Zeitung Heute : Kann man Kunst lehren – und wenn ja, wie?

Die vier Dekane der UdK Berlin äußern sich zu einer Frage, die so alt ist wie die Künstlerausbildung selbst

WOLFGANG DINGLINGER

ist seit April 2007 Dekan der Fakultät Musik. Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Kirchenmusik ist Professor für Musiktheorie an der UdK Berlin.

KARL-LUDWIG OTTO ist seit dem Sommersemester 2005

Dekan der Fakultät Darstellende Kunst. Er ist Professor für Sprecherziehung an der Universität der Künste Berlin.

KIRSTEN LANGKILDE wurde 2007 zum vierten Mal in Folge zur Dekanin der Fakultät Gestaltung gewählt. Seit 1995 ist sie Professorin für Ästhetische Praxis an der UdK Berlin.

Karl-Ludwig Otto

Fakultät Darstellende Kunst

Die Fakultät Darstellende Kunst ist ein sehr heterogenes Gebilde. Da gibt es Bühnenbild und Kostümbild. Da gibt es Sänger, Musical-Darsteller, Schauspieler. Und schließlich Theaterpädagogen und Szenische Schreiber. Insofern muss eine Antwort sehr allgemein bleiben.

Lehren heißt, vorhandenes Wissen zu vermitteln. Man unterweist jemanden, man vermittelt Kenntnisse. Auch in den Künsten gibt es Dinge, die man benennen kann und die man können muss. Bei Darstellern, seien es Sänger, Musical-Darsteller oder Schauspieler, muss man aber spüren, dass in ihrer Tätigkeit mehr passiert als die Wiedergabe von angelerntem Wissen. Das hat etwas mit Begabung zu tun, die man nicht lehren, aber fördern kann.

Lehre heißt eigentlich: ich versuche, jemanden zum Lernen zu bringen. Ich versuche, jemanden dazu zu bringen, eine Methode zu entwickeln, wie er Erfahrungen sammeln, für seine künstlerische Entwicklung nutzbar machen kann. Die Lehre dient insofern dem Training der Selbstwahrnehmung. Es gibt ja diesen intuitiven Moment, wo man weiß, das hat gestimmt, man weiß aber nicht warum. Dieser Moment lässt sich zwar nicht wiederholen, aber wenn man ihn mal erlebt hat, dann hat man einen Punkt, an dem man ansetzen kann. Ob das klappt, das hat dann viel mit Kreativität zu tun. Also mit etwas, was, wie die Kunst, in der Definition ein Problem darstellt. Denn irgendetwas in der Kunst, und vielleicht gehört das zu ihrem Wesen, kann man nicht mehr erklären.

Die Studenten brauchen Technik, Handwerk, das hat auch im weitesten Sinne mit Kunst zu tun. Technik bezeichnet nicht nur ein kaltes Skelett, sondern gewissermaßen die Grundlage des aufrechten Ganges. Die Technik steht der Intuition auch nicht im Wege. Das tut sie nur so lange, wie man sie nicht perfektioniert hat. So lange ich schauen muss, ob die Technik richtig ist, funktioniert das nicht mit der Intuition. Wenn man alle Grenzen verwischt, dann kommt nichts raus bei der Arbeit. Nur wenn man sich an Grenzen abarbeiten kann, erkennt man auch Freiheiten.

Ana Dimke, Fakultät Bildende Kunst

Seit es Akademien gibt, taucht diese Frage auf. Selbstverständlich kann man bestimmte Aspekte von Kunst vermitteln. Dadurch legitimiert sich eine Institution wie die unsere. Eben ein Ort zu sein, an dem Kunst stattfindet und vermittelt wird. Noch nicht abhängig vom Kunstmarkt und offen für das, was sich bei den Studierenden individuell entwickelt. Der Prozess der künstlerischen Entwicklung der Studierenden steht im Mittelpunkt der Lehre und hier spielen alle Ebenen von der Malerei und Bildhauerei über die Medien bis hin zur Konzeption mit hinein. In der Bildenden Kunst kann alles zum künstlerischen Material gemacht werden. Die Spannbreite des Lehrangebots muss deshalb sehr groß sein. Konkret halten die Lehrenden mit ihren Studierenden Gesprächsforen ab, in denen der oder die Einzelne die jeweilige Arbeit der Fachklasse, sozusagen der Ateliergemeinschaft, vorstellt. Daneben gibt es „Einzelkorrekturen“ oder auf der wissenschaftlichen Ebene Seminare, Vorlesungen und so weiter.

