Zeitung Heute : Kaltes Pflaster

„Stolpersteine“ sollen erinnern – vor den Häusern ermordeter Juden. Nur in München will man das nicht

Brigitte Böttcher[München]

Erst abends, wenn die Sonne von der Seite kam und der Schatten des Ahorns nicht mehr auf sie fiel, blitzten sie auf. Um die Inschrift zu entziffern musste man näher heran, ein paar Schritte über das Gras. Da stand man dann mitten auf dem jüdischen Friedhof und beugte sich über diese Namen, Paula Jordan und Siegfried Jordan, las darunter ihre Geburtsdaten, das Deportationsjahr, das Datum ihrer Ermordung: 25. November 1941. Und verstand, warum die Erregung der vergangenen Monate nicht hier vergraben werden konnte. Denn die ersten zwei Worte auf den Gedenksteinen lauteten „Hier wohnte“.

Bis zu ihrer Deportation wohnten die Jordans in der Mauerkircherstraße 13 in einem stattlichen Altbau nahe der Isar. Der Bürgersteig davor ist breit, und obwohl der Baum am Straßenrand noch zu jung ist, um ihn zu verdunkeln, muss Ioana Cisek lange suchen, bis sie die Stelle gefunden hat. Als hätte sie etwas verloren, einen Ohrring vielleicht, bewegt sich die schmale Gestalt über das Pflaster. Hier muss es gewesen sein, sagt sie und zeigt auf eine Gehwegplatte schräg links vor der Tür, beugt sich hinab, bis ihre Bluse die Knie streift und ihr Zeigefinger die Fugen, in denen das Moos fehlt.

Im Juni waren hier zwei Gedenksteine, eingelassen in den Bürgersteig – jedoch ohne städtische Genehmigung. Nach drei Wochen ließ das Baureferat sie wieder ausgraben und auf den jüdischen Friedhof bringen.

Mit dem Abtransport der so genannten „Stolpersteine“ aus der Mauerkircherstraße hat die Stadt München viele vor den Kopf gestoßen. Ioana Cisek, 54 Jahre alt, hat lange für die Sache gekämpft, gemeinsam mit einer Bürgerinitiative, einer Schulklasse und der Nichte von Paula und Siegfried Jordan. Sie alle hat die Idee des Berliner Künstlers Gunter Demnig überzeugt: Seine messingbeschlagenen Pflastersteine – zehn mal zehn mal zehn Zentimeter groß – erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus – und das direkt vor den Häusern, aus denen Juden, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Sinti und Roma unter den Augen ihrer Nachbarn herausgerissen wurden.

3700 Steine hat Demnig in den letzten sieben Jahren in 35 Städten verlegt, 800 davon vor Berliner Haustüren. Immer wieder gab es Diskussionen mit Anwohnern, Stadtbezirksvertretern, Tiefbauämtern, Bürgermeistern. Die Gegenwehr in München ist allerdings ohne Beispiel.

„Ich verstehe diesen Hass nicht“, sagt Ioana Cisek. „Ich fände es einfach schön, wenn das in München möglich wäre.“

Am Anfang, im Juni 2003, sind da nur zwei Briefe: eine Anfrage von Demnigs Manager und eine Absage von Oberbürgermeister Christian Ude. Der Ältestenrat der Stadt habe das besprochen, in München halte man die Stolpersteine für ungeeignet. „Die haben sich doch gar nicht richtig informiert“, sagt Ioana Cisek, „nicht mal eingeladen haben sie den Künstler.“ Demnig kommt trotzdem, ein halbes Jahr später. Seinen Vortrag hält er anstatt im Stadtrat in einer Volkshochschule. Und er findet Unterstützung.

