Zeitung Heute : Kann die Armut völlig besiegt werden? Die Millenniumsziele sind noch zu erreichen

Jeffrey Sachs

Marktwirtschaft und Globalisierung sind dabei, den größten Teil der Menschheit aus extremer Armut heraus zu führen, doch es sind spezielle Maßnahmen notwendig, um den Ärmsten der Armen zu helfen. Fast jeder Mensch, der je gelebt hat, war bitter arm. Selbst heute muss einer von sechs Einwohnern dieses Planeten von einem Dollar oder weniger pro Tag leben. Jeden Tag sterben über 20.000 vor bitterer Armut. Erstmals in der Geschichte hat der globale Wohlstand die Welt so weit vorangebracht, dass die Armut besiegt werden kann.

Obwohl das Wirtschaftswachstum eine bemerkenswerte Fähigkeit gezeigt hat, Menschenmassen aus extremer Armut zu führen, stellt sich der Fortschritt weder automatisch noch unvermeidlich ein. Die Kräfte des Marktes und der freie Handel sind nicht ausreichend. Viele der ärmsten Regionen sind in einer Armutsfalle gefangen, ihnen fehlen die finanziellen Mittel für notwendige Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Gesundheitssysteme und andere lebenswichtige Bedürfnisse. Doch das Ende solcher Armut ist denkbar, wenn, wie von den Nationen der Welt beim Millenniumsgipfel 2000 durch den Beschluss der Millenniumsziele der Vereinten Nationen versprochen, eine gemeinsame globale Anstrengung unternommen wird.

Die Entwicklungshilfe ist großenteils zu einer Vortragsreihe über gute Staatsführung geworden. Die Verfügbarkeit von Daten quer durch Länder und über bestimmte Zeiträume hinweg erlaubt den Experten heute sehr viel systematischere Analysen. Aber Staatsführung ist nicht der einzige bestimmende Faktor des Wirtschaftswachstums.

Die gute Nachricht ist, dass geografische Faktoren das wirtschaftliche Schicksal eines Landes zwar formen, aber nicht bestimmen. Technologie kann gegensteuern: Dürre kann mit Bewässerungssystemen bekämpft werden, Isolation mit Straßen und Mobiltelefonen, Krankheiten mit präventiven und therapeutischen Maßnahmen. Die andere große Einsicht besteht darin, dass die Stärkung des allgemeinen Wirtschaftswachstums zwar der wichtigste Mechanismus zur Bekämpfung extremer Armut ist, allein aber nicht unbedingt ausreicht. Außerdem ist Wachstum nicht einfach ein Phänomen des freien Marktes. Der Staat muss die Grundversorgung bereitstellen: Infrastruktur, Gesundheit, Bildung sowie wissenschaftliche und technologische Erneuerung. Daher gehen viele der Empfehlungen, die in den letzten beiden Jahrzehnten aus Washington zu hören waren – dass Regierungen von Ländern mit geringem Einkommen ihre Ausgaben kürzen sollten, um Raum für den privaten Sektor zu schaffen – am Ziel vorbei. Staatsausgaben, die Investition in bestimmten Gebieten fördern, sind selbst ein wichtiger Wachstumsanreiz.

Die Technologie, mit der diese Handicaps überwunden und Wirtschaftswachstum angekurbelt werden kann, ist vorhanden. Wir vom Millenniumsprojekt der Vereinten Nationen haben eine Liste der Investitionen erstellt, die den verarmten Regionen der heutigen Welt helfen, Grundbedürfnisse in Gesundheit, Bildung, Wasser, Sanitäranlagen, Nahrungsmittelproduktion, Straßenbau und anderen Schlüsselbereichen zu befriedigen. Wir haben geschätzt, wie viel von armen Haushalten selbst und von heimischen Institutionen finanziert werden könnte. Die übrigen Kosten sind die „Finanzierungslücke“, die von internationalen Spendern geschlossen werden muss. Für das tropische Afrika beläuft sich die Summe auf 110 Dollar pro Kopf und Jahr. Um einen Kontext herzustellen: das Durchschnittseinkommen in diesem Teil der Welt beträgt 350 Dollar im Jahr, wovon das meiste gebraucht wird, um überhaupt am Leben zu bleiben. Von den 110 Dollar könnten vielleicht 40 Dollar im Land selbst finanziert werden, so dass noch 70 Dollar aus internationaler Hilfe gebraucht würden. Insgesamt beläuft sich der Bedarf an Hilfe weltweit auf rund 160 Milliarden Dollar im Jahr, also das Doppelte des aktuellen Entwicklungshilfebudgets der reichen Länder. Wir glauben, dass diese Investitionen den ärmsten Ländern ermöglichen würden, bis 2015 die Armut zu halbieren und bei Weiterführung bis 2025 komplett zu besiegen. Es würde sich nicht um „Sozialzahlungen“ von Reich zu Arm handeln, sondern um etwas weit Wichtigeres und Dauerhafteres. Wir würden einer Milliarde Menschen einen Weg in die Selbstständigkeit geben.

Die ungekürzte Version dieses Artikels erscheint im Spektrum der Wissenschaften, November 2005.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder

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