Zeitung Heute : Kann es nach Kafka noch eine Karriere geben?

REGINA KÖTHE

Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität und Kreativität machen Geisteswissenschaftler zu Allroundtalenten oder "Vielzweckwaffen", heißt es bei Personalberatern und Unternehmen.Auf dem Arbeitsmarkt außerhalb der Universität sind Germanisten, Historiker und Philologen somit nicht chancenlos.Praktische Erfahrungen und Zusatzqualifikation heißen die Zauberworte, die Unternehmen überzeugen.Journalismus, Weiterbildung, PR oder Kulturmanagement sind nach wie vor klassische Arbeitsfelder, in denen für Schöngeister zahlreiche berufliche Perspektiven liegen.Nach einer Studie von Martha Meyer-Althoff, Professorin an der Uni Hamburg, finden hier über 30 Prozent der Absolventen einen Arbeitsplatz.Manchmal muß man sich den Arbeitsplatz aber auch selbst schaffen.

Susanne Oschmann hat ihr Fachwissen zur pfiffigen Geschäftsidee umgewandelt.Die promovierte Musikwissenschaftlerin konzipiert und organisiert seit knapp zwei Jahren Bustouren zur Berliner Musik- und Theatergeschichte.Minutiös und faktenreich, dabei lebendig und anschaulich präsentiert sie ein Stück Kulturgeschichte.Im "Klangbus" anstatt im Vorlesungssaal setzt sie heute ihr Wissen um.Der Wechsel von der Universität hin zur freiberuflichen Tourgestalterin vollzog sich langsam.Da feste Stellen für Musikwissenschaftler rar gesät sind, entschloß sich Susanne Oschmann, nach Alternativen zu suchen anstatt ihre universitäre Karriere weiter zu verfolgen.Sie sieht sich als "autodidaktische Existenzgründerin".Die an der Universität oft subtilen Abhängigkeiten hat sie gegen konkrete Kundenorientierung eingetauscht."Ich lebe davon, daß die Gäste zufrieden sind." Die Selbständigkeit empfindet sie bei aller Unsicherheit als befreiend und erweiternd.Die "musikalischen Stadtrundfahrten" begeistern sie, das merkt man ihr an.

Parvin Sadigh arbeitet in der Online-Redaktion der "Zeit" in Hamburg.Sie setzt Printtexte ins Netz, recherchiert, organisiert und beantwortet E-Mails.Die Literaturwissenschaftlerin begann ihr Studium aus Interesse an der Kunst."Karriere, das reale Leben, waren fast tabu in meiner Lebensperspektive", sagt Parvin Sadigh.Doch unweigerlich schlich sich das Berufsleben an sie heran.Ihr Studium finanzierte die Online-Redakteurin durch Sekretariatsarbeiten.Dabei entdeckte sie, daß sie gerne mit Computern arbeitete.Nach ihrem Magister wurde ihr eine Stelle als Marketingassistenten angeboten."Als Geisteswissenschaftlerin hat man nach dem Studium oft das Gefühl, daß man sich keine Chance entgehen lassen darf, weil man ja vielleicht nie wieder eine bekommt." Also nahm sie an, sammelte Erfahrungen und begann dann ein Zusatzstudium in Kulturmanagement, um wieder näher an die Inhalte ihres Studiums zu kommen.Danach kam eins zum anderen: Praktikum, Kontakte und ein Bündel an erworbenen Kompetenzen brachten Parvin Sadigh in die Online-Redaktion der Wochenzeitung, wo sie inzwischen fest angestellt ist."Mir hat es sehr gut getan, ein bißchen gelassener zu werden, einen Pfad mal nicht zu verfolgen, auch wenn es unheimlich cool oder lukrativ gewesen wäre." Die Arbeit in der Internet-Redaktion hat nicht viel mit Literaturwissenschaft oder klassischem Journalismus zu tun, aber ihr macht es Spaß.

Die Umwege lohnen sich, wenn man versteht, daraus Kapital zu ziehen.Dazu gehört, konkrete Vorstellungen und realistische Ziele zu entwickeln.Christiane Frohne hat sich am Ende ihres Studiums der Theaterwissenschaften bewußt eine Orientierungsphase gegönnt.Nach zwei Monaten wußte sie, wo ihre Stärken liegen und daß sie ihre Organisationsfähigkeiten im Kulturbereich einsetzen wollte, etwa in der Konzeption und Durchführung eines Kabarettfestivals für Frauen oder bei der Mitarbeit in verschiedenen künstlerischen Projekten.Kurze Zeit später wurde sie als Veranstalterin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit in einem Hamburger Kulturhaus angestellt.Von 170 Bewerbern wurde sie ausgewählt: "Ich wußte hundertprozentig, was ich wollte - und das war genau dieser Job."

Christiane Frohne ist eine Macherin, der es Spaß macht, sich neue Ziele zu stecken.Weiterbildungen und Coaching nutzt sie für ihren Erfolg."Während des Studiums hatte ich das Gefühl, noch auf dem Übungsfeld zu sein.Jetzt bin ich auf dem richtigen Spielfeld.Das finde ich so spannend."

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