Zeitung Heute : „Kannst du Vater zu dir nehmen?“ „Unmöglich!“

Als plötzlich die Mutter stirbt, sitzen Sohn und Tochter verzweifelt im Elternhaus: Wer soll von jetzt an den kranken Vater pflegen? Chronik eines persönlichen Dramas.

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Von Anonymus Der Tag X – jetzt war er da. Er hatte in den vergangenen Monaten wie eine finstere Drohung vor den Augen des Sohns gestanden. Und er war immer näher gekommen. Der Einsturz dieses zerbrechlichen Systems, das das Überleben der letzten Jahre gesichert hatte. Und der Sohn hatte keinen Weg gefunden, wie er dieser Drohung begegnen sollte. Er hatte gesehen, was auf ihn zu kam, und er hatte hilflos auf den Zusammenbruch gewartet. Monat für Monat, Woche um Woche.

Jetzt war der Tag gekommen. Er hatte es gewusst.

Nur eines wusste der Sohn nicht: Wohin mit Vater?

Es war Abend geworden. Zuvor hatten der Sohn und die Tochter das Bestattungsunternehmen angerufen, hatten den Text für die Todesanzeige formuliert, hatten zahllose Telefongespräche geführt, den ambulanten Pflegedienst alarmiert, den die Mutter gelegentlich in Anspruch genommen hatte: Man möge in den nächsten Tagen bitte wieder kommen, morgens und abends, nein, besser dreimal am Tag.

Der Vater blieb unterdessen stumm in seinem Sessel sitzen, manchmal, so hatte es den Anschein, nickte er kurz ein, aber das waren nur Momente, er weinte immer noch nicht, und das änderte sich auch nicht, als es klingelte und die Leute vom Bestattungsunternehmen in den ersten Stock stiegen, um die Mutter abzuholen. Der Vater saß regungslos, er wollte nichts zu essen und nichts zu trinken. Und er wollte auch erst dann zur Toilette geführt werden, als am Abend die Frau vom Pflegedienst kam. Dann brachten sie mit vereinten Kräften den Vater hinauf in sein Schlafzimmer, und der Sohn bewunderte die Mutter, die nun nicht mehr im Haus war, ein weiteres Mal: Wie sie es geschafft hatte, den Vater immer wieder hinauf- und hinabzuschleppen, Tag für Tag, Jahr für Jahr, auch, wenn es in den letzten Monaten nicht mehr so recht gegangen war. Und der Sohn war bei diesen Gedanken nicht so tränenlos wie der Vater.

„Was tun wir?“, fragte der Sohn, als es Abend geworden war.

„Wir bleiben“, sagte die Schwester.

„Natürlich bleiben wir.“

Also richteten sich die Geschwister notdürftige Schlafstellen, wünschten dem Vater eine gute Nacht, nachdem ihn die Frau vom Pflegedienst versorgt hatte, und setzten sich wieder ins Wohnzimmer. Es war noch früh am Abend.

„Was tun wir?“, fragte der Bruder noch einmal.

„Wir bleiben auch morgen“, sagte die Schwester.

„Natürlich“, sagte der Bruder. „Und was machen wir dann?“

Die Schwester wusste es nicht. Der Bruder wusste es auch nicht.

Die Schwester sagte: „Wir müssen ihn zu uns nehmen.“

Der Bruder sagte: „Wer?“

Im Wohnzimmer war nur das Ticken der Uhr zu hören, die auf dem schweren Eichenbuffet stand, das der Sohn sein ganzes Leben lang gehasst hatte, so plump war es ihm immer erschienen, so massig. Und nun kam von dort die einzige Bewegung in diesem Zimmer. Der Sekundenzeiger zuckte rhythmisch und beharrlich, die Geschwister waren wie erstarrt.

Sie waren auf nichts vorbereitet. Nicht im Geringsten.

