Zeitung Heute : Kampf um Kontrolle

Terror heißt oft Tod. Wie aber macht einer weiter, der einen Anschlag unversehrt überlebt hat? Zum Beispiel so wie Marcus Friedrich

Armin Lehmann[Köln]

Marcus Friedrich ist früh dran an diesem 7. Juli. Schon gegen 8 Uhr hat er den Sicherheitsempfang des „Köln Turms“ passiert und ist mit dem Aufzug hinauf in den 22. Stock gefahren. Kaffeetrinken, Frühstück und die Zeitungslektüre hat der Investment-Banker längst hinter sich gebracht. Er starrt auf seinen Computerbildschirm und stutzt, die Börsenkurse fallen plötzlich. Die Erklärung dafür: Terroranschläge in London.

Friedrich denkt: „Nicht schon wieder.“ Er will das Geschehen ignorieren, aber dann bewegt er seinen 2 Meter 10 großen und über 100 Kilogramm schweren Körper doch wieder in den Fahrstuhl, fährt hinunter in die Turm-Lounge und sieht sich die Bilder im Fernsehen an. Er kennt die Liverpool Street, wo eine der vier Bomben gezündet wurde, es ist der Sitz der Deutschen Bank. Später schreibt Friedrich eine E-Mail an einen befreundeten Banker: „Terrible attack this morning, are you okay?“ Die Antwort lautet: „Schwieriger Tag, angespannt, aber jetzt kehren wir zur Normalität zurück.“ Das beruhigt Friedrich und gefällt ihm, denn er ist selbst ein Terroropfer. Er hat die Angriffe auf die Twin Towers von New York am 11. September 2001 überlebt, körperlich unverletzt. Seitdem ist Normalität sein höchstes Gut. Friedrich kämpft um diese Normalität. Vielleicht ist sein Kampf aussichtslos in dieser Welt voll Terror, aber zumindest hat Friedrich eine Waffe gefunden: „Man muss seinen Gefühlshaushalt kontrollieren.“

An diese Aufgabe geht der 35-Jährige mit Akribie und größter Rationalität. Sein ganzer Körper unterwirft sich diesem Ziel. Friedrich läuft immer leicht gebeugt, als ob er befürchtet, irgendwo anzuecken. Er läuft langsam. So wie Friedrich sich bewegt, so redet er auch. Wenn ihm eine Frage nicht sofort einleuchtet, duckt sich Friedrich kurz vom Gesprächspartner weg, die kleinen Augen hinter der runden Brille sind dann fast verschlossen. Wenn er von New York erzählt, scheint keine Emotion den Körper berühren zu können. Droht die Erinnerung aber doch Gefühle auszulösen, bricht Friedrich die Rede ab – und geht Hände waschen.

„Unangenehm“, „lästig“, „überflüssig“, mit seltsam distanziertem Vokabular beschreibt Friedrich den Terroranschlag von damals und wähnt sich längst „drüber hinweg“. Eine gestörte Persönlichkeit attestiert ihm dagegen der Psychologe Christian Lüdke, der Friedrich nach seiner Rückkehr betreut hat, und befürchtet Langzeitfolgen. Die Angst, die Kontrolle zu verlieren, spalte bei Friedrich das Gefühl ab, sagt Lüdke.

Lüdke ist ein Experte auf dem Gebiet der Traumatologie. Er hat Opfer und Angehörige des Concorde-Absturzes, der New Yorker Anschläge oder des Attentats von Djerba behandelt. Traumatologen wie Lüdke unterscheiden mehrere Phasen nach einem solchen Erlebnis. Die Schockphase dauert bis zu zehn Tagen an. Der Adrenalinspiegel steigt, Denken, Fühlen und Handeln sind voneinander entkoppelt. Das ist auch Schutz, um das kurz zuvor Erlebte nicht zu nahe kommen zu lassen. Die Einwirkungsphase bringt den Opfern dann sechs Wochen lang eine Flut von verdrängten Bildern, Erinnerungen, Albträumen. Sie haben die Gerüche wieder in der Nase und die Geräusche in den Ohren. Was folgt sind oft Strategien der Vermeidung. Alles, was an das Schreckliche erinnern könnte, wird ausgeblendet. Oft geht das gut, nur sieben Prozent der Betroffenen unterliegen dem Risiko, posttraumatisch belastet zu sein und Langzeitfolgen davonzutragen.

