Zeitung Heute : Kant in Texas

Von Martin Kilian

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Inmitten frühlingshaften Vogelgezwitschers ist in Washington mal wieder die reinste Hölle los. Seien Sie bloß froh, dass Sie nicht hier sind! Längst hat in der Hauptstadt heftigste Paranoia eingesetzt. Wir leben in einer „Kultur des Todes“, die demokratische Opposition ist die „Partei des Todes“, der Sensenmann mithin die neueste Figur im brachial geführten amerikanischen Kulturkampf. Um nicht vollends durchzuknallen bleibt nur, sich mit Mao zu trösten: „Lasst 100 Osterglocken blühen!“ Und alles, weil Amerika sich jetzt auch noch darüber streitet, wann das Leben endet und der Tod beginnt.

Bisher wurde lediglich scharf und bisweilen von Bombenanschlägen auf Abtreibungskliniken begleitet über den Beginn des Lebens disputiert. Nun debattiert die Nation am Schicksal der armen Komapatientin Terri Schiavo, wann und wie das Leben endet – und wer darüber zu entscheiden berechtigt ist. Dabei geht es keinesfalls zu wie in einem Seminar über Immanuel Kants Moralphilosophie. Nicht Terri, sondern ihr Ehemann Michael solle sterben, schrien Demonstranten vor Terri Schiavos Hospiz. Der Gatte ist zum Buhmann der floridianischen Tragödie geworden, weil er Terri den Nahrungsschlauch entziehen ließ und obendrein mit einem Girlfriend zwei Kinder gezeugt hat. Man schimpft ihn unter anderem einen „Mörder“.

In Washington machten sich unterdessen die Fachleute ans Werk. Gestandene Neurologen wie Sie und ich und der republikanische Mehrheitsführer im Repräsententanhaus, Tom DeLay. Vormals und im richtigen Leben brillierte er als Experte für Schädlingsbekämpfung, nun aber, obschon selbst in einem ethischen Koma, wirkt er – ein treuer Jünger des Hippokrates! – als Sachverständiger für komatöse Zustände.

Just dann, wenn man sich ob solch profunder Quacksalberei verwirrt an den Kopf fasst, wird bekannt, dass der Präsident, der zur „Verteidigung des Lebens“ eigens von seiner geliebten Ranch zurück nach Washington gedüst war, in seinem früheren Leben als texanischer Gouverneur 1999 ein Staatsgesetz unterzeichnete, das es wirklich in sich hat: Es erlaubt die medizinische Abschaltung von Patienten gegen den Willen der Angehörigen. Da der texanische Erlass das Image des Präsidenten besudeln und ihm den Vorwurf des politischen Opportunismus einbringen könnte, wurde flugs ein wenig an der Wahrheit gedreht. „Dieses Gesetz war da, um sicherzustellen, dass im Einvernehmen mit den Wünschen des Patienten oder seiner Angehörigen gehandelt wird“, behauptete Präsidentensprecher Scott McClellan.

Wie bitte? „Der Arzt und das Krankenhaus sind nicht zu lebensverlängernden Maßnahmen verpflichtet, vorausgesetzt der Patient oder seine Angehörigen sind zehn Tage zuvor von einer entsprechenden Entscheidung unterrichtet worden“, droht das Gesetz. Im Klartext: Finden die Angehörigen eines Komatösen kein anderes Hospital, winkt dem Patienten zehn Tage nach dem Urteil eines Ärztekomitees das Ende.

McClellans unverfrorenes Hantieren mit der Wahrheit war indes kein Einzelfall: Diplomatische Emissäre des Präsidenten tischten neulich den Regierungen Chinas, Japans und Südkoreas zur Angstmache eine mordsmäßige Geschichte aus den Annalen des Barons von Münchhausen auf. Der Verrückte in Pjöngjang, logen sie, habe Atommaterial an Libyen geliefert. Nicht der Verrückte in Pjöngjang, sondern die Verrückten in Pakistan aber hatten den nuklearen Deal getätigt – was in Washington hinlänglich bekannt war.

Hier nun ein Vorschlag zur Güte: Vergessen wir doch die Bombenstory mitsamt dem texanische Gesetz. Schließlich ist die Wahrheit lediglich ein kunterbuntes Knäuel von Behauptungen und Gegenbehauptungen, entwirrbar nur von medizinischen Koryphäen wie Tom DeLay und Oliver Hardy und Stan Laurel. Ihre Spezialität ist die elegante intellektuelle Durchdringung letzter Fragen, ihre Erkenntnisfähigkeit von kantianischem Zuschnitt.

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