Zeitung Heute : Kampf hinter Mauern

Christian Klar gilt als Hardliner der RAF, unfähig zu Einsicht und Reue. Nun gibt es Indizien dafür, dass dieses Bild nicht komplett ist

Axel Vornbäumen

Dieser Tage hat die „Bild"-Zeitung bei Rechtsanwalt Heinz-Jürgen Schneider angerufen, man wird ja schließlich noch mal fragen dürfen. Das Blatt meldete sich mit einer ungewöhnlichen Offerte: Man wäre bereit, Schneiders Mandanten einen angemessenen Platz zur Verfügung zu stellen, falls der einen offenen Brief schreiben wolle – adressiert an Waltrude Schleyer, inzwischen 90-jährige Witwe des 1977 im „Deutschen Herbst“ von der Rote Armee Fraktion (RAF) ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Eine Entschuldigung wäre gut.

Doch aus dem journalistischen Scoop wurde nichts. Schneiders Mandant schreibt schon sehr lange keine für die Öffentlichkeit bestimmten Briefe mehr, schon gar nicht in eigener Sache. Er sitzt seit 24 Jahren in Haft, verurteilt wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs zu fünfmal lebenslang plus 15 Jahren – Christian Klar, eine der zentralen Figuren der sogenannten zweiten RAF-Generation, hat eigentlich nie den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Er wird es auch jetzt nicht tun, da er Gegenstand einer erhitzten öffentlichen Debatte geworden ist, darüber, ob es für ihn, den früheren Terroristen, Gnade geben kann, ohne dass er zuvor Reue gezeigt hätte. „Jede Medienöffentlichkeit“, sagt Heinz-Jürgen Schneider, „entspricht nicht dem, was immer seine Position gewesen ist.“

Das macht es nicht einfach, die Geschichte von Christian Klar zu erzählen, die ohnehin keine einfache ist. Verschlossen ist die Hauptfigur, unnahbar im Wortsinne – und noch immer symbolbefrachtet. So ist das wenige, was nach draußen dringt, immer auch interessengeleitet, und das, was im Verborgenen bleibt, ist es auch.

Auch Heinz-Jürgen Schneider wägt seine Worte in seinem Hamburger Büro sorgsam, so, als ob jederzeit Gefahr bestünde, irgendetwas kaputtzumachen. Es ist dem Anwalt anzumerken, dass er Verständnis für die medienscheue Haltung seines Mandanten hat, Sympathie womöglich. Fast könnte man also sagen: Christian Klars Kampf geht weiter hinter den Mauern des Bruchsaler Gefängnisses – nur dass er längst zu einem Kampf um die Restbestände seiner eigenen Identität geworden ist; schwer einsehbar von außen ist dieser Kampf, jedenfalls für alle die, die das nichts angeht.

Es gibt Bilder. Und es gibt Briefe.

Doch nur die Bilder sind öffentlich. Sie haben sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis einer verängstigten Nation, und sie werden aus gegebenem Anlass wieder hervorgeholt: die Fahndungsfotos nach den RAF-Terroristen, darauf der jungenhaft wirkende Klar, gerade mal Anfang 20; der Buback-Mord, der Ponto-Mord, das Schleyer-Video, ein um sein Leben flehender Mann, verzweifelt, platziert vor einem RAF-Emblem – eine Ikonografie des Hasses ist da zu besichtigen, eine immer noch kaum zu ertragende Aneinanderreihung unfassbaren Irrsinns. Schließlich, nach Jahren der Stille: ein einziges, erschütterndes Interview, geführt von dem inzwischen verstorbenen Journalisten Günter Gaus, ausgestrahlt im Dezember 2001 und gestern vom RBB wiederholt. Zu sehen ist darin der damals 49-jährige, aus tiefen Augenhöhlen blickende Klar, verstockt, verstört, sich verlierend in einem Wortgewirr von kalter Abstraktion. „Ein Zerrbild“ sei da sicherlich entstanden, sagt Heinz-Jürgen Schneider, und vorsichtig deutet er an, dass es danach bei Christian Klar „viel Selbstkritik dazu“ gegeben habe. Überfordert von der Situation, ungeübt in der Präsentation seiner selbst, intellektuell ermattet im drögen Anstaltseinerlei nach 20-jähriger Haft habe Klar sein Image als „negative Symbolfigur“ nicht korrigieren können. All dies, sagt Schneider heute, sei ein „Ausfluss des Gefängnissystems gewesen“.

Und nun wirkt das „Zerrbild“ nach, immer noch, wirkt hinein in eine Debatte, die von einer Öffentlichkeit geführt wird, die in Christian Klar immer noch keinen anderen erkennen kann als den Hardliner von einst. Wie auch?