Sie sprachen nicht miteinander, aber sie begannen nun, jeder für sich, rasende Gedanken zu denken, ungeordnete, unkontrollierbare, sich überstürzende. Und die Gedanken waren, wie sie später entdeckten, in diesem Moment fast identisch. Ich muss ihn zu mir nehmen, dachte die Tochter, ich muss ihn zu mir nehmen, dachte der Sohn. Ich muss das tun, jedes Kind muss das tun, es ist das Mindeste, was man seinen Eltern schuldig ist. Es ist ein Gesetz, ein ehernes Gesetz. Sie haben mich versorgt, als ich hilflos war, als ich klein war. Jetzt ist der Vater hilflos. Also muss ich jetzt die Fürsorge zurückgeben. Generationenvertrag nennt man das, Generationengerechtigkeit. Es bleibt mir nichts anderes übrig. Der braucht mich jetzt, der Vater, er hat ja niemanden. Aber das geht doch nicht. Ich kann doch nicht, ich habe einen Beruf, ich habe eine eigene Familie. Wie soll ich das schaffen? Alles verändern, alles, alles? Es ist doch auch mein Leben. Ich bin doch meiner Familie auch verantwortlich und mir gegenüber obendrein, nicht nur dem Vater. Ich habe mir dieses Leben nicht aufgebaut, um nun alles hinzuwerfen. Wie soll ich leben und wovon? Und meine Familie? Ich kann das nicht, nein, und das ist keine Ausrede, ich kann nicht, es muss doch einen anderen Weg geben, warum, verflucht, habe ich mir bloß früher keine Gedanken gemacht? Wie habe ich das so radikal verdrängen können? Und jetzt? Jetzt sitze ich da, was mache ich bloß?

Und im Fall der Tochter kam noch hinzu: Wo soll denn der Vater hin bei mir? Die Wohnung ist jetzt schon viel zu klein, ich habe kein Zimmer für ihn. Und zu ihm ins Haus ziehen, nein, das will ich nicht, das kann ich nicht und das werde ich nicht, das kommt nicht in Frage, meine Familie würde da ganz bestimmt nicht mitkommen, die würden mich für verrückt erklären.

Und im Fall des Sohnes kam hinzu: Ich wohne 700 Kilometer von hier entfernt. Ich kann da nicht weg. Und ich kann doch auch den Vater nicht aus dieser Stadt reißen, in der er sein ganzes Leben verbracht hat, in der er geheiratet hat und sein ganzes Berufsleben war, in der noch ein paar Freunde leben, zwei oder drei wenigstens. Nein, er würde sterben vor Heimweh.

So dachten die Geschwister, und nachdem sie lange über diesen Gedanken gebrütet hatten, wagten sie es, sie sich gegenseitig zu beichten. Es ging stockend zunächst, zögernd, von einer Schamgrenze zur anderen tastend, und dann immer schneller und am Ende fast atemlos. Die Schwester zündete eine Zigarette nach der anderen an, ein schwerer Tabubruch in diesem Wohnzimmer, weil das Rauchen, solange die Geschwister denken konnten, hier streng verboten war. Aber in dieser Situation, bei diesem Geständnis des Unsagbaren galten keine Tabus mehr. Der Bruder hörte, was die Schwester zu sagen hatte, mit grenzenloser Erleichterung, und er dachte: So ist das schon immer gewesen, er und die Schwester, das war ein Paar, das sich aufeinander verlassen konnte.

Und so schienen auch nach der ersten Unsicherheit – was wird der andere, was wird die andere denken, fordern, von mir verlangen? – alle Dämme gebrochen, die Geschwister bekannten ihre Ohnmacht, und je verzweifelter das Gespräch wurde, desto vertrauter wurde es auch. Und sie gestanden sich, dass sie sich nicht imstande sahen, den ungeschriebenen Vertrag der Generationen einzuhalten, dass sie im Begriff waren, ihn zu brechen, und wieder war dieses Gefühl da, aus Scham und Schuld und schlechtem Gewissen, es war stärker als jemals zuvor. Der Vater lag oben in seinem Bett, heute war seine Frau gestorben, er würde kaum schlafen in dieser Nacht, obwohl er um eine Tablette gebeten hatte. Die Kinder saßen unten im Wohnzimmer und beschlossen einen Vertragsbruch.

Konnte es schlimmer kommen? Weit und breit schien niemand da zu sein, den der Bruder und die Schwester um Rat fragen konnten. Schließlich waren jetzt sie die Erwachsenen. Sie waren es, die Entscheidungen zu treffen hatten. Und sie fühlten sich von Gott und der Welt verlassen und unendlich einsam.

Selten ist ein Gefühl so falsch gewesen. Was den Geschwistern an diesem Apriltag widerfuhr, ist mittlerweile fast ein Normalfall.

