Zeitung Heute : Kampf um Anerkennung – mit allen Mitteln

Nordkorea droht mit militärischen Schritten, sollte es UN-Sanktionen geben. Doch eigentlich fürchtet das Regime nichts mehr als einen Krieg

Fabian Leber Jonathan Spörl

Die USA fordern von den UN harte Maßnahmen gegen Nordkorea. Das werde man als Kriegserklärung auffassen, heißt es nun aus Pjöngjang. Wie groß ist die Gefahr, dass Nordkorea einmal sein Militär einsetzt?


Die Wortwahl fiel deutlich aus. Nordkorea werde weiteren Druck aus dem Ausland in der Atomfrage als „Kriegserklärung“ auffassen, teilte das Außenministerium in Pjöngjang am Mittwoch mit. Das Land behalte sich „physische Gegenmaßnahmen“ vor – ohne zu erläutern, wie diese genau aussehen sollen. Für Kenner des kommunistischen Landes ist es nicht ungewöhnlich, dass jetzt auf Druck von außen mit geharnischten Worten reagiert wird. „Diese Wortwahl speist sich aus der Mentalität des Regimes“, sagt Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg. Die kommunistische Elite agiere so, als befände sich das Land in einem permanenten Kriegszustand mit den USA.

Experten halten es für unwahrscheinlich, dass Nordkorea von sich aus zu militärischen Mitteln greift. „Ein atomarer Angriff wäre Selbstmord für das Regime“, sagt Kay Möller, Nordkorea-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Es sei aber nicht auszuschließen, dass die kommunistische Führung eines Tages einmal konventionelle Waffen im Grenzgebiet zu Südkorea einsetze. Ein solcher Angriff hätte vermutlich verheerende Folgen und könnte hunderttausende Menschen das Leben kosten, denn die südkoreanische Hauptstadt Seoul befindet sich nur 50 Kilometer von der Grenze entfernt. „Wenn sich Nordkorea zu einem militärischen Schritt entschließen würde, dann wäre es ein umfassender Schlag“, sagt Möller.

Militärisch wäre Nordkorea den in Südkorea stationierten US-Truppen deutlich unterlegen. Doch die Gesellschaft des kommunistischen Landes ist wie kaum eine andere von der Armee geprägt. Das Kriegsrecht wurde seit dem Koreakrieg (1950–53) nicht mehr außer Kraft gesetzt. Der Bevölkerung wird seitdem suggeriert, dass jederzeit ein Krieg ausbrechen könnte: Im ganzen Land hängen Plakate, die die Menschen vor dem amerikanischen und japanischen Feind warnen.

1,1 Millionen Nordkoreaner dienen ständig in der Volksarmee, die Land- und Luftstreitkräfte sind jeweils die zweitstärksten in Asien nach denen der Volksrepublik China. Die Dienstzeit beträgt bis zu sieben Jahre. Sollten westliche Truppen in das weitgehend abgeschottete Land eindringen, müssten sie sich auf einen langen und zermürbenden Guerillakrieg einstellen.

In vielen Gegenden vermuten Militärexperten ausgedehnte Tunnelsysteme, in denen sich die Soldaten des Regimes versteckt halten könnten. Außerdem ist Nordkorea ein bergiges Land, das teilweise schwer zugänglich ist. Westliche Geheimdienste gehen auch davon aus, dass Kim Jong Ils Machtapparat zahlreiche „Schläfer“ in Südkorea stationiert hat, die bei einem Krieg Sabotageakte auf der feindlichen Seite verüben könnten. Doch auf längere Sicht könnte das Regime einen Konflikt auf der koreanischen Halbinsel nur verlieren. Denn technisch gelten die Streitkräfte als hoffnungslos veraltet.

Dessen dürfte sich auch das Regime in Pjöngjang bewusst sein – und deshalb vor übereilten Militäraktionen zurückschrecken. Bisher handelte die nordkoreanische Führung trotz aller Provokation durchaus nach rationalen Maßstäben. Während Staatschef Kim Jong Il privat einen rätselhaften Lebensstil pflegt, folgen seine politischen Schachzüge bestimmten Mustern. Er ordnet alles dem Ziel unter, an der Macht zu bleiben und will unbedingt vermeiden, einmal so wie der irakische Ex-Diktator Saddam Hussein zu enden. Für ihn ist die Atombombe eine Art Versicherung, dass es in Pjöngjang nicht ähnliche Szenen geben wird wie 2003 bei Husseins Sturz in Bagdad. Dass Kim Jong Il die Welt über sein Atomprogramm so lange im unklaren lassen konnte, werten Experten ebenfalls als Beleg für eine überwiegend rational orientierte Vorgehensweise.

Ein Schlüsselereignis für die Außenpolitik Nordkoreas war möglicherweise die Rede von George W. Bush zur Lage der Nation im Jahr 2002, in der der US-Präsident Nordkorea zusammen mit dem Irak und dem Iran auf einer „Achse des Bösen“ eingeordnet hat. Danach sei die US-Diplomatie im Verhältnis zu Nordkorea in der Situation eines Mannes gewesen, „der versucht, mit einer Frau zu sprechen, nachdem er sie als Prostituierte bezeichnet hat“, sagt der Nordkorea-Experte Paik Hak Soon vom Sejong-Institut bei Seoul.

Seitdem ist Kim offenbar überzeugt, dass Bush seine Regierung stürzen will. Im Unterschied zu Bush, dessen Amtszeit Anfang 2009 abläuft, hat Kim die Zeit aber auf seiner Seite. „Letztlich geht es der nordkoreanischen Führung um eine Art Friedensvertrag“, vermutet Götz Neuneck. Das Regime erhoffe sich Sicherheitsgarantien von den USA und setze die atomare Rüstung als Druckmittel ein.

Dabei sind sich Wissenschaftler und Politiker noch nicht einmal ganz sicher, ob Nordkorea am Montag tatsächlich eine Atomwaffe testete. „Wenn es sich um eine nukleare Explosion gehandelt hat, dann um eine fehlgeschlagene“, sagte die französische Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie. Zumindest technisch könnte die unterirdische Explosion auch mit dem konventionellen Sprengstoff TNT herbeigeführt worden sein. Klarheit erhoffen sich Wissenschaftler von Messungen in der Atmosphäre, bei denen freigesetztes radioaktives Material nachgewiesen werden kann. Doch Manfred Henger von der Bundesanstalt für Geowissenschaften hält es auch für möglich, dass die Beschaffenheit des Testgebiets gar keinen Austritt von radioaktivem Material zugelassen hat. Dann könnte ein Test nie zweifelsfrei nachgewiesen werden – und es gäbe ein Rätsel mehr.

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