Zeitung Heute : Kanzler Künstler

Nach der Sportschau geht der Kanzler los und lässt sich bekochen. Wer ist der Mann, der ihn mit Spaghetti glücklich macht?

Susanne Kippenberger

Der Künstler kocht. Allerdings auf kalter Flamme. Bruno Bruni kocht vor Wut.

Mit der verglühten Zigarre zwischen den Fingern sitzt er in der alten Badeanstalt von Hamburg-Altona, die seit gut 20 Jahren sein Zuhause ist – und schäumt. Schweigend. Eigentlich sollte er sich freuen: Am Wochenende wird in Wiesbaden eine große Retrospektive eröffnet. Aber das ist der Grund seines Ärgers: Gerade sind die Ausstellungsmacher da und packen die Kunstwerke ein, wollen aber nicht alles mitnehmen, was er doch für teures Geld extra hat rahmen lassen. „Banausen!“

Also bleibt die Küche heute Mittag kalt. Kochen, sagt Bruni, muss man mit Liebe, und heute ist nicht der Tag der Liebe. Selbst der Paketbote („Idiot!“) schmeißt ihm einfach die gigantischen Pakete vor die Haustür, so dass er sie allein reinwuchten muss. Noch mehr Kunst, die nicht gezeigt werden wird. „Wir haben genug Ware“, sagt der Kurator. Und geht.

Zum Abschied gibt der Italiener ihm noch sein neuestes Werk mit: „Gaumenfreude und Kunstgenuss. Meine Art zu leben“ (Hädecke Verlag, 58 Euro), eine Mischung aus Biografie und Autobiografie, Kochbuch und Bildband. Nicht als nettes Geschenk, sondern als Warnung: Darin erzählt der 69-Jährige nämlich zwischen Kaninchenrezepten, Kindheitserinnerungen und Kunst, wie er einmal während der Ausstellungseröffnung mit seinen Freunden die Bilder abhängte. Weil er sich so über die Galeristin geärgert hatte.

An diesem sonnigen Sommertag ist Bruni so beschäftigt mit seinem Ärger, dass er nicht einmal daran denkt, etwas von dem Wasser anzubieten, das da so verlockend auf dem Tisch steht. Der wiederum steht auf dem großen Podium, das das alte Schwimmbecken überdeckt, in dem heute die Sauna, die Kleider und alles andere, was der Hausherr nicht sehen will, untergebracht ist. Der hohe, helle Raum mit der Empore, auf der Bruni arbeitet und schläft, ist großartig, wirkt fast wie eine Kirche. „Hier kann man alles machen: beten, singen, schreien.“ Und morgens um sieben, „da ist es am schönsten“, kann er hier in aller Ruhe beim Kaffee malen: Erbsenschoten und getrüffelte Spiegeleier.

Der üppige Raum passt zu seinem Bewohner, der eigentlich sechs Kilo abnehmen will und die Diät immer um eine Woche verschiebt. Lange vergessen die Zeiten, als er ein zerbrechliches, lungenkrankes Kind war, vorbei die Zeiten, da er ein junger hungriger Mann war, der in London im Fish-and-Chips-Shop den Boden wischte und dafür Essen bekam, von dem er nicht viel mehr weiß, als dass es seinen damaligen Zweck erfüllte: Es machte satt.

Keine Antwort länger als ein Satz – vielleicht ist Bruni zu müde zum Reden, die letzten Tage war er nur unterwegs, Berlin, Hannover, München, Hamburg, geschlafen hat er kaum. Oder er ist zu beschäftigt damit, Rachepläne zu schmieden. Soll er der Ausstellungseröffnung fernbleiben? Auf der Pressekonferenz schimpfen? Sicher ist nur: Er wird seine Rache genießen, so wie er seine Bilder von Grosz und Dix genießt („weil sie mir gehören“) und das Bressehuhn, das er neuerdings so gern macht, mit Butter und Zitrone knusprig gebraten, „fantastisch!“

Und so erwähnt er sie irgendwann doch: die Liebe, die für ihn das ganze Geheimnis der Kochkunst ist. Neben der Geduld, wie in der Kunst, und guten Zutaten, versteht sich. Etwa Tomaten wie die, die in seinem Garten in Pesaro wachsen, dort, wo auch sein Freund, der Bundeskanzler seine Ferien verbringt, wenn ihn nicht gerade ein italienischer Politiker geärgert hat. Unwichtig findet Bruni dagegen, ob man zwei Gramm Salz nimmt oder vier. Über Menschen, die mit Messbecher und Küchenuhr am Herd stehen, kann der Italiener sich nur kaputtlachen. Wozu hat man denn die Hände, Herz und Verstand?

Dass in seinem Kochbuch nun steht, dass man für die Zubereitung des Salates nach Brunis Art (mit Zwiebeln und Weißweinessig statt Balsamico) genau 13 Minuten braucht – das war schließlich nicht seine Idee. Am Dienstag wird er das Werk im „Cuneo“ vorstellen, seinem „zweiten Zuhause“, Hamburgs ältestem Italiener. Seit 30 Jahren geht er dort hin, „manchmal jeden Tag“, dort servieren sie auch Scampi mit weißen Bohnen à la Bruni, der Maestro hat ihnen gesagt, wie sie’s machen sollen. In dem 100 Jahre alten Szenelokal an der Reeperbahn hat er seine zweite Frau das erste Mal gesehen, für schön befunden und später mit gebratenen Wachteln verführt – mit Erfolg: Trauzeuge war Gerhard Schröder. Den hat der Künstler ebenfalls im Cuneo kennen gelernt, als er noch Juso-Vorsitzender war.

