Zeitung Heute : Kamelreise durch den Negev: Im Schaukelrhythmus durch die Wüste

Clemens Wergin

Chamran ist sauer. Aus tiefster Kehle grunzend erhebt er sich im kameltypischen Schaukelrhythmus. John umklammert den Sattelknauf, um nicht heruntergeschleudert zu werden und hofft, dass auch die 200 Kilo Verpflegung, Wasser und Gepäck auf dem Rücken des Tieres bleiben. Langsam setzt sich die kleine Gruppe mit vier Kamelen in Bewegung. Über ausgewaschene Flussbette und gekennzeichnete Beduinenpfade erreichen sie nach der Mittagspause einen steil abfallenden Felsvorsprung, der den Blick frei gibt auf die Weiten der Aravasenke und die gegenüberliegenden jordanischen Berge.

Ein grandioser Ausblick. Fast scheint man über dem ausgetrockneten Tal mit seinen vonMenschen gemachten grünen Flecken zu schweben. Mehrere hundert Meter weiter unten liegen die fein ziselierten Felder des Kibbuz Yotvata, die in ihrer Unwirklichkeit fast eine Fata Morgana zu sein scheinen. Die Aravasenke ist eine Spalte zwischen zwei tektonischen Platten. Auf der von "Nature Trails" in Zusammenarbeit mit dem israelischen Naturschutzbund organisierten Kameltour erreicht man immer wieder den Rand der über der Arava aufragenden Felsklippen. Die kleine Gruppe genießt die jeweils wechselnden Ausblicke und die geologischen Erklärungen Toosheys, der eine Mischung aus Reiseleiter, Karawanenführer und Naturkundler zu sein scheint. Der braungebrannte Endzwanziger mit Wollmütze und Beduinenhosen will mehr als nur schöne Aussichten präsentieren. Und so macht er seine Gäste in jenen drei Tagen jenseits der Zivilisation zu Experten im Kamelsatteln, sie lernen, das Beduinenbrot Fatir auf der großen Blechkuppel zu backen und manch einer erkennt am Ende sogar die eine oder andere nützliche Wüstenpflanze. Wer würde dem Taphruk-Strauch schon ansehen, dass man seine zerstoßenen Zweige als Seife benutzen kann oder dass die Tamariske Wasserreichtum anzeigt?

Während die Frühlingstage schon schön warm sind, wird es nachts - wie immer in der Wüste - empfindlich kalt. Die erste Nacht lagert die kleine Gruppe samt Kamelen am einzigen noch erhaltenen Brunnen der Region, dem Beer Milchan. Während viele der früher von den Beduinen in Stand gehaltenen Brunnen langsam verfallen, gibt es hier noch Wasser: Die Briten hatten den Beduinen zur Zeit des Lawrence von Arabien eine Betoneinfassung geschenkt! Zwar könnten die Kamele es zwei Wochen ohne Wasser aushalten, aber hier bekommen sie mit dem Schöpfeimer dann doch etwas salziges Wasser zur strauchigen Kost. Überhaupt scheinen Kamele den ganzen Tag nur zu kauen, selbst die trockensten Wüstensträucher verschmähen sie nicht. Während sich die Reisenden nach dem Abendessen und den Lagerfeuergesprächen unter den Milliarden von Sternen in die Schlafsäcke gemummelt haben, hallt ihr Gemalme noch lange in der Stille der Wüstennacht.

Am zweiten Tag geht es zum höchsten Punkt der Reise. Der Rücken des 750 Meter hohen "Kniebergs" sieht wie eine mit Steinen übersäte Mondlandschaft aus. Hier weht ein frischer Wind. Der ein oder andere muss schlucken, als Tooshey auf den Eselspfad zeigt, auf dem die Kamele am folgenden Morgen ins Timna-Tal herab steigen sollen. Tatsächlich erweist sich der Abstieg als schwierig. Die Kamele eng zusammenhalten, lautet die Devise. Denn: Sobald es das erste Kamel über eine Felsstufe geschafft hat, zögern die anderen auch nicht mehr so lange. Vor und hinter besonders kniffligen Abschnitten haben die Beduinen im Laufe der Jahrhunderte Steinhaufen aufgeschichtet, um den "Dschinnen" des Wegabschnitts zu opfern. Nach dem Abstieg legen auch Xenia und John je ein Steinchen dazu, da "ihr" Abu Har gut über alle Klippen gekommen ist. Unten im Timna-Tal, dem letzten Rastplatz der Reise, ist es dann schon merklich wärmer.

Der folgende Tag ist Timna gewidmet, wo die Ägypter schon vor 3500 Jahren Kupfer abbauten. Die hochaufragenden Säulen Salomons im roten Sandstein haben jedoch nur in der Legende etwas mit dem biblischen König zu tun. Zudem sind die Minen hier älter, wurden schon zu ägyptischer Zeit ausgebeutet. Davon zeugen die in den roten, weichen Felsen geritzten Pharaonen-Reliefs genau so wie ein archaisch anmutender Steintempel, der für die Minenarbeiter errichtet wurde.

Nach drei Tagen ohne sich zu waschen, ist die Lust auf eine Dusche unwiderstehlich. Und so muss man aus der beruhigenden, ja fast meditativen Kargheit der Wüste zurück in die Zivilisation. Zurück zu Dusche, Telefonen, Taxis und Teflonpfannen. Ohne die man zwar auch überleben könnte. Auf die für ein paar Tage zu verzichten sie aber umso begehrenswerter macht.

Nature Trails bietet neben Kamelreisen im Negev und im Sinai auch Naturtrips in andere Teile des Landes an. So sind etwa das hügelige, grüne Galiläa sowie der durch Vulkangestein geprägte Golan lohnenswerte Ziele für Ausflüge. Mehrere Touren verbinden den Besuch historischer Stätten auch mit Abstechern zu Naturschönheiten.

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