Die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte und dabei vor allem die explosiven Veränderungen der Demographie haben eine Situation geschaffen, in der Väter und Söhne, Mütter und Töchter immer öfter, inzwischen sogar mit einer gewissen Regelmäßigkeit in diese fatale Ungewissheit geraten: Wie sollen die Alten leben, wenn sie krank, gebrechlich, behindert werden? Wie sollen die Jungen leben, wenn sie berufstätig sind, eine Familie gegründet haben oder gar weit entfernt vom Ort ihrer Eltern wohnen? Wer pflegt die Alten dann? Es sind Fragen voller Wucht, weil sie an die Existenz gehen. An die Existenz der Alten und der Jungen (die dann normalerweise auch nicht mehr wirklich jung sind; der Fall tritt meist ein, wenn auch sie schon die Fünfzig überschritten haben). Es sind Fragen, die sich mit jedem Jahr mehr Menschen stellen müssen. Sie gehen alle an. Und fast alle sind nicht vorbereitet, wissen keine Antwort darauf. Was tun, wenn die Eltern Pflegefälle werden – das ist die neue soziale Frage. Wohin mit Vater? Wohin mit Mutter?

Immer weniger Kinder bleiben in den Städten ihrer Herkunft. Familien zersplittern sich, werden verstreut in alle Teile des Landes, der Kontakt zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern oder weiteren Verwandten reduziert sich auf Geburtstage, auf gelegentliche Familienfeierlichkeiten. Die Familie als Ort der selbstverständlichen Gewissheiten und Geborgenheit, als Rückzugsraum, als Schicksals- und Hilfsgemeinschaft zerfällt, ist vielfach schon zerfallen.

Zwar suggerieren moderne Technologien wie Mobilfunk, SMS, Internet, E-Mail, dass Nähe trotz Ferne jederzeit bestehen könne, das elektronische Netz sei auch ein soziales. Und der Philosoph Peter Sloterdijk sagt: „In einer Kultur der Fernfreundschaft, der Fernnachbarschaft und der Fernerotik ist der Raum heute annulliert. Er ist das Nichts zwischen zwei Rednern.“

Der Raum ist alles in der Pflege. Er muss überwunden werden.

Und ist allzu oft unüberwindlich.

Vor vielen Jahren, vor Jahrzehnten schon, hatte der Sohn diesen Raum geöffnet. War fortgegangen an den anderen Rand des Landes, weil es dort Arbeit gab, die er in der Vaterstadt nicht gefunden hatte. Also baute er sich in der Fremde ein neues Leben auf, lernte Freunde kennen, neue Landschaften und Liebschaften, und fand schließlich eine Frau, mit der er Kinder bekam. Er hatte sich eine neue Welt erschaffen, seine eigene Welt, und die Welt der Vaterstadt begann langsam blasser zu werden, wurde eine Welt der Erinnerungen, fern und manchmal ein bisschen unwirklich.

Und jetzt saß er da in einer Wirklichkeit, wie sie wirklicher nicht sein konnte. Die Mutter war von den Männern des Bestattungsunternehmens aus dem Haus getragen worden, der Vater lag oben in seinem Bett, und er saß mit der Schwester im elterlichen Wohnzimmer. Die Geschwister hatten lange, lange miteinander gesprochen, aber an ihrer Ratlosigkeit hatte das nichts geändert. Schließlich war der Sohn die Treppe zum Keller hinabgestiegen, da war das Regal, wo die Weinflaschen lagen, das immerhin hatte er sich gemerkt. Ein Schluck oder zwei oder drei, das konnte nicht falsch sein jetzt. Er und seine Schwester wussten ohnehin nicht, wie sie in dieser Nacht schlafen sollten. Und sie wussten nicht, wie sie der Trauer um die Mutter begegnen würden, der die Sorge um den Vater den ganzen Tag über kaum einen Platz gelassen hatte. Sie wussten nur, dass sie am nächsten Morgen viel zu tun hatten. Sie mussten einen Ausweg für den Vater finden.

„Weißt du eigentlich, was Kurzzeitpflege ist?“, fragte die Schwester.

„Wo hast du denn dieses Wort her?“

„Hab ich mal gelesen“, sagte die Schwester. „Ich glaube, wir brauchen das jetzt.“

Kurzzeitpflege? Wo informiert man sich da? Natürlich gab es im Haus der Eltern keinen Computer. Sie fühlten sich entschieden zu alt für so etwas, hatten sich auch immer dagegen gesträubt, sich ein Handy schenken zu lassen, sie seien doch ohnehin die ganze Zeit im Haus, ja, ans Haus gebunden, weshalb sollten sie da ein Telefon für unterwegs benutzen? Dem konnte der Sohn schwerlich widersprechen, dennoch fand er es schade, dass sich seine Eltern so gänzlich gegen die Errungenschaften der Elektronik sperrten. Gerade im Alter könne das alles doch sehr nützlich sein.