In der „Brigitte“ hat Schröder es jetzt im Interview verraten: Bruno Bruni ist sein Lieblingskoch. Jeden Samstag nach der Sportschau, wenn nicht gerade Wahlkampf ist, gehen die Schröders in Hannover, wo des Künstlers Frau als Unternehmerin lebt, „zu einem ganz lieben Freund, der dann kocht: Bruno Bruni. Er kocht die besten Spaghetti. Bruno ist inzwischen ein Ritual.“ Ob er Rituale brauche? „Nein, er kocht einfach gut.“ Da würde Bruni nicht widersprechen, er isst gerne bei sich, lieber als in den meisten Restaurants, weil er findet, dass er besser kochen kann.

„Einfach“ nennt der Kanzler des Künstlers Küche in einem handschriftlichen Brief, der das Buch über die Gaumenfreuden eröffnet. „Einfach aber …“ und dann kommt ein Wort, das man nicht lesen kann, Bruni auch nicht. Man kann sich gut vorstellen, dass die beiden Schröder-Kinder gerne mitkommen. Weil sie genau wissen, was es gibt: Spaghetti. Meistens mit ragù, so wie bei Brunis Mamma, drei, vier Stunden gekocht, natürlich mit Liebe – und Abwechslung. Immer wieder neue ragù-Variationen, „das ist wie bei Paganini, ich kann mich nie wiederholen, ich liebe Veränderungen“.

Heute Mittag bleiben die De-Cecco-Nudeln im Regal, auch die handgemachten Nastrini aus den Abruzzen, die er neulich entdeckt hat und von denen er einem gleich eine Packung schenkt. Und weil wir nicht zu den Nudeln im Restaurant gehen können – wegen der Banausen, die noch Kunst einpacken –, darum kommen die Nudeln mit dem Taxi zu uns. Bei seinem Freund hat Bruni sie bestellt, in einem Restaurant in Eppendorf. Auf dem Weg nach Altona ist die Pasta abgekühlt, eine Mikrowelle zum Aufwärmen gibt’s im Hause Bruni nicht, „um Gottes willen!“ Dafür aber große Schalen, in die der Gastgeber die Tortelloni und Pennette umfüllt.

Wir essen in der Dusche. An der Küchenwand hängt ein Foto, wie es hier früher aussah: zwei Nackte unter der Brause. Hier hat Bruni seine Küche eingebaut, mit der Kochinsel, dem Esstisch und den offenen Regalen, in denen drei verschiedene Sorten Olivenöl stehen.

Aus dem professionellen Weinkühlschrank, zur Hälfte mit Zigarren gefüllt, zieht er seinen Château Belair Saint-Emilion Grand Cru 1991. Dass man am Mittag lieber keinen Rotwein trinkt, mag er nicht recht glauben, fragt noch einmal nach und schenkt sich dann ein in einen riesigen Pokal. Aber, sagt er: „Die Italiener trinken viel weniger als die Deutschen, bei uns säuft man nicht.“ Ein, zwei Gläser zum Essen, die Frauen oft noch weniger, das war’s.

Für einen ungeübten Gaumen sind die Pennette arabbiata so rabiat, dass es einem kurz den Atem verschlägt, Bruni sind sie nicht scharf genug. Bei ihm gibt’s kein Gericht ohne reichlich Knoblauch und Peperoncini. Die Schärfe: Das ist es, was seine Küche von der der Mamma unterscheidet, der Frau des Schrankenwärters und Mutter von insgesamt fünf Kindern, deren Rezepte er doch sonst nachzuempfinden versucht. Der Künstler kocht nämlich nicht nach dem Kochbuch, nie!, sondern nach der Erinnerung.

Da kommt Bruno Bruni junior hereingefegt, schnappt sich ein paar Jeans und eine Scheibe Vitello Tonnato, mehr essen mag er nicht, er kommt doch vom Frühstück und hat keine Zeit, der Schauspieler muss zu Dreharbeiten und in der Nacht nach Berlin, wo auch sein Bruder wohnt und Psychologie studiert. Der lässt sich vom Papa via Telefon gern Kochtipps geben.

Nach der Pasta widmen wir uns den Antipasti, die konnten ja nicht kalt werden. Aber Bruni isst heute Mittag ohne Lust und Vergnügen, steckt sich bald Zigarre Nummer zwei an (drei gönnt er sich am Tag), die schmeckt ihm nicht, so geht er zum Kühlschrank und holt Zigarre Nummer 2a heraus. Und dann macht er das, was ihn bei offiziellen Essen so stört: Er räumt den Tisch ab. Das ist es doch, was ihm an Trattorien und zu Hause so gefällt, dass die Teller und Reste stundenlang stehen bleiben, man auch noch mal naschen kann, dass man reden und Entscheidungen treffen und sich streiten kann.

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