Zeitung Heute : Kann denn Gulasch Sünde sein?

Heute Trüffel, morgen Butterbrot, übermorgen Nudelsalat. Sänger Tim Fischer liebt Überraschungen – in der Küche wie im Leben.

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Von Susanne Kippenberger Tim Fischer ist berühmt: für seine Stimme, seinen Charme und sein Rührei. Ganz luftig ist das, mit einem Eigelb extra aufgeschlagen und aufgewickelt wie ein Croissant. Salzig ist ihm das lieber als süß, „ich bin der herzhafte Typ“. Marmelade zum Frühstück, so was braucht er nicht, Tim Fischer könnte schon zum Frühstück Mittag essen.

Jetzt ist Abendessenszeit, im Sorriso. Der Name gefällt ihm: „Lächeln“. Ein sehr – sagen wir: italienischer Ort. Umgeben von hässlicher 60erJahre-Architektur liegt der Vorgarten des Restaurants an der Kurfürstenstraße, die Autos hupen, die Hubschrauber brummen, die Kellner strahlen. Tim Fischer strahlt zurück. Gerade das liebt der Junge aus Delmenhorst so an Berlin: dass es so zusammengewürfelt ist. Der Kunst, so glaubt er, tut das gut. „Da trauen die Leute sich auch mal was.“

Seine blonde Mähne hat der Sänger abgelegt, heute trägt er die Haare schwarz und kurz, die Wimpern schwarz und lang. Die Karte braucht er nicht, er war oft genug hier, um zu wissen, was er will: Nudeln mit Trüffeln, „eine kleine Portion!“ Vorher ein paar Leckereien aus der Vorspeisen-Vitrine, „aber nicht zu viel“, und dazu einen Weißwein, „einen leichten“. Was, „wenn ich werde, wie der fette Elvis!“ heißt ein Song, den er gern als Zugabe singt. Da sind die Lacher garantiert. Kein Kritiker, der nicht auf die elfenhafte Gestalt „des Wunderknaben des Chansons“ („Der Spiegel“) hinweist. Der Einzige, der sich um seine zarte Figur Sorgen macht, ist der Sänger selbst. Zumindest seit letztem Jahr, seit er die Zigaretten aufgegeben hat. Und es waren viele. Eine Stimmbandoperation hatte ihn vor die Alternative gestellt: Singen oder Rauchen.

Lite-Produkte allerdings scheinen Fischer so fremd zu sein wie Elvis’ Erdnussbutterbrotdiät. Fassungslos erzählt er von einer amerikanischen Erfindung: „I can’t believe it’s not butter“, ein Kunstprodukt, das man in die Pfanne und aufs Brötchen sprüht. „Grotesk!“ Er selbst liebt’s fein, aber klein. Die delikaten Vorspeisen isst er mit Vergnügen, Garnelen und Zucchiniröllchen, Tintenfisch mit Paprika und Stangensellerie, „die kochen hier mit Passion, das schmeckt man“. Nur das Brot dazu rührt er nicht an.

Was nicht heißt, dass er’s nicht gern deftig mag. Auch für sein Gulasch ist der 32-Jährige bekannt: Das nimmt er im Bus mit auf Tournee. Raststätten hasst er nämlich, mit ihren Schnitzeln, die triefen vor Fett, und wenn er dann mit Hausmannskost gastiert an einem Ort, „kommt man um die Pizzabestellungen herum“. Und das Gulasch wird vom Aufwärmen nur besser. Dabei ist er keineswegs der einzige Koch in der Truppe, „unser Geiger ist Spezialist für Linsensuppe“. Heute Rostock, morgen Frankfurt, übermorgen Geisenheim: Die Tourneen sind anstrengend. Unterwegs zu kochen, glaubt Tim Fischer, „das ist wie ein Stück Zuhause mitnehmen“.

Dann weiß er auch, wo das Fleisch herkommt: nicht aus dem Supermarkt. „Da wird mir schon schlecht vom Gestank, wenn ich die Packung aufmache.“ Fleisch kauft Fischer beim Fleischer ein, bei Bünger in der Westfälischen, den Tee im Teeladen am Kurfürstendamm. Er weiß es zu schätzen, wenn der Tee in keinem Papierbeutel steckt, das hat er bei seinem Freund Biolek gelernt.

