KANADISCHE DICHTER AUF DEUTSCH„Versschmuggel“ : Ein jeder unterwegs

Gregor Dotzauer

Ach Kanada, hätte man letztes Jahr über den Schwerpunkt des Berliner Poesiefestivals bewundernd sagen können, du hast es besser. Denn das Polyglotte, das beim Festival durch das Programm sonst erst mit Bedacht hergestellt werden muss, liegt dort in der Natur der Sprachen. Doch in den Diskussionen der kanadischen Dichter musste man erfahren, dass sie sich zwischen frankofonen und anglofonen Tendenzen durch ein besonders von Québecs chauvinistischer Kulturpolitik gefördertes Minenfeld bewegen. So frei, wie die Gedichte beim Berliner „Versschmuggel“ zwischen den Sprachen hin und her wanderten, könnte man sich das in Montréal kaum vorstellen: vom Englischen ins Deutsche, vom Deutschen ins Französische.

Eine Polyfonie, die Ken Babstock (Foto) aus Toronto dadurch steigerte, dass sein von Lutz Seiler übersetztes Gedicht „The World’s Hub“ (Die Radnabe der Welt) aus seinem Gedichtband „Airstream Land Yacht“ (Anansi Press) wiederum die Überschreibung eines italienischen Poems von Pier Paolo Pasolini war. Der 1970 in Neufundland geborene Babstock, der als größtes Talent der kanadischen Lyrik gilt, übertrug dafür Seilers über die Berliner Fußballplätze segelndes Argonautengedicht „die fussinauten“. „Nicht arm, doch auch nicht reich“, beginnt „Die Radnabe“ des früheren Rockgitarristen Babstock, „so lebte ich / in einer vorstadt, weiter draußen, unwichtig, bis auf / das malvenblaue blitzen in den fensterscheiben // entlang der ausfallstraßen, nicht land und doch nicht stadt. // Ein jeder unterwegs wohin auch immer in den grenzen ihres nichts“. Jetzt findet die Buchpremiere des „Versschmuggels“ statt. Gregor Dotzauer

Literaturwerkstatt Berlin, Di 21.10., 20 Uhr, 5/3 €

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