Für den Studierenden geht es auch darum sich Wissen über den Kunstdiskurs und verschiedene Kulturtechniken anzueignen. Aber es besteht natürlich kein Zwang ein bestimmtes Programm zu absolvieren. Das geht auch gar nicht. Das steht im Widerspruch zur Bildenden Kunst. Es geht vielmehr darum in dieser Offenheit eine künstlerische Haltung zu finden und künstlerische Entwicklungsvorhaben zu realisieren. Uns geht es hier darum, das individuelle Potenzial zu fördern, die künstlerischen Fähigleiten zu steigern – dem muss Zeit, Raum und ein Umfeld zur Auseinandersetzung gegeben werden. Diesen Freiraum kann nur eine Kunsthochschule bieten.

Wolfgang Dinglinger, Fakultät Musik

Die Unterrichtsformen an einer Musikhochschule haben sich in den letzten Jahrzehnten erheblich gewandelt, allein dadurch, dass die Individualität der Studierenden und das Bemühen, jene Profile zu schärfen, die sie bereits mitbringen, verstärkt den Unterricht prägen. Es ist noch nicht lange her – ich erinnere mich gut –, dass manch ein Professor von seinen Schülern die Kopie seiner selbst erwartete: dass sie möglichst genau so spielten, wie er es vorgab, mit gleichen Fingersätzen, gleichem Ausdruck, gleichem Verständnis für die Musik, so wie es der Lehrer bereits von seinem Lehrer vermittelt bekommen hatte. Dies ist inzwischen anders – ohne wichtige musikalische und interpretatorische Traditionen zu vernachlässigen.

Der Interpretation von Musik aus den unterschiedlichsten Epochen bis hinein in die Gegenwart widmet sich ein beträchtlicher Teil der Ausbildung. Dies überzeugend zu leisten setzt ein tiefgehendes Verständnis der Musik voraus, das nur aus intensiver Beschäftigung mit ihm hervorgehen kann – ein komplexer Vorgang, für den Techniken und Kenntnisse außer im Instrumentalunterricht auch in Fächern wie Analyse, Gehörbildung oder Musikgeschichte vermittelt werden. Dies gilt nicht nur für unsere Instrumentalisten, sondern für die angehenden Musiklehrer, Schul- und Kirchenmusiker, Tonmeister, Komponisten.

Unsere Auswahlverfahren sind streng und müssen es sein, damit sich für die Studierenden reale Chancen für ein späteres Berufsleben eröffnen. Zahlreiche Auftrittsmöglichkeiten, solistisch, kammermusikalisch oder mit unserem großen Symphonie-Orchester – aktuell bei den gerade durchgeführten Crescendo-Musikfestwochen, einem Höhepunkt im Leben der Universität und der Stadt Berlin –, eröffnen viele Möglichkeiten für die Studierenden und runden das Angebot an der Fakultät Musik ab.

Kirsten Langkilde, Fakultät Gestaltung

Im Bereich Gestaltung kommt es einerseits auf problemorientiertes Denken an, andererseits steht die Gestaltung in einer langen Tradition, Ästhetik zu bilden und zu verfeinern. Von daher ist es nur konsequent, die Bereiche Architektur, Design und Visuelle Kommunikation akademisch, d. h. in einer Universität, zu lehren.

In der Praxis geschieht dies über viele Bezugswissenschaften, und so hat unsere Lehre neben einem künstlerischen und gestalterischen auch einen wissenschaftlichen Bereich. Dies gibt unseren Studierenden die Möglichkeit, eine Aufgabe aus vielen Perspektiven anzugehen. Denn schließlich ist ein gestalterisches Ergebnis auch ein Stück Wissen. Und neues Wissen entsteht in den Künsten durch Synthesenbildung, das heißt, unterschiedliche Lösungsansätze zu kombinieren und zu überlagern.

Doch die Gestaltung ist nicht nur angewandt, und die Grenzen zur Kunst sind fließend. So gibt es beispielsweise konzeptuelles Design, wo es mehr um Ideen geht. Oder aber umgekehrt: künstlerische Gestaltungsprojekte. Die Disziplinen werden ständig überschritten, und es gibt nur eine Regel: nämlich dass es keine Regel gibt.

Die einzigen Dinge, die man nicht lehren kann, sind Motivation und Engagement, die müssen die Studierenden selbst mitbringen. Darüber hinaus lässt sich sehr viel vermitteln. Ich glaube an Bildung als Grundlage für das berufliche Weiterkommen. Und gute Hochschulen können den Studierenden dabei entscheidend helfen.

ANA DIMKE ist seit 2006 Professorin für Didaktik der Bildenden Kunst an der

UdK Berlin. Im Jahr 2007 wurde sie zur Dekanin der Fakultät für Bildende Kunst

gewählt.

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