Am Morgen des 11. September 2001 ist Marcus Friedrich gut gelaunt. Er ist 29Jahre alt, erfolgreicher Student des Wirtschaftsrechts an der Fachhochschule Köln und arbeitet als Trainee bei der Deutschen Bank. Er ist nach New York gekommen, um für seine Diplomarbeit zu recherchieren. Es geht um das Risikomanagement von Hedge Fonds, einer Anlageform, die zu dieser Zeit in Deutschland noch nahezu unbekannt ist. Friedrich läuft über die Bankers Trust Plaza und überlegt, ob er noch in das nahe gelegene World Trade Center gehen soll. Er entscheidet sich dagegen, um lieber pünktlich zum Meeting im Gebäude der Deutschen Bank direkt gegenüber der Zwillingstürme zu kommen.

Als sich das erste Flugzeug in den nördlichen Tower bohrt, ist Friedrich im 25.Stock des Bankers-Trust-Gebäudes. Er läuft mit anderen einen Stock höher, wo Fernseher aufgebaut sind. Dann geht alles ganz schnell. Noch bevor das zweite Flugzeug in den Südturm rast, läuft Friedrich im Pulk die 26 Stockwerke nach unten. „Langsam, ohne nachzudenken“, erinnert er sich. Als er rauskommt, verliert er die Orientierung, alles ist voller Schutt und Asche, der erste Turm ist bereits eingestürzt. Friedrich weiß nicht wohin, ein Kollege flüchtet ohne ihn in eine Seitenstraße, Friedrich stürzt, zwei Männer helfen ihm auf, er sieht nur weißen Nebel, das Atmen fällt schwer, er rennt. Arme strecken sich ihm entgegen, Friedrich flüchtet in ein Restaurant, rechtzeitig, bevor der zweite Turm einstürzt. Friedrichs Anzug ist zerrissen, er ist nahezu unverletzt, nur sein Knie blutet.

Am Abend sitzt Friedrich allein in seinem Hotelzimmer. Er guckt Fernsehen. Mailt ein paar Freunden, dem Vater. Gegenüber im Central Park trauern die Menschen mit Kerzenlichtern. Friedrich sagt: „Ich konnte nicht trauern, ich hatte ja überlebt.“ Er weint nicht. Nicht an diesem Tag und auch nicht später. Friedrich beschließt, dass dieser Anschlag seine Ziele nicht verhindern wird. Die Informationen auf seinem Laptop über die Hedge Fonds sind dahin. Aber er macht sich daran, „den inneren Schweinehund zu überwinden“, lässt sich nicht hineinziehen in das tiefe Loch der Emotionen. Er fliegt nach Deutschland zurück und zwingt sich, so zu tun, als ob nichts passiert wäre.

Er vertraut, wie er sagt, seinem „believe system“, seinem Wertesystem. Die Täter von New York passen da nicht hinein. Er denkt nicht darüber nach, warum, wieso. Er trainiert lieber seine Tugenden. Willen zum Beispiel. Den braucht er, um seine Maxime erfolgreich umzusetzen. Sein persönlicher Schlüsselsatz lautet: „Im Leben geht es nur darum, sein Umfeld zu managen.“ Flexibel sein, Rückschläge wegstecken, Fehler vermeiden. Es sind grobe Sätze, die sich Friedrich zum Festhalten aussucht. Sein Sicherheitsseil besteht aus „Verlässlichkeit, Konstanz, Wille“.

