Kambodscha : Schleichender Prozess

„Es gab keine Politik des Massenmords“, beteuern die Anführer der Roten Khmer in Haft – aber das Tribunal kommt kaum voran. Und nun geht auch noch das Geld aus

Moritz Kleine-Brockhoff[Phnom Penh]

Prak Pov steht neben dem Baum, an den die Roten Khmer die Kinder geschleudert haben, bis sie tot waren. Fünf Meter weiter, im Schatten unter einem Bastdach, liegt eine Grube, in der Leichen von Kindern und Frauen gefunden wurden. „Ich frage mich, warum ich damals überlebt habe und meine Geschwister und mein Vater nicht“, sagt Pov leise. Ihr Mann nimmt sie zärtlich in den Arm. Ihr Sohn steht ganz still. Pov, eine Hausfrau aus Phnom Penh, kann sich nicht an die Zeit zwischen 1975 bis 1979 erinnern, an die Jahre, in denen die ultra-maoistischen Roten Khmer aus Kambodscha einen reinen Agrarstaat machen wollten. Ein Viertel der Bevölkerung kam damals um. Prak Pov war drei Jahre alt, als Pol Pot und seine Clique an die Macht kamen.

Heute, nach drei Jahrzehnten der Verdrängung, hat Pov zum ersten Mal die Kraft gefunden, hierherzukommen, nach Choeung Ek, der Gedenkstätte mit den 130 Massengräbern südwestlich der Hauptstadt. Hier, auf einem „Killing Field“, hatten die Roten Khmer 14 000 Menschen umgebracht, Häftlinge aus dem Tuol- Sleng-Gefängnis, eine Folterstätte des Regimes.

Die Insassen wurden mit Elektroschocks, Schlägen und dem Herausreißen der Fingernägel gequält. Es hörte erst nach einem Geständnis auf. Dann folgten die Fahrt zum Killing Field und die Exekution. „An diesem Baum hing ein Lautsprecher. Wehklagen bei Hinrichtungen sollte übertönt werden“, steht auf einer Tafel.

Der Mann, der dieses Gefängnis geleitet hat, der foltern und exekutieren ließ, heißt Kaing Guek Eav. Man nennt ihn Duch. Er hat ein schmales Gesicht, Segelohren und mittlerweile, mit 66, tiefe Ringe unter den Augen. Zusammen mit vier führenden Roten Khmer sitzt Duch nun endlich in Untersuchungshaft.

Nach einem langen Streit um Zusammensetzung und Finanzierung arbeitet seit 2006 in der Nähe von Phnom Penh ein Rote-Khmer-Gerichtshof. Dort kooperieren kambodschanische und von den UN bestellte internationale Juristen. Für Duch und die anderen Beschuldigten wurde auf dem staubigen Tribunalgelände ein Haus mit Zellen errichtet, ein schönes Haus mit Spitzgiebel und hellroten Dachpfannen, von Stacheldrahtrollen umgeben. Besucher dürfen zur Einfahrt gehen und durch das Gittertor schauen. Es ist ein seltsames Gefühl: Nur ein paar Meter weiter hocken vier Männer und eine Frau, die für den Tod von bis zu zwei Millionen Menschen verantwortlich sein sollen: Gefängnisdirektor Duch, Rote-Khmer-Staatschef Khieu Samphan, Ex-Außenminister Ieng Sary, Ex-Sozialministerin Ieng Thirith und Nuon Chea, „Bruder Nr. 2“, ehemals Stellvertreter des 1998 verstorbenen Pol Pot.

