Zeitung Heute : kann jeder Schön

Köln steht für Karneval und Frohsinn – der Reiz seiner Architektur erschließt sich nicht so schnell. Doch jetzt entdecken Künstler und Stadtplaner den Charme der 50er Jahre.

Peter Zumthor ist ein Magier. Er zaubert mit Blicken und Worten. Die Rede, die der Schweizer Architekt auf die Kölner Oper hält, ist wie ein Tanz – ein Tanz, der einmal um das von vielen gehasste, von den meisten missachtete Objekt herum und dann hinein führt und dabei immer mehr Fahrt aufnimmt. Am Ende fühlen die Zuhörer sich so leicht und beschwingt wie die 50er Jahre-Architektur – so, wie Zumthor sie beschreibt. Nicht so, wie Elke Heidenreich sie sieht: „Weg mit dem hässlichen Koloss!“ forderte sie in einem Leserbrief im „Kölner Stadtanzeiger“, der viele und heftige Reaktionen auslöste. „So nicht!“ stand über der Leser-Debatte.

Am Anfang, erzählt Peter Zumthor, war auch bei ihm die Abneigung. 50er Jahre, das war meine Jugend, da gab es doch keine gute Architektur. Er habe sie erst entdecken müssen. Indem er einfach geschaut hat, wie er sagt, auf dieses merkwürdige Gebäude von Wilhelm Riphahn, das wie ein schweres Schiff in der Innenstadt liegt. Zumthor, in Berlin in Erinnerung wegen des jahrelangen Streits um seine Topographie des Terrors, blickt durch die schäbigen Spuren jahrzehntelanger Vernachlässigung hindurch auf das was einmal war – und wieder sein könnte. Auf die Leichtigkeit, die der Schwere des Kriegs folgte, auf eine Moderne, die freundlicher, weniger streng war als jene, die die 20er, 30er Jahre hervorgebracht hatte. „Ich stell’ mir vor, das muss eine wahnsinnige Freude für die Architekten gewesen sein, wieder bauen zu können!“, strahlt der 64-Jährige. Der Architekt feiert die seitlichen Terrassenberge, die ihn an Urlaubsarchitektur erinnern, die feinen Details wie die filigranen Geländer, die Offenheit des Baus mit seinen gläsernen Eingängen, die aus dem Gebäude herauszutreten scheinen. Der Architekt feiert das Festliche, das Menschliche des Baus – „oddrrr?“ – und sagt, dass das Opernrestaurant, das heute eher piefig wirkt, in New York längst als schicker Ort wieder entdeckt und wieder belebt worden wäre. In Köln wird es abgerissen, so wie das dahintergelegene Schauspielhaus. Immerhin, die Oper selbst, die auch zur Disposition stand, wird nach heftigen Debatten nun saniert.

Es war nicht Zumthors Idee, sich an einem Spätsommertag 2006 mit ein paar Hundert Kölnern vor die Oper zu stellen, auf den brach liegenden Offenbachplatz an der berüchtigten Nord-Süd-Fahrt, einer vielbefahrenen, breiten Schneise, die die Innenstadt zerteilt – „der Canale Grande von Köln“, wie Merlin Bauer ihn nennt. Der österreichische Künstler hat Zumthor eingeladen, seine Laudatio als Video für jedermann auf seine Website zu stellen. Seit acht Jahren lebt der Grazer in Köln. Und seit einigen Jahren macht der Künstler mit öffentlichen Aktionen auf die Stadt aufmerksam: auf die Stadt als gesellschaftlichen Raum.

„Liebe deine Stadt“ heißt sein Projekt. In schönster roter Schreibschrift prangen die vier Meter hohen, 26 Meter breiten Worte auf einem etwas, nun ja: schmuddeligen Haus, das über der Nord-Süd-Fahrt hängt wie der Berliner Sozialpalast über der Pallasstraße. Ein idealer Ort, findet Merlin Bauer: „Drumherum finden sich viele Facetten der Nachkriegsarchitektur, da prallt alles aufeinander.“ Das 4711-Haus, Einkaufspassagen, Parkhaus, Oper… Es ist der zweite Standort der Schönschrift: Vor drei Jahren wurde sie zunächst auf einem 70er-Jahre Pavillon angebracht, dessen Potenzial trotz der 1a-Lage direkt am Rhein mit Blick auf den Dom nie wirklich ausgeschöpft wurde.

Anfangs, erzählt der 33-Jährige, war er sich nicht ganz sicher, ob der Spruch „zu banal war – oder gerade richtig banal“. „Liebe deine Stadt“, das ist kein Befehl. Es ist eine Anregung, ein Augenzwinkern – eine Möglichkeit.

