Zeitung Heute : Kampf den Vandalen

Täglich Straßenschlachten und brennende Autos: Frankreich schickt junge Gewalttäter in Bürgerkurse

Martin Gehlen[Paris]

Die Runde schweigt verbissen. Einige Jungs starren vor sich hin – ihre Basecaps tief ins Gesicht gezogen. Eines der Mädchen schaut an die Decke, die Arme vor der Brust verschränkt. Claude Dilain mustert die Jugendlichen und sagt dann mit fester Stimme: „Wer Schulen oder Kindergärten anzündet, der setzt kein politisches Fanal, sondern bestraft seine Nachbarn. Ein verbranntes Auto ist kein Protest gegen die Regierung, sondern eine Katastrophe für die betroffene Familie im Wohnblock nebenan.“

Claude Dilain ist Kinderarzt, Sozialist und seit zwölf Jahren Bürgermeister von Clichy-sous-Bois. Er wohnt selbst in einer der tristen Wohnmaschinen jenes unheilvollen Vororts im Nordosten von Paris. Von dort sind im Oktober 2005 die schwersten Unruhen ausgegangen, die Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Damals lieferten sich Jugendliche arabischer und nordafrikanischer Herkunft wochenlange Straßenschlachten mit der Polizei. Die Bilanz: 250 Millionen Euro Sachschaden und 5000 Festnahmen.

Nach dem Anstieg der Gewalttaten von Kindern arabischer und türkischer Eltern in Berlin fordern zahlreiche Stimmen, die Strafen für junge Kriminelle zu verschärfen. Die französische Justiz geht einen anderen Weg. Er führt in das „Haus Diderot“, das in Sichtweite des trutzigen Justizpalasts von Bobigny steht.

Die elf jungen Männer und drei Frauen, die sich an diesem Morgen dort eingefunden haben, sind nicht freiwillig gekommen. Sie müssen an einem sogenannten Bürgerkurs teilnehmen. Dilain tritt als Referent auf. Seit 1999 sieht das französische Recht – zunächst als Pilotprojekt, seit 2004 als Regelfall – vor, bei Vandalismus-Delikten einen Teil der Geld- oder Freiheitsstrafe auf diese Weise abzubüßen.

Zwei der Teilnehmer sind noch Schüler, sie waren bei den Unruhen 2005 dabei. Drei junge Männer haben Autos angesteckt. Zwei haben einen Linienbus demoliert, einer hat betrunken die Eingangstür seines Wohnblocks eingetreten, und eine junge Dauerschwarzfahrerin hat Kontrolleure verprügelt. Nur drei aus der Gruppe haben einen Job, die übrigen sind arbeitslos.

Erfinder dieser Banlieue-Bürgerkurse ist der langjährige Versailler Staatsanwalt Vincent Delbois, der heute im Justizministerium arbeitet. Zu seinem früheren Justizbezirk im Westen von Paris gehören neben dem berühmten Königsschloss Ludwigs XIV. auch verwahrloste Trabantenstädte wie Les Mureaux oder Trappes, aus dem einige der Jihadisten stammen, die kürzlich in Ägypten gefasst wurden. „Die meisten jungen Straftäter kommen aus Migrantenfamilien und haben keine Ahnung, wie ein Staat überhaupt funktioniert, was Institutionen sind und welche Rolle sie für ein ziviles Zusammenleben spielen“, sagt Delbois. 50 bis 70 Prozent der Insassen französischer Gefängnisse seien Muslime, während ihr Anteil an der Bevölkerung gerade mal bei acht Prozent liege.

Delbois hatte die Idee, diese jungen Leute zusammenzubringen mit Vertretern von Stadtverwaltungen, mit Polizisten und Feuerwehrleuten, mit Kommunalpolitikern, Mitarbeitern des Arbeitsamts, der Verkehrsbetriebe sowie örtlichen Unternehmern – für beide Seiten in der Regel eine neue Erfahrung.

An diesem Morgen in Bobigny erklärt Bürgermeister Claude Dilain zunächst einmal, wie sich eine Kommune überhaupt finanziert. Von den lokalen Grundsteuern seiner Bewohner muss jede Gemeinde Schulgebäude, Büchereien und Spielplätze sowie lokale Straßen bauen und unterhalten. „Wenn sie eine Schule anzünden, können wir keinen Kindergarten bauen – so einfach ist das“, sagt er und fügt hinzu:. „Sie müssen lernen, ihren berechtigten Zorn auf gewaltlose Weise zu artikulieren.“ Viele Reaktionen bekommt Dilain darauf allerdings nicht.