Die Roten Khmer hatten einen Bürgerkrieg gewonnen und kurz darauf alle Menschen aus den Städten vertrieben. Das Volk wurde zum Reisanbau auf die Felder beordert, das ganze Land sollte ein großes Kollektiv werden. Das Geld wurde abgeschafft, Religion und westliche Bildung verboten. Ziel war die absolute Unabhängigkeit von den westlichen „Imperialisten“. Den Missernten folgten Hunger, Schwäche, Krankheiten, eine Million Menschen starben. Wer offen aufmuckte, wurde sofort getötet. Und wer verdächtigt wurde, heimlich Abweichler oder gar Spion zu sein, landete in einer der 150 Folterstätten. Hunderttausende von „Verrätern der Revolution“wurden bei systematischen „Säuberungen“ hingerichtet.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen lauten nun die Vorwürfe gegen die höchstrangigsten noch lebenden Roten Khmer, die jetzt seit ein paar Monaten in Haft sind. Nur Gefängnisleiter Duch war bereits 1999 festgenommen worden.

Er ist als einziger geständig. Die anderen vier Häftlinge wollen mit den Verbrechen nichts zu tun gehabt haben. „Es gab keine Politik des Massenmords. Das Regime hat immer an das Wohl des Volkes gedacht“, hat Khieu Samphan vor seiner Festnahme beteuert. Seitdem wurde der Ex-Staatschef zwei Mal vernommen. Er war unkooperativ. Mittlerweile schweigt er. Ex-Sozialministerin Thirith findet: „Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft sind zu 100 Prozent falsch.“ Selbst Nuon Chea, der Pol-Pot-Stellvertreter, stellt sich als kleines Licht dar: „Ich war keine wichtige Person bei den Roten Khmer.“

„Man muss die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen ausblenden, sie eingrenzen und sich in den Stoff stürzen“, sagt Jürgen Aßmann. Aßmann, 35, sportlich, kurze Haare, ist die rechte Hand der kambodschanischen Chefanklägerin Chea Leang. Er hatte mal etwas anderes machen wollen in seinem Leben. Früher hat der junge Staatsanwalt in Hamburg Autoschieber und Totschläger angeklagt. Aber als er sah, dass beim Rote-Khmer-Tribunal eine Stelle ausgeschrieben war, sagte er sofort: „Das ist es.“ Und nun hat Aßmann es mit Völkermord zu tun.

Sein Büro liegt im dritten Stock des langen Gebäudes, in dem alle 300 Tribunalmitarbeiter arbeiten. An der Wand hängen eine Landkarte von Kambodscha, Fotos von Opfern und Beschuldigten und eine Termintafel. „27.3., 28.3.–31.3., 1. und 2. April: Duch-Interviews“, steht da. Aßmann war bei den Verhören dabei. Er darf nicht über Inhalte sprechen, er muss allgemein bleiben, das macht Gespräche mit ihm kurz. Er sagt: „Die Verhöre sind sachlich, Duch beantwortet unsere Fragen. Er hat eine Kooperationsstrategie, das ist seine Art zu kämpfen. Der Mann hofft, dass er nochmal freikommt.“

Die Richter beim Rote- Khmer-Tribunal selbst haben bisher nur die Haftbeschwerden der Beschuldigten angehört. Viele Kambodschaner fragen sich, wann endlich die Hauptverfahren beginnen, bei denen Gefängnisdirektor Duch als Erster dran sein wird. „Wir ermitteln seit eineinhalb Jahren gegen ihn, wir haben den Eindruck, fertig zu sein, und wir wollen das Ergebnis unserer Arbeit im Gerichtssaal zeigen“, sagt Jürgen Aßmann. „Wann der Prozess beginnt, entscheiden aber die Richter. Wir rechnen mit Oktober und sechs Verhandlungsmonaten.“

Die anderen vier Fälle sollen zusammengefasst und später verhandelt werden. Die Ermittlungen gegen sie laufen noch immer. Dabei hat Youk Chhang, Chef des Documentation Center of Cambodia, dem Tribunal schon mehr als eine Million Seiten Beweismaterial zur Verfügung gestellt. Youk Chhang sammelt seit 1995 Dokumente: Sitzungsprotokolle, Telegramme, erfolterte Geständnisse. „Es gibt reichlich schriftliche Beweise“, sagt Chhang. „Und außerdem wären Hunderttausende von Kambodschanern, die Eltern oder Geschwister verloren haben, bereit, als Zeugen gegen die Beschuldigten auszusagen.“

Bislang haben Tribunalmitarbeiter 178 000 dieser Seiten gescannt.

