Zeitung Heute : Kandidaten zum Frühstück

Rot-Grün kam zusammen, um sich auf einen Vorschlag für das Präsidentenamt zu einigen. Und um sich über die Opposition zu amüsieren

Hans Monath

Das Frühstück war reichhaltig, die Stimmung gelöst. Die Runde rot-grüner Spitzenpolitiker, die sich am Donnerstagmorgen um 8 Uhr im Kanzleramt traf, hatte eine wichtige Frage zu entscheiden und viel Grund zum Lästern. Es dauerte nicht lange, bis Sozialdemokraten und Grüne sich auf eine eigene Präsidentschaftskandidatin verständigt hatten. Trotzdem löste sich die Runde beim Kanzler erst nach einer Dreiviertelstunde auf. „Wir mussten einfach mal ein bisschen zusammensitzen und über die Opposition lachen“, meinte hinterher ein Teilnehmer.

Auch der Kanzler hatte angesichts der chaotischen Szenen bei der Kandidatenkür der Opposition spürbar gute Laune. Denn der Trubel von CDU, CSU und FDP lenkt von eigenen Schwierigkeiten ab. Und liefert Argumente, warum die Opposition es keineswegs besser könnte, wenn sie endlich regieren dürfte. Als Gerhard Schröder allerdings wenig später vor der Presse nach dem peinlichen Einigungsschauspiel gefragt wird, gibt er wieder ganz den Staatsmann: „Ich habe das nicht zu kommentieren“, erklärte er kurz. Das sei „ausschließlich die Sache der professionellen Beobachter in den Medien“.

Fast meint man da, ein Augenzwinkern zu spüren. Denn Schröders Behauptung, die Koalition hege mit ihrem Vorschlag für die erste Bundespäsidentin der Republik keine parteipolitischen Hintergedanken, lässt sich ebenso anzweifeln wie seine Versicherung, die Wissenschaftlerin Gesine Schwan sei mehr als nur eine ehrbare, aber chancenlose Zählkandidatin.

Zwar sprechen Koalitionspolitiker nun mit leuchtenden Augen von im Streit um Schäuble tief verletzten Konservativen, die sich an Merkel rächen könnten. Sogar von ahnungslosen Provinzlern in der Bundesversammlung ist die Rede, die mit Köhler angeblich nichts anfangen können und deshalb lieber offene Rechnungen mit der ebenso liberalen wie machtpolitisch versierten CDU- Fraktionschefin begleichen wollen. Doch ernsthafte Hoffnungen kann sich die Koalition angesichts der klaren Mehrheitsverhälntisse nicht machen. Denn Gesine Schwan, die früher für einen Abgrennzungskurs gegenüber den SED-Kommunisten kämpfte, dürfte trotz erster positiver Reaktionen der PDS nur wenige Stimmen der Linkspartei gewinnen, wenn die erst mal ihre Vita studiert.

Überraschung in den USA

Angeblich schon vor Wochen hatte der Kanzler bei der Professorin sondiert, ob sie sich eine Kandidatur vorstellen könne. Doch die Viadrina-Präsidentin, die gegenwärtig die US-Uni Harvard besucht, war auf den Anruf Schröders dann offenbar doch nicht vorbereitet. „Die Anfrage kam für mich völlig überraschend“, sagte sie jedenfalls dem Tagesspiegel. Ihre Reise wolle sie fortsetzen und erst am 11. März wieder nach Deutschland kommen. Tatsächlich hatten die Koalitionäre in mehreren Treffen alle Eventualitäten durchgespielt. Dass die Opposition dann einen Mann nominierte, sorgte in der rot-grünen Frühstücksrunde im Kanzleramt für Erleichterung. Schwieriger wäre es geworden, hätte die Opposition sich auf etwa auf Annette Schavan geeinigt. Bei SPD und Grünen war umstritten, ob auch dann eine Gegenkandidatin glaubhaft gewesen wäre.

Im Vorfeld der Entscheidung war auch Familienministerin Renate Schmidt gefragt worden, ob sie zur Verfügung stehe. Die SPD-Politikerin blieb bei der Linie, die sie schon vor Monaten verkündet hatte und lehnte ab – verständlich in einer Lage, die ein Sozialdemokrat so beschreibt: „Da haben wir doch keine reelle Chance.“

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