In dessen Sendung hat er auch schon gekocht: Buttermilchsuppe. Na ja, kochen ist vielleicht zu viel gesagt, die wird kalt mit Gurken angerührt, „klingt furchtbar, ist aber gut.“ Ein Rezept von Marlene Dietrich, deren Lieder er auch singt, eine Frau nach seinem Geschmack: so eigenwillig wie schön. Eine Diva, die ihre Rinderknochen selbst auskocht und Hollywoodstars aufpäppelt, die singt und spielt und politisch ist.

Solche Kraftbrühen, wie Marlene sie kochte, „die sind ja wie Medizin“. Die hat er erst später im Leben kennen gelernt, aufgewachsen ist er mit eher magerer Kost. Die Mutter hat immer fettarm gekocht, als Teenager hat er mit ihr und dem jüngeren Bruder Denis (der heute Abend im BKA mit seinem Juhnke-Programm auftritt) auf einem Hippiebauernhof gelebt und Tofu gegessen. Das fand er offenbar nicht so witzig, aber lustig machen will er sich jetzt nicht darüber, empfiehlt sogar Kräuterpasten aus dem Reformhaus, „wenn man Lust auf Leberwurst hat“.

Auch Tim Fischer hatte eine Marlene in der Familie: die schlesische Oma. Die Mutter von Fischers Vater hat sich extravagant wie ein Filmstar geschminkt, grell und türkis, „wie eine ägyptische Katze“. Und das in Delmenhorst, „hinter Bremen“. Mit der schlesischen Oma durfte er auch zum Frisör gehen, wo sie sich stundenlang die Haare auftürmen ließ. Ihren Enkel fand sie so hübsch, dass sie ihn am liebsten in die Vitrine gestellt hätte.

Ein bisschen hat auch der kleine Tim was von der großen Marlene gehabt, eigenwillig wie er war. Schon als Kind hat er lieber saure Gurken als Schokolade gegessen, lieber Zarah Leander und Edith Piaf gehört als Rockmusik. Gekocht und gebacken hat er gern, eine Zeit lang wollte er Konditor werden, Torten dekorieren, das fand er schön – bis er beim Praktikum in der Konditorei feststellte, dass die ganze süße Masse auf einem Haufen so gar nicht seinen ästhetischen Vorstellungen von Essen entsprach. Mit seiner Tante hat der Junge komplizierteste Muster gehäkelt, ein eigenes Spinnrad hat er gehabt („das hat mich interessiert, wie das geht: Weben“) und lieber mit Puppen gespielt als „ein blödes Auto durch die Gegend zu schieben“. Die anderen Kinder haben ihn als Mädchen beschimpft, er hat sich trotzdem geweigert, die Haare schneiden zu lassen. Zum Ballettunterricht durfte er nicht, auch das hat ihn nicht beirrt. „Ich hab mich interessiert, wofür ich mich interessiert habe.“ Eben wie Marlene: „Die hat sich ihre eigenen Gesetze gemacht.“

Eine norwegische Oma, mütterlicherseits, hat es bei Fischers auch gegeben, die hat Fischklößchen gemacht und gebeizten Lachs mit Dill. Die schlesische Oma dagegen hat es beim Kochen so üppig geliebt wie beim Schminken, Braten mit Klößen und viel Fett, „das schwabbelte und wabbelte“. Die Mutter hat sich geekelt davor.

Der Garten des Sorriso hat sich gefüllt, noch scheint die Abendsonne, nur auf der Bühne steht Fischer im Regen. Dem hat der Sänger sein neues Programm gewidmet, das diese Woche im Tipi Premiere hatte, die Idee dazu entstand im Florian am Savignyplatz, bei Regen und Schnaps. Traurig mag Fischer den Regen nicht finden, „ist doch schön, wenn man dann drinnen sitzt“, auch die leichte Melancholie gefällt ihm dabei, „die Melancholie, die wird ja unterschätzt“. Außerdem liebt er Sommergewitter, dann stellt er sich schon mal nackt auf seinen Wilmersdorfer Balkon: weil’s so schön ist, aber auch zur Inspiration für die Show.

