Zeitung Heute : Kalten Frühlingstagen einen Korb geben Strandkörbe machen mehr aus Gärten

Lena Hach
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Stellen Sie sich einmal vor, Sie säßen am Meer. Spüren Sie, wie der Sand durch ihre Zehen rieselt? Hören Sie das Rauschen der Wellen? Dann stellen Sie sich jetzt bitte eine Brise vor oder gleich einen kräftigen Nordseewind. Fühlen Sie, wie die Zeitung in ihren Händen zu tanzen beginnt? Das unruhige Papier biegt sich nach hinten, auch wenn sie immer wieder darüberstreichen. Natürlich können Sie die Zeitung klein falten; aber das ändert nichts daran, dass Lesen ein wahrer Kraftakt geworden ist.

Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, Sie säßen am Meer – aber in einem Strandkorb. Diesen haben Sie der Windrichtung entsprechend ausgerichtet und siehe da: Mit einem Mal steht Ihrer entspannten Lektüre am Strand nichts mehr entgegen.

Schon die Vorläufer der heutigen Strandkörbe dienten einem ähnlichen Zweck: Jene geschlossenen Weidensessel, die im 17. Jahrhundert in den Niederlanden gebaut wurden, waren der bevorzugte Sitzplatz der gegen Zugluft empfindlichen Älteren einer jeden Familie. Als Erfinder des ersten „richtigen“ Strandkorbs gilt jedoch der Rostocker Korbmacher Wilhelm Bartelmann. Einer Legende nach betrat im Jahr 1882 eine vornehme Dame seinen Laden und fragte nach einem Stuhl, der am Strand Schutz vor Sonne und Wind bot. Der von Bartelmann daraufhin kreierte „Strandstuhl“ aus Weiden und Rohr fand großen Zuspruch und seine geschäftstüchtige Frau eröffnete in Warnemünde die erste Strandkorbvermietung.

Ein Lehrling Bartelmanns entwickelte bald darauf den „Halblieger“: Hier konnten zwei Personen bequem nebeneinander liegen, da sich ein Teil der Rückwand zurückklappen ließ. Nicht durchgesetzt haben sich jedoch eine Reihe weiterer Erfindungen der übereifrigen Korbflechter: So wurden etwa Reisestrandkörbe geplant, die, mit einem Schloss versehen, auch als Koffer dienen sollten. Der Höhepunkt ist wahrscheinlich der schwimmende Strandkorb, der sogar Halterungen für Ruder vorsah.

Zweifellos beflügeln Strandkörbe die Phantasie- doch nicht nur die ihrer Hersteller, auch derjeniger, die in ihnen Platz nehmen. So hat sich Thomas Mann, als er in den 30er Jahren einige Sommer an der Kurischen Nehrung verbrachte, einen Strandkorb aus Lübeck liefern lassen. Diesen machte er zu seinem Arbeitsplatz, an dem (genau genommen: in dem) er seinen Roman „Joseph und seine Brüder“ verfasste. Ebenso beeindruckt muss Max Liebermann von den Strandkörben gewesen sein; er stellte sich mit seiner Staffelei häufig an den Strand und hielt das heitere Treiben rund um die Körbe fest.

Möchte man ihm heute nacheifern, braucht man nicht ans Meer zu fahren: Die Körbe haben den Strand längst verlassen, finden sich auf Restaurantterrassen ebenso wie in privaten Gärten. Ob dahinter die Absicht steckt, das Urlaubsgefühl mit nach Hause zu nehmen?

Wer ein solch geflochtenes Souvenir für die heimische Laube kaufen möchte, steht vor der Qual der Wahl. Soll es die sanfte Ostsee-Variante mit der geschwungenen Haube sein? Oder doch lieber die strenge Nordsee-Variante mit der geraden Kante?

Martin Kruggel vom Strandservice Binz auf Rügen erklärt: „Der wichtigste Unterschied ist, dass sich ein geschwungenes Seitenteil nicht ganz so weit nach hinten neigen lässt.“

So findet sich für jedes Bedürfnis der passende Korb: Groß geratene Menschen freuen sich über den Komfort, den Fußstützen mit Teleskopmechanismus und eine verlängerte Sitzfläche bieten. Eine breite Sitzfläche wiederum findet Gefallen bei Familien mit Kindern – so haben alle Platz.

Dann muss man sich nur noch bei einer Frage einig werden: Welche Farbe soll der Bezugsstoff haben? Während bei Strandkorb-Liebhabern vor einigen Jahren vor allem blau-weiße Blockstreifen angesagt waren, haben viele heute ein Gesamtkonzept im Auge. „Wer ein weißes Haus mit grünen Fensterläden hat, fragt wahrscheinlich nach grünem Stoff“, sagt Kruggel.

Ob in Grün oder der Farbe des Fußballvereins – um lange Freude am Korb zu haben, sollte man ihn richtig pflegen. Etwa nach der Reinigung die Polster unbedingt nachimprägnieren. Doch wohin mit dem Korb, wenn schließlich der Frost kommt? „Ein Strandkorb kann draußen überwintern“, beruhigt Kruggel. „Wichtig ist nur, dass er nicht nass wird.“ Daher gilt es, den Korb mit einer Schutzhaube zu bedecken. „Außerdem sollte man ihn hoch lagern, damit kein Wasser in das Holz eindringen kann“, sagt Kruggel. So wird eine vorzeitige Verwitterung verhindert.Lena Hach

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