Zeitung Heute : Kalter Krieg on Ice

Benedikt Voigt

Wie 14-jährige Mädchen beim Einlass für ein Konzert der Popgruppe Backstreet Boys, so stürmten 30 Fotografen und Kameraleute durch den ersten Stock des Main Media Centers. Sie hatten eine Abkürzung zum Erdgeschoss entdeckt, wo ihre Kollegen bereits den Auszug des neuen nordamerikanischen Traumpaars fotografierten und filmten. "Vorsicht, hinter euch", sagte ein Bodyguard zu den Fotografen, die rückwärts liefen, doch wie durch ein Wunder konnte der Pulk den ersten Imbissstand umkurven. Einige Meter später aber passierte es. Ein Fotograf stürzte im Gedränge und knallte mit dem Hinterkopf auf den Boden. Sein Glück war es, dass das Main Media Center mit einem dicken Teppich ausgelegt ist, weshalb er unverletzt wieder aufstehen konnte. Er schimpfte - und drückte kurz danach wieder auf den Auslöser.

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Tagesspiegel: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Das kanadische Eiskunstlaufpaar Jamie Sale und David Pelletier steht im Mittelpunkt eines olympischen Skandals, der in den USA nur noch "Skategate" genannt wird. Die Geschichte des Paares, das von der Jury benachteiligt wurde und am Freitagvormittag vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nachträglich die Goldmedaille zuerkannt bekam, lässt den Sport bei den Olympischen Spielen in den Hintergrund treten. "Manchmal fühle ich mich schon ein bisschen schuldig", sagte Pelletier, "dabei geht es nur darum, dass wir fair behandelt werden. Wir sind nur die Sportler, die Russen sind unsere Freunde." Der Russe Anton Sichkarulidze, der mit seiner Partnerin Jelena Bereschnaja zunächst allein die Goldmedaille zugesprochen bekommen hatte, sagte angesichts des Medienrummels in den USA: "Ich komme mir wie ein Verbrecher vor." Es geht in dieser Geschichte um vieles, aber nicht um Feindschaft zwischen sportlichen Konkurrenten. "Es ist nicht deren Schuld, und es ist nicht unsere Schuld", erklärte Jamie Sale.

Nicht nur die beiden Paare, sondern auch das IOC und der Internationale Eislaufverband (ISU) sind von der Entwicklung überrollt worden. In einer geheimen Sitzung am Donnerstag abend hatte sich die ISU für eine zweite Goldmedaille entschieden, obwohl das in keiner Regel steht. "Dies ist eine außerordentliche Entscheidung in der Gegenwart einer wirklich außerordentlichen Situation", sagte ISU-Präsident Ottavio Cinquanta. Das IOC öffnete durch diese Entscheidung die Tür für weitere Anfechtungen. Am Donnerstag sollen die Kanadier im Salt Lake Ice Center ihre nachträglich angefertigten Goldmedaillen überreicht bekommen. Bereschnaja und Sichkarulidze haben bereits gesagt, dass sie bei dieser Zeremonie gerne mit auf dem Eis stehen würden. Die russische Fahne solle neben der kanadischen aufgezogen werden.

Die Kanadier hören das nicht so gerne. "Der Wunsch, gemeinsam vom Eis zu gehen, ist finanziell motiviert", glaubt Craig Fenech, der Anwalt und Manager der Kanadier. Seine Mandanten profitieren viel mehr von dem Skandal. "Ich habe Angebote von Sponsoren erhalten, aber wir haben noch nicht darüber gesprochen", sagte Fenech. Wegen den Olympischen Spielen hatte das Paar noch keinen Vertrag für eine kommerzielle Tournee unterschrieben. Das zahlt sich jetzt aus. Längst werden die Pressekonferenzen der Kanadier live im Fernsehsender NBC übertragen. "Die Sache wird viel zu hoch gespielt", findet Fenech. Doch die Geschichte konnte nur so groß werden, weil sie wie ein gut gemixter Cocktail ist. Viel Politik zusammengeschüttet mit einer Mischung aus Medien und Kultur, sowie ein bisschen Sport, und das Ganze serviert auf Eis.