Nach den Anschlägen dreht der Fernsehsender RTL bei ihm und seiner Familie. Gesendet wird das Material nicht. „Da sei einfach nichts rübergekommen“, heißt es. Friedrich ist „beleidigt“, „enttäuscht“. Eine Welle von negativen Empfindungen durchflutet ihn, es tut weh. Ist er nicht angetreten, um Erwartungen zu erfüllen, auch aus dem familiären Umkreis? „Da kämpfst du dann an zwei Fronten“, sagt er. Lüdke findet, dass Friedrich wohl das Gefühl hatte, als Opfer versagt zu haben.

Er betäubt seine Erinnerung mit Arbeit. Er wechselt zum Bundesverband Alternativer Investmentfonds, dann macht er sich selbstständig, schreibt Bücher, reist von Rumänien nach Schanghai, von der Schweiz nach London, organisiert Konferenzen und versucht, seine Firma auf dem Markt zu etablieren. Er achtet darauf, dass sein Umfeld nicht über New York spricht, seine Mutter ist ihm zu emotional. Lüdke bezeichnet Friedrichs Methode als Flucht, als „zwanghaft“. Friedrich lebt in seinem System. Es ist ein Labyrinth von Sicherheitsvorkehrungen. Die Außenwelt spielt dabei keine Rolle, nur innerer Antrieb, der Glaube an die eigene Kraft.

Lüdke glaubt, dem ganzen Land fehle eine Trauerkultur. Die Deutschen könnten aufgrund ihrer Geschichte noch immer nicht nur unschuldiges Opfer sein, weil sie unterbewusst immer auch Täter geblieben sind. Das womöglich überproportional große Bedürfnis nach Sicherheit, das auch in den aktuellen politischen Debatten sichtbar wird, werde im Falle eines Anschlags zu einer überproportional großen Erschütterung in Deutschland führen, sagt Lüdke.

Im März 2004 reist Marcus Friedrich nach Mallorca. Er will eine Woche ausspannen und einen Coaching-Kurs besuchen. Kaum ist er auf der spanischen Ferieninsel, sterben in Madrid bei einem Anschlag islamistischer Täter fast 200 Menschen. Friedrich belastet sich nicht, liest keine Zeitung, lässt keine Bilder in sich hochsteigen. Er fühlt sich gestört, ja genervt von den Terroristen. Im September 2004 kehrt er erstmals nach New York zurück. Wieder benutzt Friedrich sein gefühligstes Wort: „Es war mir unangenehm.“ Er steht unten nahe Ground Zero und sieht über dem Hudson Flugzeuge näher kommen. „Habt ihr keine Angst?“, fragt er ein paar Leute. „Nein“, antworten sie ihm. Das entspannt Friedrich.

Damals auf der Flucht vor den herumfliegenden Trümmern hat er Menschen schreien hören. Und erneut sagt Friedrich das Wort: „Unangenehm“ sei es ihm gewesen. „Aber was soll man machen.“ Er wird sich davon nicht lähmen lassen.

Und so verbeißt sich Friedrich in die Strategien der Risikovermeidung. Ausgerechnet auf dem risikoreichsten Gebiet der Finanzanlagen: den Hedge Fonds. Zehn Millionen seien für diese Fonds nicht viel, sagt er, 50 schon eher. Da will er hin und berechnet Tag für Tag die Aufstiegschancen. Die Cayman Islands oder ein Vorort von New York, auch London. Das würde ihm gefallen. Friedrich kommt aus Radevormwald, „Postleitzahl 42477“, wie er noch auswendig weiß.

Nach existenziellen Erlebnissen dauert der Schockzustand meist bis zu 48 Stunden. In New York hat er bei vielen Menschen mehrere Wochen angehalten. Auch Jahre. In diesem Zustand friert der Körper ein. Muss man ihn befreien? Als Christian Lüdke Opfer in New York traf, war er von einem fest überzeugt: Die Zeit werde hier keine Wunden heilen.

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