Erst als er auf die Polizei zu sprechen kommt und davon redet, dass eine Gesellschaft, die ihre Polizei hasst und verachtet, nicht existieren kann, werden die jungen Basecap-Träger plötzlich hellwach. Polizei – das ist für sie das Reizthema schlechthin. Einer springt auf und schimpft, er sei an einem Tag fünfmal auf seine Identität geprüft worden – von einem Polizisten, der ihn genau kenne. Ein anderer erzählt ruhig, aber mit hörbar kaltem Zorn, dass er bei einer Fahrzeugkontrolle jedes Mal angeschnauzt und geduzt werde. Mehrere berichten, sie seien ohne klaren Grund stundenlang auf dem Revier festgehalten und dann erst spätabends freigelassen worden.

Das Verhältnis von jungen Banlieue-Bewohnern und der französischen Polizei ist zur offenen Feindschaft eskaliert. Mehr als 5000 Beamte sind im vergangenen Jahr im Dienst verletzt worden, ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Schwere Zwischenfälle werden häufiger, im Vorort Tartaret etwa versuchte eine 20-köpfige Jugendbande, zwei Polizisten zu ermorden. In Clichy-la-Garenne wurden kürzlich fünf Beamte eines Sondereinsatzkommandos beschossen.

In den vergangenen sechs Jahren haben Vandalen in Frankreich pro Jahr zwischen 35 000 und 50 000 Autos in Flammen gesetzt – damit steht Frankreich in Europa mit Abstand an der Spitze. Aber inzwischen schaut keiner mehr so richtig hin, solange die Wagen in den besseren Vierteln der Innenstädte unangetastet bleiben. Bei Raubüberfällen mit Körperverletzung, die überwiegend auf das Konto von Banden Minderjähriger gehen, herrscht nach der offiziellen Statistik in den nördlichen Banlieues von Paris inzwischen Straflosigkeit: Die Aufklärungsquote ist praktisch null. Und die meisten Opfer erstatten aus Angst vor Repressalien noch nicht einmal mehr Anzeige.

Trotz der Zunahme der Jugendgewalt auch in Deutschland hält der Soziologe Farhad Khosrokhavar von der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris die ghettoartigen Vororte vornehmlich für ein französisches Phänomen. Während in Deutschland viele Zuwanderer in den 60er Jahren in alte Arbeiterviertel wie Duisburg-Marxloh, Hamburg-Wilhelmsburg oder Berlin-Wedding zogen, seien in Frankreich die angeworbenen Fabrikarbeiter aus Algerien, Tunesien und Marokkko in riesigen Vorstadtsiedlungen zusammengefasst worden – gebaut nach dem Ideal des Architekten Le Corbusier, der Wohnen und Arbeiten möglichst sauber trennen wollte.

Die Massenarbeitslosigkeit seit Mitte der 70er Jahre traf dann besonders die Kinder und Enkel dieser Zuwanderer. Ihre Arbeitskraft war nicht mehr gefragt, und so wurden aus den Wohnblocks soziale Ghettos – nicht nur im Großraum Paris, auch in Städten wie Lyon, Straßburg, Bordeaux und Marseille.

Heute wohnen die arabischen und afrikanischen Migrantenfamilien praktisch unter sich. Für die Bewohner anderer Stadtteile sind die Banlieues gefährliches Territorium, in das man am besten keinen Fuß setzt. 20 bis 30 Prozent der Banlieue-Bewohner sind arbeitslos, und die meisten fühlen sich vom Rest der Gesellschaft ausgegrenzt. Anders als viele Zuwanderer in den alten deutschen Arbeitervierteln assoziieren die Nachkommen der ersten französischen Migrantengeneration ihren Frust vor allem mit ihrem Wohnort. Denn wer im „anderen Frankreich“, dem außerhalb der Vororte, eine Bewerbung mit einer Banlieue-Postleitzahl einreicht, wird von vorneherein aussortiert. Nach Schätzungen von Khosrokhavar leben mehr als zwei Drittel aller muslimischen Immigranten in Frankreich in „sozial schwachen“ Verhältnissen oder sind sogar schon ganz und gar in die Armut abgerutscht.

