Zeitung Heute : Kam der Mörder aus Baschkirien? Der Lotse der Unglückspiloten von Überlingen ist tot

Jan Dirk Herbermann[Genf] Christine-Felice R&

Von Jan Dirk Herbermann, Genf,

und Christine-Felice Röhrs

Ob es Rache war? Ob da einem nach 19 Monaten endgültig die Sicherungen durchgebrannt sind? Ob da einer von Baschkirien nach Zürich gereist ist mit dem Plan zu töten? Vielleicht war es ein Mann, dem Trauer nicht mehr half, der Vergeltung wollte für den Verlust. In der Nacht zum 2. Juli 2002 waren 45 russische Kinder, waren insgesamt 71 Menschen gestorben, als ihr Flugzeug über dem Bodensee mit einer Frachtmaschine zusammenprallte; noch Wochen später fand man Teile von Körpern im Wald, auf den Feldern und in Vorgärten. Und jetzt ist der Mann tot, dem viele die Schuld daran gaben: der Fluglotse der Schweizer Firma Skyguide, der die beiden Maschinen aneinander vorbei hätte führen müssen. Ermordet. Erstochen von einem Unbekannten, der gebrochen deutsch sprach.

Es war am Dienstagabend geschehen. Etwa 50 Jahre alt soll er gewesen sein, der schwarz gekleidete Fremde, der kurz vor sechs im Rebweg, in einem Viertel in der Nähe des Flughafens Kloten, erschien. Vor dem Reihenhaus, in dem Peter N. mit seiner Frau und drei Kindern lebte, machte er halt. Er klingelte, und einige Meldungen lauten so, dass Peter N. den Besucher mit auf den Balkon nahm, um mit ihm zu sprechen. Sie unterhielten sich nur kurz, heißt es, über was, ist noch unbekannt. Und dann hatte der Mann plötzlich ein Messer in der Hand. Er hob es, stieß es mehrmals in Peter N.s Körper, vor den Augen seiner Frau, und dann lief er weg. Das Opfer verblutete noch am Tatort.

Peter N., 36 Jahre alt, hat zum Schluss immer noch bei Skyguide gearbeitet, aber nicht mehr als Fluglotse. In jener Nacht zum 2. Juli 2002 hatte er von der Leitstelle im Skyguide-Hauptgebäude aus auch den süddeutschen Luftraum überwacht. Es war ruhig zunächst, reine Routine, aber dann, ganz plötzlich, überstürzten sich die Ereignisse. Zwei Punkte auf den Bildschirmen waren sich auf einmal viel zu nah. Was genau geschehen war, ist immer noch ungeklärt, und der Bericht der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung wird erst Ende März vorgelegt. Aber so wie es aussieht, hatte der Pilot der Tupolew von Bashkirian Airlines widersprüchliche Angaben bekommen – vom bordeigenen Warnsystem und vom Lotsen. Das andere Flugzeug, die Fracht-Boeing, soll überhaupt keine erhalten haben. Ausgerechnet jetzt machte Peter N.s Kollege eine Pause, das Haupttelefon und das Radarwarnsystem waren wegen Wartung abgeschaltet, und dann musste Peter N. wegen der Landung einer anderen Maschine auch noch den Tower kontaktieren. Um 23 Uhr 40 krachten die Flugzeuge zusammen.

Nicht nur für Peter N. begann in jener Sommernacht ein Albtraum. Die Betäubung legte sich über den ganzen Flughafen. Es gab zu dieser Zeit bereits zwei ungeklärte Flugzeugabstürze, und die Behörden fragten auch nach einer Mitschuld der Skyguide-Lotsen. Jeden Tag riefen empörte Bürger an und schrieen „Kindermörder“ ins Telefon, und die verstörten Lotsen schlichen gesenkten Hauptes zur Arbeit. Dass Peter N. ein gewissenhafter Mann war und viel Erfahrung hatte, sagten sie wieder und wieder, aber das verschwamm irgendwie vor den Bildern der toten Kinder. Und jetzt, 19 Monate später, beginnt alles von neuem. Sieben Lotsen erschienen am Mittwochmorgen nicht zur Arbeit. Und die Zahl der Überflüge im Großraum Zürich wurde um 40 Prozent reduziert, um den Stress zu mindern. Sogar von Polizeischutz für Skyguide-Mitarbeiter ist die Rede.

Vom Täter gibt es noch keine Spur. Die Züricher Ermittler fragen sich ebenfalls, ob der Messerstecher ein gedungener Killer war. „Ob ein Zusammenhang besteht, ist zwar noch völlig unklar", sagt der Zürcher Bezirksanwalt Pascal Grossner, der „Umstand“ sei jedoch „sehr zentral“. Die Sprecherin der Tupolew-Opfer hingegen widerspricht: Ausgeschlossen, dass der Mord in Baschkirien ausgedacht oder sogar in Auftrag gegeben wurde – man hätte Peter N. doch lieber vor Gericht zum Absturz gehört. Denn noch immer ist sich Skyguide nicht mit allen Hinterbliebenen über „Entschädigungen“ einig.

Die Sprecherin sagt auch, dass viele Eltern noch immer verzweifelt seien. „Die Vernunft weigert sich, zu begreifen", schrieben zum Beispiel die Eltern von Bulat Irekovitsch Biglov, der mit 14 sterben musste.

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