Zeitung Heute : Kanzler und Küche

Alfred Gusenbauer ist in Wien Regierungschef. Für ihn geht Politik durch den Magen. Das hat ihm eine Menge Ärger eingebracht.

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Von Markus Frenzel Es war der wohl entscheidende Schritt auf dem Weg zur Kanzlerschaft. Alfred Gusenbauer hatte die komplette Spitze der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ), alle Landeshauptleute und die Fraktion zusammengerufen. Über 100 Genossen kamen Anfang Januar nach Krems gefahren, zu einer letzten, parteiinternen Pokerpartie: Welche ihrer Herzensanliegen würde die Partei schließlich bereit sein, den Konservativen von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) zu opfern, für die große Koalition – und Gusenbauer als Kanzler. Ein solch kritisches Treffen wollte der SPÖ-Chef natürlich nicht dem Zufall überlassen. Und so lud er die Partei zum Schlemmen in das Restaurant seines Freundes Toni Mörwald ein.

Der hatte sich ins Zeug gelegt: Zwiebelsuppe mit Steingarnelen, Wagramer See-Forelle und Bio-Kalbsrücken, dazu 2003er Cabernet Sauvignon vom Neusiedlersee und Grüner Veltliner. Es muss vorzüglich gewesen sein. Wie sonst ließe sich erklären, dass die Sozialdemokraten zwischen Fasanenpastete und Esterhazyschnitte ihre zentralen Wahlversprechen, eins nach dem anderen aufgaben, nur um einen Kanzler Gusenbauer bei der ÖVP durchzubringen. Nun wird der Eurofighter doch gekauft, die Studiengebühren bleiben, die wichtigsten Ministerämter gehen an die Konservativen. Die Sozialdemokraten, meinten die Kritiker des Deals, hatten ihre Seele verkauft. Zumindest hatte der SPÖ-Chef mal wieder charmant und erfolgreich seinen größten Trumpf gespielt. Bei gutem Essen und Trinken macht Gusenbauer in Österreich niemand etwas vor. Er ist nicht nur der erste sozialdemokratische Kanzler seit sieben Jahren, er ist auch einer der letzten und aufrechtesten Vertreter der „hedonistischen Linken“, der „Barolo-Fraktion“ oder des „Brunello-Kreises“, wie die lebenslustige Sozialdemokratie in Österreich genannt wird. Nach dem asketischen Klostergänger und Biertrinker Wolfgang Schüssel regiert nun ein sinnenfroher Lebemann am Wiener Ballhausplatz.

Des Kanzlers Kennerschaft, gerade bei Wein, ist beeindruckend. Regelmäßig brilliert Gusenbauer bei Blindverkostungen, in elitären Weinzirkeln tritt er als Referent auf, fachsimpelt mit deutschen Konzernchefs und Rundfunkintendanten. „Ich würde Gusenbauer zu den 100 größten Weinfachmännern in Österreich zählen“, meint Heinz Reitbauer junior, Haubenkoch im „Steirer Eck“, einem der besten Restaurants der Hauptstadt.

Das wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Als Arbeitersohn wurde er 1960 in St. Pölten geboren; mit 17 ging er in die Partei, hangelte sich von Stufe zu Stufe. „In seinen 20ern ist er draufgekommen, o. k., er muss sich bei Wein auskennen, damit er mitreden kann“, erzählt ein Wiener Journalist, der, ebenso wenig wie seine Kollegen, seinen Namen gedruckt sehen will: Beim Thema Schlemmen ist Gusenbauer inzwischen äußerst dünnhäutig.

Mit enormem Eifer hat er in jungen Jahren die Kunst des Weintrinkens erlernt, „hat sich irrsinnig reingetigert“, wie ein anderer Insider erzählt. Nicht einmal sein großes Vorbild, SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky, hätte sich mit seinem politischen Enkel messen können. Und das, obwohl Kreisky aus großbürgerlichem Hause kam, als Spross einer Fabrikanten-Dynastie, die Gewürzgurken in alle Welt exportierte.