Ob das zwangsläufig so sein muss, fragte sich der Sohn, dass man im Alter das Interesse an Neuem verliert? Überfordert das ältere Menschen, macht es ihnen Angst? Er fand das schade, gerade wenn Zeit wäre, die Neugier zu befriedigen, scheint sie zu schwinden. Mir passiert das nicht, dachte er, ganz gewiss nicht. Und dann dachte er noch mal nach: Na ja, wer weiß?

Ein Computer hatte es jedenfalls nicht ins Haus geschafft. Also machte sich der Sohn an diesem Morgen auf zu einem Bekannten ganz in der Nähe. Das mit der Kurzzeitpflege musste unbedingt geklärt werden. Vielleicht verbarg sich hinter diesem Wort ja tatsächlich jene Hilfe, die in diesem Augenblick so dringend gesucht war. Und es dauerte dann auch nur wenige Sekunden, und schon hatte das Internet die Antwort parat: „Unter Kurzzeitpflege versteht man die vorübergehende Unterbringung eines pflegebedürftigen Menschen in einer Einrichtung, in der er rund um die Uhr von erfahrenen Fachkräften betreut wird. Das kann ein Pflegeheim oder eine andere, manchmal auch private Einrichtung mit Zulassung zur Kurzzeitpflege sein, in der Alten- und Krankenpflegekräfte die ihnen anvertrauten Personen betreuen und pflegen.“

Der Sohn erfuhr auch noch, dass Kurzzeitpflege für maximal drei Monate in Anspruch genommen werden kann, dass in den meisten Einrichtungen aber eine Begrenzung auf 28 Tage gelte sowie dass die Pflegeversicherung einen Zuschuss von 1432 Euro im Monat für die Stufe III bezahle.

Und da er schon einmal vor dem Computer saß, sah er gleich nach, ob es in dieser Stadt auch Einrichtungen gab, die eine solche Pflege anboten. Es waren nicht wenige, stellte er mit Befriedigung fest. Dann machte er sich ans Telefonieren.

Vielleicht war das mit der Kurzzeitpflege ja tatsächlich ein Ausweg: Wenn die Aufregungen und Anstrengungen dieser Tage vorüber sein würden, wenn alles getan und die Beerdigung der Mutter vorbei war, dann konnte man den Vater vielleicht in so eine Pflegestätte geben, für ein paar Wochen nur, und inzwischen in Ruhe überlegen, wie es mit ihm weitergehen solle. Zudem, dachte der Sohn, müsse er ja auch bald zurück in seine Stadt, natürlich konnte er ein paar freie Tage nehmen, an seinem Arbeitsplatz war man da durchaus entgegenkommend, aber auch das hatte Grenzen. Kurzzeitpflege war vielleicht wirklich eine Lösung. Keine endgültige, eher ein Aufschieben des Problems. Aber immerhin ein Zeitgewinn, eine Chance für klarere Gedanken.

Und zum ersten Mal seit dem gestrigen Morgen, als ihn der Anruf der Schwester erreicht hatte, stieg in ihm das Gefühl einer kleinen Zuversicht auf.

Das wurde allerdings sofort erschüttert, als er die ersten Telefongespräche führte. So einfach war das mit der Kurzzeitpflege nun doch nicht. Denn Kurzzeitpflege bedeutet nicht kurzfristige Pflege. Man müsse sich da frühzeitig anmelden, hieß es am Telefon, Wochen vorher. Auf die Schnelle könne man leider nicht helfen. Aber das hier sei ein Notfall, sagte der Sohn, so etwas komme doch gewiss des Öfteren vor, ob es denn dafür gar keine Möglichkeit … Nein, die gebe es nicht.

Und er telefonierte weiter.

Ein anderes Heim wollte wissen, wer denn der überweisende Arzt sei, und der Sohn sagte, es gebe keinen überweisenden Arzt, er wolle nur den Vater unterbringen, ein paar Tage bloß, zwei Wochen vielleicht, nein, eine Überweisung habe er nicht. Im nächsten Heim war wieder kein Platz, jedenfalls nicht auf absehbare Zeit, im übernächsten auch nicht, und dann wollte wieder jemand etwas von einer Überweisung wissen, und der Sohn fühlte sich wie einem absurden Theaterstück, stellte sich einen Bühneraum vor, auf dem es zahllose Türen ins Freie gab, aber jede dieser Türen war verschlossen, da mochte man rütteln, so viel man wollte. Nur dass es hier nicht um Theater ging, sondern ums richtige Leben, um einen Menschen, um seinen Vater.

Es muss ungefähr der 15. Anruf gewesen sein, als die Stimme am Telefon – es war eine sehr freundliche Stimme, und das war zuvor nicht immer so gewesen – sagte, ja, da haben wir was für Sie, man könne gerne sofort kommen und sich die Sache ansehen.