Da ist zunächst die Politik. Jamie Sale und David Pelletier hatten am Montag knapp mit 4:5-Preisrichterstimmen gegen die Russen verloren. Nach Meinung vieler Experten und des buhenden nordamerikanischen Publikums hatten sie jedoch die bessere Leistung geboten. "Ich glaube, dass wir die Goldmedaille verdienen", sagte David Pelletier. Doch der Skandal wäre nie einer geworden, wenn es sich an Stelle der Kanadier um die drittplatzierten Chinesen oder das zweite russische Paar gehandelt hätte. Das hätte nur wenige interessiert. So aber titelte "USA Today" zwei Tage nach dem Wettbewerb: "Der kalte Krieg im Eiskunstlaufen fängt wieder an."

Ein Blick auf die Bewertung der Preisrichter zeigt, wieso: Die Juroren aus Russland, Polen, Ukraine, China und Frankreich votierten für das russische Paar, ihre Kollegen aus den USA, Deutschland, Kanada und Japan favorisierten die Kanadier. Nimmt man die alte Ost-West-Schablone zur Hand, dann fällt nur die Stimme der Französin Marie-Reine Le Gougne durch das Raster. Dadurch geriet die 40-Jährige sofort in den Mittelpunkt der Affäre. "USA Today" berichtete in seiner Olympiaausgabe vom Samstag: "Cinquanta erhielt mindestens zwei Briefe von vier hochrangigen Offiziellen, die den russischen und den französischen Verband mit dem unangemessen Verhalten der französischen Preisrichterin in Verbindung bringen." Ein Eiskunstlauf-Offizieller hätte das gesagt. In dem Brief habe gestanden, dass die Unterzeichner mithörten, wie Le Gougne ein Arrangement zwischen den Franzosen und den Russen beschrieb, dass die Stimmen für den ersten Platz ihrer jeweiligen Paare im Eistanz und Paarlauf getauscht werden sollten. Cinquanta hatte noch am Freitag gesagt, dass es keine Beweise für einen solchen Deal gebe. Vielmehr sei Le Gougne suspendiert worden, weil sie gegenüber dem Verband Fehlverhalten zugegeben hätte. Der ISU-Präsident sprach von großem Druck auf sie, doch wer diesen ausübte und warum das geschah, konnte er nicht erläutern.

Nun steht der gesamte Eiskunstlaufsport in Frage. Wenn die sportliche Leistung der Kanadier so eindeutig besser war, warum beschwert sich niemand über die anderen vier Juroren, die für die Russen werteten? Hat man sich mit der Blockbildung abgefunden? "Eiskunstlaufen ist kein Sport, in dem es Meter und Sekunden gibt", sagt Alexander Zhulin, russischer Trainer amerikanischer Eistänzer, "es geht um Geschmack." Die Notengebung in dieser Sportart wird immer auch subjektiv sein. Die Aufgabe des Sportes ist es, dieses persönliche Element gering zu halten. "Wir tun unser Bestes, um das System zu verbessern", sagt der ISU-Präsident, "wir sind im Begriff einer Revision des Punktrichtersystems, das die Möglichkeit von Missverständnissen einschränkt."

Schon vor den Olympischen Spielen in Salt Lake City offenbarte sich Reformbedarf. IOC-Mitglied Richard Pound hatte angedeutet, dass das Eistanzen aus dem Olympischen Programm genommen werden könnte. Es ist die Disziplin mit den wenigsten technischen und den meisten künstlerischen, also subjektiv zu bewertenden Elementen. Bis vor kurzem war im Eistanzen nicht einmal festgelegt, für welchen Fehler es wie viele Punkte Abzug gibt. Cinquanta hatte 1998 gesagt: "Eistanzen ist zu vorhersehbar: Ein Paar, das im Oktober Nummer eins ist, ist das auch noch im Februar."