Auch das „andere Frankreich“ schottet sich ab. Zwar wurde das während der Unruhen eilig von Staatspräsident Jacques Chirac versprochene Sofortprogramm von 100 Millionen Euro kürzlich um ein Jahr verlängert. Damit wollen die Behörden 40 000 Praktikumsplätze und im Sommer einige Freizeitprogramme in den Problemstadtteilen finanzieren. Doch seit eh und je werden zwischen Paris und dem Umland am frühen Abend die Nahverkehrsverbindungen gekappt. Das reiche Paris der 20 Arrondissements soll nach Einbruch der Dunkelheit vor den Jugendlichen aus den sogenannten „schwierigen Vierteln“ geschützt werden. Zwar fahren einige Vorortzüge wie die Bahn zum Flughafen Roissy Charles de Gaulle noch. Busverbindungen gibt es aber nicht mehr. „Von 21 Uhr an sind unsere jungen Leute praktisch an jeder Mobilität gehindert, können nicht ins Kino fahren oder in eine entferntere Diskothek“, sagt Bürgermeister Dilain.

Das Problem kennt auch die Pariser Tanzlehrerin Muriel Aubert Tardif. Sie organisiert seit zehn Wintern ein 14 Tage dauerndes Hip-Hop-Festival im Vorort Aulnay-sous-Bois, bei dem bekannte Gruppen aus dem ganzen Land auftreten. Zur Veranstaltungshalle fährt der letzte Bus um 20 Uhr 47, nach der Vorstellung geht es nur in langen Fußmärschen zurück nach Hause. Ein Taxi zu rufen, das braucht man hier gar nicht erst zu versuchen.

Tardif hat in den vergangenen Jahren eine Hip-Hop-Schule gegründet. Der verwahrloste Wohnblock mit 14 Etagen liegt in Blickweite der Citroën-Werke. Im Erdgeschoss befindet sich eine halb leere Ladenzeile, ehemals eine Fischgroßhandlung. Rund 600 Kinder und Jugendliche nehmen pro Woche an den Kursen teil – für viele ist es die einzige Berührung mit dem, was man so „Kultur“ nennt. Drei breitschultrige Helfer bewachen die gläserne Eingangstür, um das Gebäude herum lungern den ganzen Tag Grüppchen von jungen Schwarzen und Arabern in Trainingshosen und Kapuzenjacken. Heute ist von 16 Uhr an Tag der offenen Tür für die Eltern, zwei Dutzend von ihnen sitzen auf den langen flachen Holzbänken am Rande des Saales und schauen stolz ihren Kindern bei den Tanzübungen zu. Nebenan hat Tardif ihr kleines, schlecht geheiztes Büro. „Ich arbeite sehr gerne hier“, sagt sie. „Aber nach wie vor brennen jede Nacht die Autos.“ Was sich seit dem Jahr 2005 geändert hat? „Die Wracks bleiben jetzt länger liegen, weil keine Fernsehteams mehr herumlaufen.“

Der Hass hat seine festen Rituale. Polizisten missbrauchen am Tag die Identitätskontrollen, um „die dreckigen Araber“ zu demütigen. In der Nacht erhalten sie Steinwürfe von Hochhausdächern und brennende Autos als Antwort.

Diesen Teufelskreis sollen die Bürgerkurse von Vincent Delbois durchbrechen. Nach den Problemvororten im Pariser Westen, wo inzwischen mehr als hundert junge Straftäter den Kurs absolviert haben, wollen nun auch die östlichen und nördlichen Banlieues von Paris wie Bobigny, Clichy-sous-Bois oder Aulnay-sous-Bois die neue Form der Bürgererziehung praktizieren.

Erste Erfolge gibt es: Feuerwehrmänner berichten, dass einige der Jugendliche aus den Kursen sich später bei Löscheinsätzen vor Ort nützlich gemacht hätten, statt – wie früher – die Wasserschläuche aufzuschlitzen oder die Leiterwagen mit einem Steinhagel zu empfangen. Andere bekommen nach dem Kurs auf der Stelle einen Termin beim Arbeitsamt oder sogar ein Jobangebot. „Die Justizstatistik jedenfalls zeigt“, sagt Bürgerkurs-Erfinder Delbois, „dass bei Kursteilnehmern die Zahl derer, die wieder straffällig werden, deutlich geringer ist.“

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