KAMMERSPIEL„Eine Dame in Paris“ : Wut und Würde

Foto: Arsenal
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Wer die Dame im Filmtitel sein soll, das ist gar nicht so klar. Anne, die Altenpflegerin aus Estland, die es nach dem Tod der alten Mutter in ihre Traumstadt Paris verschlägt? Oder Frida, die betagte estländische Madame, die von Anne versorgt werden soll? Laine Mägi also, die Schauspielerin aus Tallinn, die der wortkargen, des Französischen durchaus mächtigen Anne eine stille Intensität verleiht, die durch die menschenleeren Straßen von Paris spaziert, Dessous-Schaufenster betrachtet und sich die Stadt auf ihre Weise aneignet, mit fremdem, hellwachem Blick? Oder doch Jeanne Moreau, die gerade 85 Jahre alt gewordene Grande Dame der Nouvelle Vague und des europäischen Autorenfilms, die Traumfrau aus „Jules und Jim“, „Fahrstuhl zum Schafott“ und Antonionis „La notte“, die sich hier gewissermaßen selbst spielt?

Frida alias Moreau: eine würdig-unwürdige Greisin, die trotzt und austeilt, aber perfekt geschminkt in eleganten Roben und mit reichlich Schmuck behängt durch ihre mondäne Altbauwohnung streift. Kaum dass Anne den Dienst bei ihr antritt, setzt Frida sie wieder vor die Tür. Sie braucht keine Hilfe, sagt sie und ist doch nicht mal in der Lage, sich einen Tee zu kochen. Klar, „Eine Dame in Paris“ erzählt nun davon, wie die beiden sich einander doch annähern, wie sie auf geduldige, von Rausschmissen und Wutanfällen begleitete Weise ziemlich beste Freundinnen werden. Aber darin erschöpft sich auch die Parallele zum Kassenschlager mit Daniel Auteuil und Omar Sy, nicht nur wegen des charmant-verhaltenen Tons dieses Films, sondern auch, weil ein Dritter im Bunde ist. Stéphane, der Cafébetreiber und einstige junge Lover von Frida, kümmert sich um die alte Dame, er ist es auch, der Anne als Hausdame angeheuert hat.

Drei ältere Menschen, die sich in ihrer Einsamkeit eingerichtet haben, aber die Sehnsucht noch kennen. Der estländische Regisseur Ilmar Raag, von Haus aus ein Fernsehmann, hat sich für seinen zweiten Spielfilm von der eigenen Mutter inspirieren lassen, die mit gut 50 tatsächlich wegen eines Jobs nach Paris ging und völlig verändert zurückkehrte. So gesehen, ist sein Kammerspiel eine Hommage an gleich drei Frauen: an die mutige Mutter, an die scheue Provinzlerin Anne, die in Paris nach und nach aufblüht, und vor allem an Jeanne Moreau als gebrechliche, betagte Diva, deren unergründliche Aura immer noch aufblitzt, allen Zeichen des Alters zum Trotz. Charmant. Christiane Peitz



F/EST/B 2011, 95 Min., R: Ilmar Raag, D: Jeanne Moreau, Laine Mägi, Patrick Pineau

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