„Es geht zu langsam voran“, schimpft auch Reach Sambath. Sambath ist Tribunalsprecher. Er steht in dem Saal, in dem die Prozesse stattfinden sollen. 500 Sitze, eine Bühne – der Gerichtssaal sieht aus wie ein Theater. „Wenn ich Richter wäre, würden in diesem Jahr alle fünf Verfahren beginnen“, meint Reach Sambath. „Schließlich könnten die Beschuldigten jederzeit zusammenbrechen.“

Nur Duch ist mit Mitte 60 noch relativ jung, die vier anderen sind alle an die 80 Jahre alt. „Bruder Nr. 2 “ Nuon Chea geht am Stock, Ex-Außenminister Ieng Sary, Diabetiker, muss ab und zu ins Krankenhaus, Herz- und Nieren sind schwach. „Ich sorge mich mehr um deren Verhandlungsfähigkeit als um unsere Finanzen“, sagt der Tribunalsprecher und leitet so ungefragt zu einem Thema über, das gerade international Kopfzerbrechen bereitet. Ursprünglich sollte das Gericht seine Arbeit bis 2009 abgeschlossen haben, dafür waren 56 Millionen US-Dollar veranschlagt. Aber nun ist das Geld, das 21 Staaten und die EU gespendet haben, schon ausgegeben.

Nach neuer Schätzung könnten die Verfahren bis 2011 andauern und insgesamt 170 Millionen kosten. Nur hat abgesehen von Frankreich und Australien, die gerade 1,5 Millionen Dollar überwiesen haben, noch niemand weitere Mittel zugesagt. Das neue Tribunalbudget gefällt manchen Gebern nicht. Es irritiert sie zum Beispiel, dass 15 Prozent der jüngst erbetenen Mittel für „Unvorhergesehenes“ verwendet werden sollen. Außerdem bewegt sich das Tribunal auf ein Verhältnis von 100 Mitarbeitern pro Beschuldigtem zu.

Nun können die Gehälter der Tribunalmitarbeiter nur noch ein paar Monate lang gezahlt werden, dann ist der Gerichtshof pleite. „Ich käme aber weiter zur Arbeit. Ich bin nicht wegen des Geldes hier“, sagt Sambath. Er hat zur Zeit der Roten Khmer beide Eltern und mehrere Geschwister verloren.

Phnom Penh, Straße 169, ein unscheinbares Restaurant mit Kachelboden und Plastikstühlen, hier, im Hinterhaus, wohnt der Künstler Vann Nath, ein eleganter, würdevoller Mann in weiter Hose und weitem Hemd. Damals, als unter Direktor Duch 14 000 Insassen des Tuol-Sleng-Gefängnisses umkamen, war auch Nath Häftling. Er ist einer von sieben, die überlebt haben. Zunächst war er fast an Folter gestorben, dann päppelten die Roten Khmer ihn wieder auf, er sollte Porträts von Pol Pot malen. Er sah, wie die Roten Khmer Müttern ihre Kinder wegnahmen. Wie schwache Gefangene morgens einfach nicht mehr aufwachten. Wie Wächter dann immer wieder gegen die Köpfe der Männer traten, um zu sehen, ob sie wirklich tot waren.

„Ich hasse Duch nicht. Ich will nur, dass er versteht, was er so vielen Menschen angetan hat. Dabei hilft das Tribunal bestimmt“, sagt Nath heute. Er würde Duch auch „gerne fragen, was er damals dachte und fühlte“. Vor ein paar Wochen hat er ihn zum ersten Mal seit 29 Jahren gesehen. Ermittler haben Duch nach Tuol Sleng gebracht, um vor Ort auszusagen, Nath wurde auch dorthin gebeten, er sagte als Zeuge aus. Doch er kam nicht nah genug an den Gefängnischef heran, um ihn zur Rede zu stellen. „Aber ich sah Duch weinen. Das hat gutgetan.“

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