Dabei gibt es Briefe. Doch die Briefe sind unzugänglich. Christian Klar hat sie geschrieben an den Bundespräsidenten; erst ein formales Gnadengesuch an Johannes Rau, im Frühjahr 2003 war das. Dann, ermuntert von Günter Gaus, ein weiterer Brief, hinterhergeschickt im Spätsommer des gleichen Jahres, wieder an Rau, in dem von der Anerkennung der eigenen Schuld die Rede ist und der den Satz enthalten soll: „Ich verstehe die Gefühle der Opfer und bedaure das Leid dieser Menschen.“

Es sind Briefe, privat und doch hochpolitisch.

Und eine Postkarte ist auch dabei, ein Segelschiff vorne drauf, adressiert an Günter Gaus. Klar informiert seinen Mentor, dass er ein Gnadengesuch an den Bundespräsidenten gerichtet hat. Gaus bricht, erinnert sich seine Tochter Bettina, darüber in Tränen aus, weil er in dem Segelboot ein Symbol für den tiefsitzenden Wunsch Klars nach Freiheit erkennt.

Doch noch immer hat Christian Klar kein Interesse daran, dass der Inhalt seiner Post an die Öffentlichkeit dringt, dort hin- und hergewendet wird. Wie hat es sein Anwalt formuliert? „Es entspricht nicht dem, was immer seine Position gewesen ist.“ In Bruchsal sitzt kein Taktiker. Da sitzt einer, wie es der RAF-Kenner Wolfgang Kraushaar ausdrückt, „der die wichtigsten Jahre seines Lebens im Gefängnis zugebracht hat und einen Teil seiner Biografie nicht wegwerfen möchte“. Wie ein „Bleigewicht“ wirkten diese mittlerweile „abgespalteten Identitätspartikel“ bei Christian Klar bis in die Gegenwart hinein. Es muss ein zermürbender Kampf sein, den dieser Mann mit sich selbst kämpft.

Die Briefe, bald vier Jahre ist es her, dass er sie verfasst hat. Sie sind hineingeschrieben in einen rechtlich unverbindlichen Raum – es obliegt dem Bundespräsidenten, ob und wie er sich damit befasst. Der Präsident ist in seiner Entscheidung autonom, verpflichtet ist er zu nichts. Christian Klar, der Häftling, inzwischen 54 Jahre alt und nun schon mehr als 24 Jahre hinter Gittern, verurteilt zu fünfmal lebenslang mit einer im Nachhinein festgeschriebenen Mindestverbüßungsdauer von 26 Jahren, hat keinen formalen Anspruch auf Gnade, was immer er im Detail auch zu Papier gebracht haben mag. Hat er einen Anspruch auf Antwort?

Auch Horst Köhler wägt seine Worte sorgsam. Das hat mit seiner Rolle zu tun, mit seinem Amtsverständnis und der darin enthaltenen Überzeugung, dass ein Staat auch an jenen Umgangsformen gemessen werden muss, mit denen er seine vormaligen Feinde behandelt. Man kann sagen: Horst Köhler fühlt sich seit einiger Zeit nun schon in der Pflicht, die sein Amtsvorgänger Johannes Rau in seinem letzten Amtsjahr nicht mehr auf sich nehmen wollte. Horst Köhler findet sehr wohl, dass Christian Klar einen Anspruch auf Antwort hat.

Im Bundespräsidialamt hat die Prüfphase begonnen. Das wird einige Zeit dauern. Köhler ist ein gewissenhafter Mann, einer, der sich ein Bild machen will, bevor er gravierende Entscheidungen trifft. Köhler kann aber auch ein ungeduldiger Mann sein. Dass die Unterlagen, die er für ein erstes Meinungsbild benötigt, über Gebühr lange auf sich haben warten lassen, hält der Präsident für unverträglich mit seinen eigenen rechtsstaatlichen Prinzipien. Es ist viel Zeit vergangen, bis das baden-württembergische Justizministerium ein „kriminalprognostisches Gutachten“ hat einholen lassen, unnötig viel Zeit, wie man in Berlin der Meinung ist.

