaum zu erwarten, dass Syrien oder die benachbarten arabischen Staaten sich an diesem Konflikt direkt beteiligen werden. Jordanien und Ägypten werden nicht bereit sein, ihre Friedensverträge mit Israel zu riskieren, der Irak hat andere Probleme und der Iran wird sich schon wegen der beträchtlichen Entfernung wohl aufs Agitieren beschränken müssen. Angesichts der Tatsache, dass die Hisbollah über 10 000 Kurz- und Mittelstreckenraketen im Grenzgebiet verfügen soll, kann die Situation aber durchaus regional eskalieren – auch wenn sich keine anderen Staaten in den Konflikt hineinziehen lassen werden.

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