Einverstanden, sagte der Vater, auch er wolle sich das ansehen, man könne ihn ja zum Auto stützen und schleppen, und den Kindern kam es vor, als sei dem Vater in diesem Moment alles recht und alles egal zugleich, er wolle sich fügen, was auch immer da kommen möge. Es war kaum 24 Stunden her, dass seine Frau gestorben war, er schien noch unter Schock zu stehen. Auch zum Frühstück hatte er nichts zu essen gewollt, war sichtlich erleichtert gewesen, als es morgens an der Haustür geschellt hatte, die Pflegerin vom ambulanten Dienst hatte ihn gewaschen, zur Toilette gebracht, angezogen. Und es wurde den Kindern immer deutlicher, dass der Vater die Momente der körperlichen Intimität nicht mit ihnen teilen wollte, dass er sich bei der professionellen Pflegerin wohler fühlte.

Es war keine lange Fahrt zum Heim für die Kurzzeitpflege, es lag in der Innenstadt, und im Auto sprachen Vater, Tochter und Sohn darüber, wie sie sich dieses Heim vorstellten. „Wie in einem Krankenhaus“, glaubte der Vater. „Nein, nicht so medizinisch“, mutmaßte der Sohn. Die Tochter dachte, dass es dort so ähnlich wie in einer Reha-Klinik aussehen würde. Gewiss sei ein kleiner Garten dabei, und wenn es so warm bleibe, wie es in diesem April überraschenderweise schon sei, dann könnten die Pfleger den Vater bestimmt auch hie und da im Rollstuhl spazieren fahren

Das Pflegeheim war kein Krankenhaus, es war ganz und gar nicht medizinisch, aber es hatte auch nichts von einer Reha-Klinik, und einen Garten gab es auch nicht. Es war ein niedriger, grauer Bau, heruntergekommen sah er aus, der Putz blätterte von der Fassade. Alles war ebenerdig, was den Vorteil hatte, dass Rollstühle hier bequem passieren konnten. Und tatsächlich, kaum war das Auto vorgefahren, lief gleich ein junger Mann aus dem Heim herbei, brachte einen Rollstuhl, und ehe der Vater wusste, wie ihm geschah, fand er sich in jenem Gefährt wieder, das er bisher stets so vehement zurückgewiesen hatte. Und dann waren Vater, Sohn und Tochter zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Pflegeheim.

Das Erste war dieser Geruch. Eine schwer definierbare Mischung aus allem Möglichen, aus dem aber zwei Komponenten ganz deutlich hervorstachen, Putzmittel und Urin. Der Geruch steckte überall, obwohl mehrere Fenster geöffnet waren, er steckte im Flur, er steckte im Gemeinschaftsraum, in den sie zunächst geführt wurden, er steckte auch in dem Zimmer, das das des Vaters sein sollte. Von einem Zimmer konnte allerdings kaum die Rede sein, es handelte sich um eine notdürftig hergerichtete Kammer, vielleicht gibt das Wort „Verschlag“ am besten wieder, was dem Vater und den Kindern gezeigt wurde, provisorisch mit Spanplatten zusammengezimmert. Das Fenster war eine schmale Luke, an der Wand stand ein Krankenbett mit Gitterstäben, und das zweite Möbelstück des Pflegezimmers war ein Stuhl. Kein Tisch, kein Schrank, kein Nachtkästchen, keine Nachttischlampe. Ein leeres Zimmer. So kahl wie der Raum waren auch die Wände.

Ob es denn kein Telefon gebe? Oh doch, man könne im Heim anrufen, das Telefon würde dann den Bewohnern aufs Zimmer gebracht. Aber es komme ja sehr, sehr selten vor, dass jemand angerufen werde. Und ein Radio, ein Fernsehgerät? Doch, doch, der Fernseher stehe im Gemeinschaftsraum, er sei eigentlich immer an, da gebe es kein Problem. Im Gemeinschaftsraum würde man auch miteinander essen, überhaupt, auf Gemeinschaft lege man viel Wert. Und die Klingel? Wo denn die Klingel über dem Bett sei, wenn der Vater nachts mal rausmüsse oder tagsüber dringend jemanden brauche? Ach ja, die Klingel, tatsächlich, da fehle etwas, natürlich, eine Klingel müsse schon sein, da werde man Sorge tragen, keine Bange. Allerdings geschehe es hier nur ganz selten, dass nachts jemand rauswolle. Es sei ja für alle aufs Beste gesorgt. Und nun wolle man, bitte, zurück in den Gemeinschaftsraum gehen, da warteten nämlich schon einige, die den Opa unbedingt kennenlernen wollten, nicht wahr, Opa?