Inzwischen liegt die Expertise des renommierten Freiburger Kriminologen Helmut Kury vor, ungewöhnliche 130 Seiten stark. Es ist kein 08/15-Gutachten, sagt Kury, der im vergangenen September eine komplette Woche lang in Freiburg mit Christian Klar zusammen war, mehrere Stunden am Tag, unterbrochen nur von einer Mittagspause und gelegentlichen Kaffeepausen. Es hatte zuvor ein erstes Gespräch in Bruchsal gegeben – und dass sich Klar überhaupt auf die „Verschubung“ nach Freiburg und die Exploration eingelassen hat, auch das gilt schon als deutliches Zeichen, dass es ihm ernst ist mit seinem Wunsch, möglichst bald in Freiheit leben zu können. Noch in den 90er Jahren hatten sich RAF-Häftlinge wie Karl-Heinz Dellwo und Lutz Taufer kategorisch geweigert, mit Psychologen zu sprechen. „Es war“, erinnert sich Ex-Generalbundesanwalt Kay Nehm an jene Zeit, „fast noch schwieriger, sie aus dem Gefängnis herauszubekommen, als sie zu fassen und zu verurteilen.“

Christian Klar aber zeigte sich in den langen Gesprächen mit Helmut Kury keineswegs als Hardliner, sondern kooperativ, von Mal zu Mal aufgeschlossener. Der Psychologe hatte den Eindruck, da habe ihm einer gegenüber gesessen, „der mit dem Rest seines Lebens noch etwas machen will – sofern man das mit 54 Jahren noch kann“.

Das Gutachten fällt für Klar eindeutig positiv aus. Eine Rückfallgefahr wird verneint, eine Lockerung des Vollzugs ebenso befürwortet wie eine Verlegung von Bruchsal nach Berlin, wo immer noch das Angebot des Berliner Ensembles besteht, dass Klar eine Ausbildung zum Bühnentechniker beginnen kann. Zwei Betriebsräte des BE hatten Klar in der Vergangenheit mehrfach besucht und waren jedes Mal mit der Überzeugung zurückgekommen, mit dem neuen Kollegen durchaus zusammenarbeiten zu können. In den Zukunftsplänen Klars, sagt sein Anwalt Schneider, spielten Berlin und das BE „eine große Rolle“, auch weil die Großstadt eine gewisse Anonymität eher gewährleisten könne. Auch während der Exploration in Freiburg, sagt der Psychologe Helmut Kury, sei es eine „zentrale Frage“ gewesen, wie sich Christian Klar sein Leben in Freiheit vorstelle. Das, sagt Kury, „reflektiert er schon realistisch“.

Dabei waren die ersten zaghaften Schritte, die Christian Klar in der Vergangenheit unternommen hat, für ihn eine eher ernüchternde Erfahrung. Bei einer „Ausführung“ zu seiner Mutter anlässlich deren 80. Geburtstags wurde er in Fesseln vorgeführt, die ihn begleitenden Beamten wichen während des gesamten Treffens nicht von seiner Seite. Ähnlich liefen zwei Besuche bei einem Freund in Mainz ab. Christian Klar hat seit dieser Zeit keinen weiteren Antrag auf „Ausführung“ gestellt.

Seitdem sitzt er in Bruchsal und wartet. Für den einstigen RAF-Terroristen ist das 25. Jahr in Haft angebrochen, und es mehren sich die Signale, dass er es als eines seiner schwersten empfindet, allen früheren Hungerstreiks zum Trotz, mit denen er für eine Verbesserung seiner Haftbedingungen kämpfte. Es sieht so aus, als ob er spät, sehr spät, das Gefühl verspürte, dass ihm die Zeit wegzulaufen beginnt. In seinem Gutachten attestiert Helmut Kury Christian Klar, dass er sich mittlerweile mit den Opfern und der Opferperspektive beschäftigt habe. Das ist weniger als das von vielen eingeforderte öffentliche Reuebekenntnis – und doch viel mehr, als Christian Klar lange zugetraut worden ist.

In der Justizvollzugsanstalt Bruchsal existiert noch der Besucherraum, in dem seinerzeit Günter Gaus den einstigen RAF-Kämpfer zum Gespräch traf. Das Ambiente ist von ernüchternder Schlichtheit. Heinz-Jürgen Schneider kann sich nicht vorstellen, dass ein Bundespräsident sich in diesen Raum begibt, doch da kennt er Horst Köhler schlecht. Stilfragen sind dem Präsidenten wichtig, aber die Maßstäbe dafür will er schon selber bestimmen. Noch gibt es keinen Termin – aber dass es Horst Köhler grundsätzlich ausschlösse, sich mit einem ehemaligen RAF-Häftling zu treffen, der sich mit einem Gnadengesuch an den Bundespräsidenten wendet, das widerspräche Köhlers christlichem Menschenbild geradezu fundamental.

Gut möglich also, dass sich da demnächst ein Kreis schließt, in jenem unwirtlichen Besucherraum der Justizvollzugsanstalt Bruchsal, in dem Klar vor nun etwas mehr als fünf Jahren auf die Frage nach Schuldbewusstsein und Reuegefühlen geantwortet hat: „Im politischen Raum, vor dem Hintergrund unseres Kampfes sind das keine Begriffe.“

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