Zwangspausen sind wegen der betonierten Hierarchie im Eistanz immer gefährlich und bleiben meist nicht ohne Folgen. Entsprechend vorsichtig fielen bei diesen Spielen auch die Prognosen für das Berliner Eistanz-Paar Kati Winkler und René Lohse aus. Lohse hatte sich im November ein Kreuzband gerissen. Die Olympischen Spiele sind der erste Wettkampf für Winkler/Lohse. Die Kampfrichter müssen sich erst wieder an die Deutschen "gewöhnen". Kati Winkler sagt: "Wenn wir den WM-Platz des vergangenen Jahres halten, können wir schon zufrieden sein." Bei der WM 2001 in Vancouver kamen die beiden auf Rang sieben, beim Kurzprogramm am Freitag wurden sie Achte.

Die Liste weiterer Vorwürfe gegen die Arbeit der Punkterichter ist lang: Korrupion, Absprachen, Vorurteile, Verbandspolitik, Blockbildung und so weiter. Und es gibt Verbesserungvorschläge. Der deutsche Eistänzer René Lohse aus Berlin möchte 18 bis 20 Punkterichter gleichmäßig um das Eisoval verteilen und die Juroren auslosen, deren Urteil in die Wertung kommt. Ein anderer Vorschlag ist, die höchsten und niedrigsten Noten nicht in die Wertung zu nehmen. Wie auch immer, das alles ist nichts Neues. Warum rückt das plötzlich bei diesen Olympischen Spielen in den Mittelpunkt?

Eiskunstlaufen ist bei den Amerikanern traditionell die zentrale Sportart der Winterspiele. Kein Wettbewerb ist amerikanischer als die Show mit den hübschen Jungs und Mädchen auf dem Eis. Die ganze Familie sitzt vor dem Fernseher, wenn Michelle Kwan oder Timothy Goebel um Medaillen kämpfen. Musik und Tanz, Sieger und Verlierer, Tragödie und Happy End verwandeln jedes Kurzprogramm in einen kleinen Film. Nicht von ungefähr heißt die bekannteste Eislaufshow "Hollywood on Ice". Nun kommen die Medien ins Spiel. Abgesehen von dem dreifachen Sieg amerikanischer Snowboarder hat es für die Gastgeber noch kein Thema gegeben, das die Massen bewegt.

Da kam "Skategate" gerade recht. Schnell wurden die beiden Kanadier vom amerikanischen Volk adoptiert. Sie sprechen Englisch, sind eloquent und nett anzusehen. Als hätten sich der Quarterback der High School und die Cheerleaderin gefunden. Fortan spielten vor allem der Fernsehsender NBC und die Zeitung "USA Today" das Thema rauf und runter. "Wir konnten gar nicht mehr ruhig schlafen", sagte Jamie Sale, "alle zupften und zerrten an uns." Die kleine Eiskunstläuferin mit dem leichten Silberblick hielt sich in der Bewertung stets zurück, Ihr Partner David Pelletier äußerte sich offensiver. Er fordert weitere Konsequenzen: "Das Problem muss für die Zukunft unseres Sportes gelöst werden." So sprang eine Medienmaschinerie an, deren Einfluss auf die Entscheidung überhaupt nicht geleugnet wird. "Die öffentliche Meinung hat uns sehr geholfen, ich denke das ist eine sehr positive Sache", sagte der ISU-Präsident Cinquanta.

Das russische Paar war übrigens immer der Meinung, es habe die Goldmedaille zu Recht gewonnen. "Wir treten in Nordamerika gegen Nordamerika an", hatte Trainerin Tamara Moskwina vor dem Wettbewerb gesagt. "Nachdem sie uns in Politik und Kultur geschlagen haben, warum sollen sie es nicht auch im Sport tun?"

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