Der Vater wurde in den Gemeinschaftsraum geschoben, der ein langer, schmaler Raum war, dessen Mittelpunkt ein ausladender Tisch mit vielen Stühlen bildete, in der Ecke stand ein kleines Fernsehgerät, es war angeschaltet. Der Vater war sehr bleich, er schien noch bleicher als zuvor, dabei hatte er seit gestern schon alle Farbe verloren. Er hatte die Augen weit geöffnet. Wer hineinschaute, konnte darin ein großes Entsetzen sehen.

Der Leiter des Heims, ein junger Mann von kaum 30 Jahren mit einem starkfarbigen karierten Hemd, bat den Sohn nun in sein Büro, es gebe da ein längeres Formular auszufüllen, der Opa könne in der Zwischenzeit mit der Tochter im Gemeinschaftsraum sitzen bleiben und sich schon einmal mit den anderen Bewohnern anfreunden, es gebe Kaffee und Kuchen. Als der Sohn einwandte, der Vater könne die Fragen des Formulars gewiss viel besser beantworten als er, wurde ihm freundlich, aber entschieden bedeutet, dass das hier ganz unüblich sei, es dauere erfahrungsgemäß viel zu lange, eine Entmündigung des Vaters sei das jedoch mitnichten, wie er darauf nur komme?

Also blieben Vater und Tochter im Gemeinschaftsraum am großen Tisch mit den Kaffeetassen und der Kuchenplatte sitzen, während der Sohn hinter dem Heimleiter zu dessen Büro trottete und begann, ein Formular auszufüllen, in dem über alles, was privat und persönlich war, vor allem aber über intimste Körpervorgänge Auskunft zu geben war.

Eine Viertelstunde später stand seine Schwester im Büro. Sie hatte den gleichen Blick, den der Vater vorher im Gemeinschaftsraum gehabt hatte.

„Es geht nicht“, sagte sie fast tonlos.

Der Bruder sah sie an, und sein Gesicht zuckte für einen Moment, so, als wollte er plötzlich trotzig werden und sagen: „Es muss aber gehen.“ Doch er sagte nichts und schaute in die Augen seiner Schwester.

„Es geht nicht“, sagte die Schwester wieder, und diesmal war viel Ton in ihrer Stimme. Sehr viel.

Da legte der Bruder den Stift, mit dem er begonnen hatte, das Formular auszufüllen, auf den Schreibtisch.

„Raus“, schrie die Schwester, „wir müssen hier raus, wir müssen hier ganz schnell raus.“ Es klang, als würde sie um Hilfe schreien.

Der Bruder sprang auf, eine Höflichkeit gebot ihm noch, ein „Entschuldigen Sie“ zum Heimleiter zu murmeln, er lief in den Gemeinschaftsraum, wo sein Vater im Rollstuhl saß, die Augen weit aufgerissen, um ihn herum drei weißhaarige Frauen, die ganz eng an ihn herangerückt waren und versuchten, ihm Kuchenstücke in den Mund zu stecken. Eine rief in hohen Tönen: „Endlich wieder ein Mann da, ein Mann da.“ Das wiederholte sie in immer schrilleren Höhen, und der Vater saß da wie aus Stein, die Hände wie zur Abwehr erhoben, mit einem Blick aus Scham und Abscheu. Der Sohn packte den Rollstuhl, schob ihn in den Flur hinaus, den Gang entlang zum ebenerdigen Tor, wo Rollstühle so leicht passieren können, und packte den Vater ins Auto. Dann gab er Gas.

Das Pflegeheim lag bald weit hinter ihnen. Der Schrecken nicht.

Sie fuhren stumm zurück nach Hause und nahmen dort wieder ihre Wohnzimmerplätze ein. Der Vater im Sessel, Sohn und Tochter auf dem Sofa.

Der Sohn betrachtete das Gesicht des Vaters. Es hatte jetzt das Entsetzen verloren und wieder die Blässe des Morgens bekommen. Er weint nicht, dachte der Sohn, er tobt nicht, aber in ihm muss es doch toben. Und er ging hinaus in den Garten, seine Schwester war schon vorausgegangen und rauchte. Er hatte nicht gezählt, die wievielte Zigarette es heute schon war.

„Gib mir auch eine“, sagte er.

Die Schwester schüttelte den Kopf. „Du darfst nicht“, murmelte sie und gab ihm dann doch eine.