Wer zum ersten Mal nach Köln kommt, den trifft der Schlag. Beim zehnten Mal ist es nicht viel besser. Ein solches Allerlei an Architektur, ein echtes Kuddelmuddel, so viel Hässliches. 2000 Jahre alt, wurde Köln im Krieg zu 90 Prozent zerstört. Kritiker meinen, dass die Aufbauarbeit der Städteplaner danach nicht minder verheerend war.

Der Dom, der Karneval, der Klüngel: Das ist das, womit man die Stadt identifiziert. Wobei der Klüngel längst nicht so niedlich ist, wie er klingt. In den letzten Jahren jagte ein Bauskandal den anderen, es ging um geschlossene Immobilienfonds, um die Sparkasse, um fast mafiöse Strukturen, um Projekte wie das Hochhaus auf der rechten Rheinseite, das den Status des Doms als Unesco-Kulturerbe gefährdete, um die Regierungspolitik, um die Besetzung der Stelle des Kulturdezernenten, um die Gleichzeitigkeit von Größenwahn und Provinzialität. Und um „Das Loch“.

Dort, wo sich 2002 das Loch auftat, am Neumarkt, stand früher einmal das Josef- Haubrich-Forum mit Kunsthalle und Kunstverein, ein Ort legendärer Ausstellungen und Happenings aus einer Zeit, als in Köln die Avantgarde der Kunst und Musik zu Hause war: John Cage und Rebecca Horn, Sigmar Polke und Joseph Beuys traten hier auf. Die Stadt hatte beschlossen, den Bau abzureißen, und stattdessen einen großen neuen Kultur-Komplex hinzubauen. Kurz vor dem Abriss versuchten Künstler wie Rosemarie Trockel und der Schauspieler Udo Kier mit dem Verein „Das Loch“, das Forum zu retten. Vergeblich. Dann blieb die Baugrube lange ein Loch, weil plötzlich das Geld fehlte. Jetzt wird wieder gearbeitet, allerdings an einer abgespeckten Version.

Bei dem Verein „Das Loch“ hatte sich auch Merlin Bauer engagiert. Nach dem Abriss machte er mit seiner Aktion weiter. Aus dem lokalen Klüngel, den es ja auch in der Kunstszene gibt,wollte er herauskommen, ebenso wie aus den üblichen Architekturdebatten zwischen Insidern. Unterstützt von Kölner Institutionen wie Kasper König lud er Künstler und Wissenschaftler ein, meist von außerhalb, einen neuen, frischen Blick auf die Bauten der Nachkriegszeit zu werfen. So hat der Kunsttheoretiker Bazon Brock über das Afri-Cola-Haus geredet, der Stadtplaner Thomas Sieverts mit seinem Sohn Boris, einem Künstler, über das Fernmeldeamt1, der Ägyptologe Jan Assmann und seine Frau Aleida, Kulturwissenschaftlerin und Expertin der Kultur des Erinnerns, über das Parkcafé im Rheinpark.

Zu dem Projekt gehört zudem die Fotografie als Form der künstlerischen Liebeserklärung. Candida Höfer, die auf der ganzen Welt ausstellt, aber fast ihr ganzes Leben lang in Köln gelebt hat, zurückgezogen in einem Haus der 60er Jahre, hat betörend schöne Fotos von der Oper gemacht, die in einer Edition zu „Liebe deine Stadt“ erschienen sind. Und ihr Kollege Albrecht Fuchs, berühmt für seine internationalen Künstlerporträts, hat sich verschiedenen Gebäuden genähert, als wären es Menschen: sensibel, subjektiv, zugeneigt.

All die Fotos werden auch in dem Band sein, den Merlin Bauer gerade zusammenstellt und der in einigen Wochen im Greven Verlag erscheinen wird. Die Aktion ist damit abgeschlossen, alle Reden sind gehalten, das Denken geht weiter.

„Liebe deine Stadt“, die Anregung ließe sich auch andernorts aufgreifen. Köln ist ein Extrem-, kein Einzelfall. Der schnöde Umgang mit Nachkriegsarchitektur wird im ganzen Land gepflegt, gern auch in Berlin. Erst kürzlich wieder verkündete Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann – der das Gesicht der Stadt nach der Wende wie kein anderer prägte und ihr einen rigiden Einheitslook verschrieb, das Gegenteil des Kölner Allerleis – die Architektur der Nachkriegsmoderne gehöre nicht unter Denkmalschutz. In seiner Amtszeit wurde das Ahornblatt an der Leipziger Straße, eines der schönsten Exemplare der DDR-Nachkriegsarchitektur, zum Abriss freigegeben, um einem gesichtslosen Nullachtfünfzehn-Investoren-Hochhaus Platz zu machen.

