Kandidat Köhler hält eine Rede : Horst was?

Moritz Döbler

Es wird seine erste Wahlkampfrede. Seit einem Tag ist Gesine Schwan seine offizielle Gegenkandidatin, und heute ist er dran. Horst wer soll über „Moral als Unternehmenswert“ sprechen. Anlass ist die Verleihung des Max-Weber-Preises für Wirtschaftsethik. Als er den Leibniz-Saal am Gendarmenmarkt suchend, fast linkisch betritt, klingt freundlicher Applaus auf. Das etikettesichere Publikum erhebt sich. Man lächelt. Er lächelt. Heimspiel.

Aber erst muss er in der ersten Reihe sitzend die längliche Rede eines Professors aus Köln durchstehen. Dann tritt er ans Mikrofon, beginnt mit der Verlesung seines eigenen Texts. Schon beim ersten Satz verflucht er den Redenschreiber innerlich. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sagt der Volksmund“, steht da. „Und auch noch jemand anders“, fügt der Mann am Pult gequält lächelnd hinzu, denn er weiß, dass der Ausspruch – wenn auch fälschlicherweise – Lenin zugeschrieben wird.

Wie konnte das passieren? Lenin! Linkspartei! Wenn das schon so losgeht! Doch in der Folge kann er ruhigen Gewissens beim Manuskript bleiben. Jetzt tut nichts mehr weh. Obwohl die Ansprache mit dem Titel „Erfolgsgrundlage: Vertrauen“ überschrieben ist, obwohl er sich an die Wirtschaft wendet, erwähnt er die Telekom-Bespitzelungen nicht mal mit der winzigsten Andeutung. Er kritisiert Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Steuern hinterziehen, aber Klaus Zumwinkel nennt er nicht. Er ist die perfekte Deko – vorher Kuchenbüfett, nachher Klavierquartett, dazwischen der große Kandidat und Amtsinhaber. Tugenden ehrbarer Kaufleute zählt er auf – Ehrlichkeit, Vorsicht, Höflichkeit, Ordnung und immer so weiter. Halt – auch „Wagemut im richtigen Moment“ ist dabei.

Ist das der richtige Moment? Aber ja – es ist Wahlkampf, der Finanzmarkt ist ein Monster, Gesine Schwan will den Kapitalismus bekämpfen, und deswegen kommt jetzt doch noch etwas Neues, etwas Wagemutiges: „Vielleicht müssen wir also doch die gesetzlichen Regeln der Unternehmensführung anpassen“, sagt er. Denn das freiwillige Regelwerk der deutschen Wirtschaft, der Corporate-Governance-Kodex, habe sich ja eher wenig auf die Moral der Manager ausgewirkt. Gesetzliche Höchstgrenzen für deren Gehälter wolle er auch wieder nicht. Bloß nicht wehtun – das populärstmögliche Staatsoberhaupt bleibt sich treu. „Wer viel wagt, viel Verantwortung trägt und dabei Erfolg hat, der soll auch viel gewinnen können“, sagt dieser Horst Köhler gegen Ende noch – und meint ganz sicher nicht seine Gegenkandidatin. Moritz Döbler

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