Zeitung Heute : Kanzler, Kinder, Kandidat

Der Tagesspiegel

Von Simone von Stosch

Diese Debatte verspricht hohen Unterhaltungswert. Beim Thema Familie ist die emotionale Aufladung garantiert. Familie hatten oder haben wir alle, sind also kompetent. Die Überzeugungen sitzen so tief, dass wir sie selten bezweifeln. Familie ist ein ideales Reizwort für den Wahlkampf.

Den Anfang machte der Kanzlerkandidat der Union, Stoiber, als er ankündigte, sein Privatleben mit ins Rennen zu schicken: der Kandidat mit Ehefrau, Kindern und Kindeskindern, ein Wahlkampfplakat als Sittengemälde: So kann, so soll Familie sein.

Geben wir es unumwunden zu: Wie schön, wo es so ist. Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht es sich so. Und, immerhin, über 80 Prozent aller Kinder wachsen gemeinsam mit beiden Elternteilen auf – wenn auch nicht immer mit Trauschein.

Geben wir aber auch zu: Vieles hängt schief beim Sittengemälde, vieles zerrt an den Familienbanden: die gestiegenen Anforderungen im Berufsleben und vor allem ein anderes Selbstverständnis der Frauen, die meist nicht mehr nur oder vor allem Hausfrau und Mutter sein wollen.

Karriere und Beruf zu vereinbaren, das ist in Deutschland schwerer als bei den Nachbarn. Bei den Betreuungsangeboten – den Kindergärten und Ganztagsschulen – sind wir ebenso hintendran wie bei familienfreundlichen Arbeitsmodellen: dem anspruchsvollen Halbtagsjob, der flexiblen Arbeitszeit, dem Pausieren und dem Job-Sharing. Kein Wunder, dass hierzulande die Geburtenrate wesentlich niedriger als ist bei den europäischen Nachbarn.

Das wiederum ist keine Privatsache. Wo Kinder fehlen, da fehlen neben Lebensfreude und Lebendigkeit eben irgendwann auch die Beitragszahler für die Renten- und Sozialkassen.

Ziemlich spät erwacht nun die Politik. Rot-Grün hat das Thema entdeckt und versucht, es für sich zu besetzen. Familie ist, wo Kinder sind, sagt der Kanzler – egal ob mit oder ohne Trauschein. Das ist ein Gegenentwurf zum konservativen Familienmodell, und er ist so bestechend, weil er die gesellschaftlichen Veränderungen mit einschließt. Familie hat heute viele Formen. Sie ist da, wo Menschen das Leben teilen und dauerhaft füreinander sorgen.

In der Praxis hat allerdings Rot-Grün wenig anzubieten. Ja, die Betreuungsangebote sollen verbessert werden: Der Kanzler verspricht mehr staatliche Kinderkrippen, Kindergärten und Ganztagsschulen. Die Union dagegen setzt bei der Kinderbetreuung auf individuelle Gestaltungsmöglichkeiten und will das Kindergeld erhöhen. Bis zu 600 Euro monatlich will Stoiber zahlen und setzt sich damit über seine innerparteilichen Skeptiker hinweg, die dafür plädieren, nur das zu versprechen, was man auch halten könne.

Genau betrachtet aber gehen die Vorstellungen von Opposition und Regierung so weit nicht auseinander. Auch Stoiber weiß, dass das Betreuungsangebot verbessert werden muss. Und auch die Regierung will beim Kindergeld noch etwas drauflegen. Beide, Kanzler und Kanididat, Regierung und Opposition befinden sich in einem Wettbewerb hin zum Kind.

Alles in Ordnung also? Wohl nicht. Familienpolitik ist mehr als die Frage nach Kindergeld und Betreuung. Es geht um Arbeitsmodelle, mit denen sich Familie und Beruf vereinbaren lassen, und es geht um die Diskussion der Prioritäten zwischen bezahlter Leistung und Arbeit einerseits, der Familie, der unbezahlten Leistung andererseits.

Diese neu zu gewichtigen, ist nicht Sache der Politik. Sie muss aber die Voraussetzungen dafür schaffen. Die Debatte hat gerade erst begonnen. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie lange wir das Problem der doppelten Kinderarmut, der Armut an Kindern und der Armut von Kindern, schon kennen. Dass überhaupt ernsthaft diskutiert wird, ist aber auch erfreulich. Am 22. September werden viele Wählerinnen und hoffentlich auch Wähler an Kinder denken. Und nach der Wahl werden sie es nicht vergessen.

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