Schönheit, das demonstriert Bauers Aktion einmal mehr, liegt immer im Auge des Betrachters. Was schön ist und damit schützenswert, darüber entscheidet jede Generation neu. Im letzten Herbst wurde in London der alte Bahnhof St. Pancras für den Eurostar nach umfassendem Umbau neu eröffnet – unter großem Beifall der Architekturkritiker. Dass es überhaupt etwas umzubauen gab, verdankt die Stadt vor allem dem Engagement eines Mannes, dessen Denkmal nun im Bahnhof steht, vor dem die Besucher sich gegenseitig fotografieren wie in Berlin vor dem Brandenburger Tor: John Betjeman. In den 30er Jahren war der Bahnhof stark gefährdet, viktorianische Architektur galt als völlig veraltet und out, ihr Verfechter als hoffnungslos vorgestrig, ja, reaktionär.

Vor ein paar Jahren waren es in Berlin junge Architekten und Designer, die versuchten, den Abriss des Ahornblatts zu verhindern. Und in den 70ern in Berlin retteten junge Hausbesetzer viele Altbauten vor dem von der Stadt geplanten Abriss.

Es geht nicht um die Glorifizierung der 60er Jahre, schreibt der Kritiker Wolfgang Pehnt in dem kürzlich erschienen anregenden Sammelband „denkmal! Moderne. Architektur der 60er Jahre: Wiederentdeckung einer Epoche“ (herausgegeben von Adrian von Buttlar und Christoph Heuter, jovis Verlag). Dazu gibt es keinen Grund, „Hybris, Geschäftsmacherei, Gedankenfaulheit und Rücksichtslosigkeit waren verbreitet wie eh und je und schlugen angesichts der hohen Produktionszahlen noch stärker durch“, so Pehnt. Allein die wahnsinnige Idee der autogerechten Stadt hat viele Wunden, ja, ganze Gräben geschlagen, die Kölner Nord-Süd-Fahrt ist eine davon. Gerade von diesen Sünden hat Jan Assmann bei seinem Auftritt bei „Liebe deine Stadt“ sehr deutlich, sehr emotional und persönlich erzählt. Nein, „es geht nicht vorrangig darum, Gebäude zu erhalten“, so Merlin Bauer – „sondern die baulichen Qualitäten zu erkennen, um dann bewusst damit umzugehen.“ Mit der eigenen Geschichte, dem kulturellen Gedächtnis.

Mehr Kreativität fordert der Künstler bei diesem Prozess – und begrüßt deshalb auch einen anderen Blick von außen auf die Stadt: Das Frankfurter Büro Albert Speer & Partner wurde eingeladen, einen Masterplan für die chaotische Innenstadt zu entwickeln. Wobei er nicht von der Stadt eingeladen wurde, dessen Adressatin der Plan sein wird, sondern von einem Verein auf Initiative von Paul Bauwens-Adenauer, einem Enkel von Kölns berühmtesten Bürgermeister Konrad Adenauer. Dabei geht es nicht darum, Köln neu zu erfinden, sondern darum, aufzuräumen. Besonderheiten, Schönheiten, Qualitäten, die zum Teil verschüttet sind, wieder in Erscheinung zu bringen.

„Die Diskussion um den Masterplan“, glaubt Merlin Bauer, „kann der Stadtentwicklung nur gut tun“. Auch Speer wird aus Köln kein Paris oder Rom machen können. Es bleibt bei der Liebe auf den 100. Blick. Der braucht Zeit. Peter Zumthor hatte reichlich, sich mit dem umstrittenen Opernbau anzufreunden. Zehn Jahre lang hat er am neuen Diözesanmuseum Kolumba gearbeitet, das gleich auf der anderen Straßenseite liegt. Im letzten Herbst eröffnet, stürzten sich die Kölner darauf, als hätten sie nur darauf gewartet, ein neues Objekt der Identifikation zu umarmen – neben Dom, Karneval und Klüngel.

Ein auch von den Kritikern gefeiertes Meisterwerk der Moderne, scheint Kolumba das komplette Gegenteil von Köln zu sein: zurückhaltend, edel, ruhig und harmonisch. Und doch ist der Bau des Schweizers eine Liebeserklärung an die Stadt. Riesige Fenster hat der Architekt in die helle Fassade eingelassen, die bis zum Boden reichen. Sie lenken den Blick auf die Gebäude der Nachbarschaft, die verschiedenen Schichten der Nachkriegsarchitektur mit den Spitzen des Doms im Hintergrund – die Aussicht wird zu einem gerahmten Bild, das den Blick schärft auf die schönen Details der 50er Jahre, die Leichtigkeit, der aber auch das Hässliche als Teil des ganzen Ensembles zeigt. Es ist genau jene Patchwork-Ästhetik, von der Merlin Bauer meint: Je mehr er sich damit beschäftige, desto spannender finde er sie.

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