Ob es im Vater toben mochte oder nicht – in ihm selbst, da war ein Aufruhr wie fast noch nie. Es war der Aufruhr der Ohnmacht.

„Was denkst du jetzt“, fragte er seine Schwester, „der muss doch durchdrehen vor Angst?“

„Vielleicht beruhigt es ihn ja, was wir gerade erlebt haben“, antwortete sie.

„Beruhigt? Bist du verrückt?“

„Na, er hat jetzt immerhin erlebt, dass wir ihn nicht an so einem Ort lassen, dass wir ihn da niemals lassen würden. Das könnte ihm doch Zutrauen geben, das Gefühl, dass er sich auf seine Kinder verlassen kann.“

Der Bruder war sich da nicht so sicher. Gut, jetzt im Moment hat er tatsächlich erfahren, wie nah und eng die Kinder bei ihm standen. Aber es gab schließlich auch die anderen Erfahrungen: Sein Leben lang hatte der Vater gespürt, dass die Welt der Eltern und der Kinder sehr verschiedene Welten waren. Die Wohngemeinschaften der Studentenzeit, die wechselnden Freundschaften und Liebschaften, die extrem unterschiedlichen politischen Ansichten, die räumliche Trennung, die bloß sporadischen Begegnungen mit den Eltern – all das hatte viel Distanz geschaffen, auch wenn es bei den einzelnen Treffen oft nicht an Herzlichkeit fehlte. Dennoch, es hatte sich eine gewisse Fremdheit im Verhältnis zwischen Kindern und Eltern festgesetzt, warum also sollte sich der Vater jetzt geborgen fühlen, aufgehoben, in sicheren Händen bei seinem Sohn und seiner Tochter? Gleichzeitig war er ihnen ausgeliefert, in allem, mit seinem ganzen Leben. Was und wie die Kinder entscheiden würden – daran hing jetzt seine Existenz.

Der Sohn hatte zu Ende geraucht, das bleibt die einzige Zigarette, schwor er sich, jetzt nicht rückfällig werden. Dann rief er bei seiner Arbeitsstelle an. Nein, so bald sei mit ihm nicht zu rechnen. Er brauche noch ein paar Urlaubstage. Wie viele, das wisse er im Moment leider nicht. Das alles sei etwas schwieriger als gedacht.

Aber was hatte er eigentlich gedacht?

Und was hatten die Eltern gedacht? Irgendetwas mussten sie doch vorbereitet haben. Wenn man über achtzig ist, dann denkt man doch an Ernstfälle aller Art. Doch der Sohn konnte sich nicht erinnern, dass die Eltern jemals über den Ernstfall gesprochen hätten, der nun eingetreten war.

Über den Tod, ja, darüber hatten die Eltern immer wieder mit ihm zu sprechen versucht. Nicht über den Tod als Schrecken allerdings, nicht über ihre Angst vor einem Ereignis, das unwiderruflich nah und näher rückte, sondern über den Tod als Fall für ein Krisenmanagement: was da zu tun sei, welche Personen benachrichtigt werden müssten, welche Telefonnummern wichtig seien. Voller Grauen erinnerte sich der Sohn, dass der Vater bei einem dieser Gespräche plötzlich einen grünen Aktenordner herbeigeholt hatte, in dem geradezu eine Art Buchhaltung des Todes niedergelegt war. In ordentlicher Schreibmaschinenschrift stand da aufgelistet, was es alles zu erledigen galt. Da waren Verse aus Gedichten aufgeschrieben, die die Trauerkarten schmücken sollten, da standen säuberlich in alphabetischer Reihenfolge die Personen, die im Fall der Fälle zu benachrichtigen, und Versicherungen, die zu kündigen waren; da war der Blumenschmuck des Grabs geregelt nebst Telefonnummer des Geschäfts, in dem er bestellt werden sollte; es gab spezielle Gebets- und Liederwünsche für die Totenmesse, ja, selbst das Lokal war ausgesucht, in dem der Leichenschmaus stattfinden sollte. Weiter hinten waren Briefumschläge abgeheftet, verschlossen, „nur nach meinem Tode zu öffnen“. Schließlich gab es in dem grünen Ordner auch die Fotokopie des elterlichen Testaments sowie jede Art von Vorkehrungen für den Fall, die Eltern verstürben durch einen etwaigen Unfall zur gleichen Zeit. Da wurde den Kindern empfohlen, an welches Immobilienbüro sie sich wenden sollten, falls sie gedächten, das elterliche Haus zu verkaufen. Selbst die Telefonnummer eines Antiquitätenhändlers war vorgemerkt, man wisse ja nicht, ob die Kinder die zwei, drei wertvolleren Möbelstücke, die die Eltern besaßen, behalten wollten.