Schüler des Luisengymnasiums recherchieren das Schicksal der Familie Jordan, bringen die Lebensgeschichte sowie 350 Unterschriften ins Rathaus. Der Oberbürgermeister ist nicht da an diesem Tag, aber seine Sekretärin und ein Faltblatt. Dort ist sorgfältig aufgelistet, wo und wie in München bereits an die Ermordung der Juden erinnert wird. Ude fürchtet eine „Inflationierung der Gedenkstätten“. Außerdem wolle er vermeiden, dass Gedenktafeln im Alltag mit Füßen getreten und damit die Gefühle der Angehörigen der Opfer verletzt werden könnten.

Ursula Gebhardt, 85 Jahre alt, ist die Nichte der Jordans. Sie findet es „super“, wenn Passanten über die Namen ihrer Verwandten stolpern. „An den großen Mahnmalen geht man doch vorbei, ohne wirklich betroffen zu sein“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Cousin Peter Jordan, dem in Manchester lebenden Sohn der Deportierten, bittet sie Gunter Demnig, die Steine ohne Genehmigung zu verlegen. Der stimmt zu – schließlich hat er die ersten 55 Stolpersteine in Berlin-Kreuzberg seinerzeit auch illegal eingelassen. „Exemplarische Verlegung“ nennt er diese Methode. Meist folgt im Nachhinein die Billigung, oft sogar regelrechte Begeisterung.

In München wird nur der Antrag Nr. 1690 gebilligt. Darin dringen zwei Abgeordnete anlässlich der illegalen Verlegung auf eine Entscheidung des Stadtrats über die „Zulässigkeit der Stolpersteine im öffentlichen Raum“. Die fällt am 16. Juni, abschlägig, mit drei Gegenstimmen. Noch am selben Abend kommt es zum Vollzug mit Spitzhacke und Schaufel.

„Die hätten mich wenigstens fragen können, was mit den Steinen passieren soll“, sagt Peter Jordan. „Die hatten doch meine Adresse. Habe denen ja oft genug geschrieben.“ Weil er nie eine Antwort erhalten hat, blieb dem 82-Jährigen schleierhaft, was die Steine auf dem jüdischen Friedhof sollen. Seine Eltern waren nicht einmal sonderlich religiös. In den Augen von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München, tut das nichts zur Sache. Sie hielt den jüdischen Friedhof für den einzig würdigen Ort.

Von Anfang an hat Christian Ude seine ablehnende Haltung mit den Bedenken von Charlotte Knobloch begründet: Von ihr stammt die Befürchtung, die Namen ermordeter Juden würden auf dem Gehweg „geschändet und beschmutzt“. Warum, fragt Peter Jordan, stützt Ude sich auf diese eine Meinung? Wo doch so viele Angehörige und Nachbarn von Münchner NS-Opfern die Stolpersteine ausdrücklich wollen?

Im Rathaus sind fast 70 Briefe mit ähnlichen Fragen eingegangen. Dabei, sagt Pressesprecher Stefan Hauf, sei doch bekannt, dass die Israelitische Kultusgemeinde für den Stadtrat maßgeblich sei in solchen Dingen. Ude will sich zu der Sache nicht mehr äußern. „Das ist doch eine künstlich aufgekochte Aufregung. Es gab eine demokratische Abstimmung, und einige Mitbürger wollen das Ergebnis nicht akzeptieren“, sagt sein Pressesprecher.

Peter Jordan glaubt, dass die Stadt die Sache aussitzen will. Deshalb hat er jetzt eine Rechtsanwältin beauftragt, die Steine zu seiner Cousine zu bringen. Zusammen mit dem Friedhofsgärtner hat die Anwältin die Steine ausgegraben, an einem der letzten warmen Tage. Jetzt wäscht der Regen die Quader immer tiefer in das Maiglöckchenbeet von Ursula Gebhard. Passanten, die über die Steine stolpern könnten, gibt es in ihrem Garten zwar nicht. „Aber“, sagt die alte Dame, „zumindest sieht es nun nicht mehr so aus, als hätten meine Verwandten in einem Grab gewohnt.“

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