Seit neun Jahren wohnt Fischer mit seiner besten Freundin zusammen, die seit sieben Jahren auch seine Managerin ist. In der Altbauwohnung hat er auch schon ein Spargelessen für 120 Leute gemacht. „Ich kann sehr schnell schälen. Ich kann sehr, sehr schnell arbeiten.“ Man ist versucht, es ihm zu glauben. Sein ganzes Leben hat der 32-Jährige im Zeitraffer gelebt. Mit 14 hat er sich seine ersten Auftritte verschafft, in Oldenburg in einem Bistro, mit 16 hat er die Waldorfschule für beendet erklärt und ist nach Hamburg gegangen – „ich bin ein Kind vom Land, ich wollte unbedingt in die Stadt“ –, wo er im Schmidt-Theater zum Jungstar aufstieg. Mit Anfang 20 war er ein Berliner Wrack. Heute trinkt er nicht mal mehr Kaffee, weil der Homöopath ihm davon abgeraten hat, aber es gab Zeiten, da war er eine drogenverseuchte „Rinnsteinprinzessin“, wie er später ein Programm nannte.

Vorbei. Elegant wickelt Fischer seine Taglierine mit Trüffeln auf und lacht verzückt: „Sieht toll aus, riecht gut und fühlt sich gut an – zärtlich, sanft, durch die sämige Butter.“ Und dann erzählt er von seinem kulinarischen Trashprogramm: dem Nudelsalat. „Mit viel Gurkenwasser“ und Erbsen aus der Dose und „als Clou“ getrocknete Tomaten. „Das ist der Knüller!“ Muss auch mal sein, so wie die Pommes, die er zweimal im Monat an der Nobel-Wurstbude am Ku’damm verspeist, „es gibt Gelegenheiten, wo das passt“. Vorzugsweise nachts. Alles Essen hat für ihn seine Zeit, und wie alles Trinken auch seinen Ort. Seinen Dirty Martini trinkt er gern in Loos’ American Bar in Wien, Tsatsiki kann er nur noch in einem sonnigen griechischen Hafenlokal vertragen, und Mohnpielen, eine Art Arme Ritter mit Rosinen und Mohn, findet Fischer, passen am besten in eine Art-déco-Umgebung. Bei Mohnpielen gerät er ins Schwärmen, die hat er Silvester bei Georg Kreisler kennen gelernt, auch für sein Kreisler-Programm ist Fischer berühmt. Allerdings: Tauben vergiften, das traut man ihm nur auf der Bühne zu, nicht im Leben. Tauben streicheln schon, Tauben kitzeln auch, Tauben essen sowieso. Fischer isst alles außer Affenhirn. In Paris aber, wo er neulich erst wieder war, da muss er eigentlich gar nichts essen. „Da ist es so schön, da guckt man sich satt.“

Wenn er eine Zeitreise machen, sich in die Kindheit zurückbeamen will, macht der Chansonnier sich Fischstäbchen mit Kartoffelbrei („mit Muskat natürlich“) und blubberndem Tiefkühlspinat. Abwechslungen und Überraschungen, das ist es, was er liebt, in der Küche wie im Leben. Heute Trüffel, morgen Butterbrot, übermorgen Brigitte-Diät.

Tim Fischer ist ein aufmerksamer Gast, schenkt Wasser nach, als er sieht, dass das Glas leer ist. Längst ist die Sonne untergegangen, da kommt das Dessert, nicht bestellt, der Kellner bringt es als Präsent: ein Portiönchen eingelegte Pfirsiche mit Amarettoeis. „Toll!,“ strahlt Fischer und freut sich wie ein kleiner Junge und stößt noch mal an und führt vor, wie er seine Crêpes Suzettes zubereitet. Und dann lehnt er sich zurück, mit leuchtenden Augen, und fängt an, von Armen Rittern zu schwärmen. Das ist für ihn die hohe Kunst des Kochens: Aus Nichts was zu machen, „aus Scheiße Rosinen zu rühren.“ Kochen, das hat für ihn was Magisches, etwas, was er gern nach seinen Auftritten tut. „Das ist so gar nicht glamourös. Das hat was Meditatives.“

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