Der Sohn war regelrecht entsetzt über die Präzision, mit der sich die Eltern den eigenen Tod ausmalten – und er war auch erschrocken über diese riesenhafte Diskrepanz: hier die minutiöse Vorbereitung des Sterbens, da die offenbare Unfähigkeit, über die eigentliche Drohung des Todes zu sprechen. Mit größter Befangenheit, ja fast mit belegten Stimmen hatten die Eltern das Thema drei- oder viermal angeschnitten – um es dann schnell wieder zu verlassen. Wozu allerdings auch die Kinder jedes Mal beitrugen. Nein, pflegten sie immer wieder zu sagen, man möge den Teufel doch nicht an die Wand malen. Für solche Gespräche sei noch Zeit, ein andermal gerne, man möge doch den schönen Abend nicht mit einem solchen Trauerthema verderben. Den Eltern war es recht und das hässliche Thema alsbald gewechselt. So ging es immer, so blieb das Thema Tod jedes Mal ganz eigentümlich im Raum stehen und mit ihm eine unausgesprochene, konturlose Angst – und alle machten sich schleunigst davon.

Es vergingen die Jahre und Jahrzehnte, und Eltern und Kinder hatten über nichts gesprochen – außer über jene organisatorischen Modalitäten, wie sie im grünen Ordner verzeichnet standen. Der Tod selbst und besonders die Angst davor waren Tabuthemen, keiner rührte sie an. Der Sohn fand das verwunderlich, jedenfalls jetzt, da sie im Wohnzimmer saßen und der Tod sozusagen mitten unter ihnen war. Warum nur war er immer so abwehrend gewesen, immer auf der Flucht? Dabei hätte es ihn eigentlich brennend interessiert, was seine Eltern dachten, fühlten, fürchteten. Und die Eltern, sie hätten gewiss auch reden wollen, da war er sich sicher, wenn man ihnen nur ein bisschen dabei geholfen hätte. Aber das hatte er nicht, im Gegenteil, er war davongelaufen, jedes Mal, und das konnte, dachte er, mit nichts anderem zu tun haben als mit der eigenen Angst vor dem Tod.

So wenig vom Tod die Rede war, so wenig war die Rede von Gebrechlichkeit. Kein Sohn und keine Tochter, die jemals gesagt hätten: „Wenn es einmal so weit ist, dann werden wir euch schon pflegen.“ Kein Vater und keine Mutter, die jemals gefordert hätten: „Lasst uns nicht allein, wenn es so weit ist, nehmt uns zu euch, versprecht uns das.“ Kein Versprechen, keine Forderung, nichts. Als rückte die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit, zum Pflegefall zu werden, nicht mit jedem Jahr näher. Aber auch als es beim Vater dann vor fünf Jahren so weit war, kam niemand auf die Idee, dass die Zukunft dieser Familie nun einmal ordentlich und grundsätzlich besprochen gehöre.

Die Verdrängung war so komplett, dass auch jegliche Beschäftigung mit dem unterblieb, was Pflege überhaupt heißt: Welche Fertigkeiten sie erforderte, welche Gerätschaften, welche Grenzen der Intimität dabei zu überwinden wären. Irgendwann bei einem seiner Besuche sah der Sohn im elterlichen Badezimmer in der Wanne ein metallenes Gerät, das früher nicht da gewesen war. Das wird ein Lifter sein, dachte der Sohn, aber er fragte nicht danach. Genauso ging es, als er wenig später in einer Ecke des Badezimmers eine große Plastiktüte mit Windeleinlagen sah. War der Vater mittlerweile inkontinent? Oder waren die Einlagen nur eine Vorsichtsmaßnahme? Trug er sie überhaupt? Regelmäßig? All das fragte er nicht. Später hatte er einmal mit seiner Schwester darüber geredet. Aber auch sie wusste nichts Genaues, hatte nie nachgefragt, hatte sich genauso wie der Bruder verhalten. Und die Eltern sagten ohnehin kein Wort dazu. Pflege war ein Tabu in dieser Familie, noch größer als der Tod.

Dieser Text ist dem Buch „Wohin mit Vater?“ entnommen. Es erscheint am 23. Februar im Verlag S. Fischer (190 Seiten, 16,90 Euro). Die Lösung, die der Autor für die Pflege seines Vaters fand, ist offiziell illegal. Um sie nicht zu gefährden, muss er anonym bleiben.

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