Stolz trug Gusenbauer seine feine Zunge nun vor sich her wie 30 Jahre zuvor als Messdiener die Monstranz. Nach der verlorenen Wahl 2002 verhandelte er mit dem Sieger Wolfgang Schüssel über eine große Koalition. Als die beiden sich beim damaligen Kanzler zu Hause trafen, entdeckte der Sozialdemokrat, wo der Konservative seinen Wein lagert: direkt neben der Toilette. „Für Gusenbauer eine schwere, schwere Sünde“, meint der Journalist, „in aller Öffentlichkeit hat er sich darüber mokiert.“ Schüssel war blamiert.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die vom sozialen Aufsteiger Düpierten rächten. Im April 2003, während Österreich sich gerade über Rentenkürzungen zerstritt, veröffentlichte Gusenbauer eine dreiseitige Weinkritik im Nachrichtenmagazin „Profil“. Unter dem Titel „Frisch wie der Frühling“ nahm der Politiker sich die Jungweine vor, räsonierte über „kulinarische Sendboten“ und ließ sich über „das fruchtige, pfeffrige Aroma des trockenen, balancierten Veltliners“ seiner Heimat Niederösterreich aus.

Nach der Veröffentlichung entbrannte ein Sturm der Entrüstung. Während den Alten die Rente zusammengestrichen wird, testet der Arbeiterführer teuerste Weine! Auch der „Profil“-Redaktion war natürlich die Brisanz des Textes klar, den der Fotochef des Blattes, selbst begeisterter Weintrinker, eingefädelt hatte. „Das war eine Unzeit“, meint ein einstiger Reporter des Blattes und wundert sich noch heute über die Naivität der Medienberater des SPÖ-Chefs. Sein Luxus-Image kriegt Gusenbauer nun nicht mehr los. In einer Talkshow knallte ihm ein Moderator später eine Flasche Mouton-Rothschild von 1956 auf den Tisch: „Wissen Sie überhaupt, was der kostet?“ Irgendwann hatte der Sozialdemokrat beiläufig fallen lassen, dass er den edlen Tropfen schon probiert habe.

Dabei wird von Volksvertretern in Wien durchaus ein verfeinerter Lebensstil erwartet. Kulinarisch liegen die österreichischen Politiker wohl auf halber Strecke zwischen Deutschland und Frankreich. In Wien würde sich niemand trauen, Saumagen, Currywurst oder neuerdings Kartoffelsuppe und Pflaumenkuchen stolz als Leibgericht zu nennen. Aber auch die perfide Esslust der Franzosen, wo die Präsidenten selbst geschützte Vögelchen noch lustvoll verzehren, ist den Österreichern fremd.

In der Zweiten Republik wurden auf jeden Fall durch die Reihe Kanzler gewählt, die auch zu schlemmen wussten, behauptet zumindest Helmut Österreicher. Bei dem Wiener Spitzenkoch gehen die Regierungschefs seit Jahren ein und aus. Vranitzky, Klima, Schüssel – Österreicher hat sie alle schon bekocht. „Gusenbauer bestellt immer nach Karte“, erzählt der Küchenstar. Der neue Kanzler zähle nicht zu denen, die jedes Mal das Gleiche essen wollen. Da er alles ausprobieren will, muss sich der Koch mäßigen: „Dann mache ich die Portionen nicht so groß.“

Auch im Wallfahrtsort der österreichischen Spitzenküche, in Filzmoos, 350 Kilometer von Wien entfernt, kennen sie schon die Vorlieben des neuen Kanzlers. Mehrmals im Jahr schaut Gusenbauer im Restaurant von Johanna Maier vorbei, die zwei Michelin-Sterne hat. Dann müssen sie dort immer Filzmooser Berglamm vorrätig haben, sein Lieblingsfleisch. Bei den Besuchen haben die Maiers auch erfahren, dass der Kanzler gerne selbst kocht. Er ist für die Fisch- und Bratengerichte zuständig – seine Frau für die Vorspeisen und Desserts. Bürgerliche Arbeitsteilung.

In seinen Jugendjahren hatte er in Moskau den Kotau vor den Sowjets gemacht, indem er am Flughafen den Boden küsste; auch trieb er sich als Brigadist auf einer Kaffeeplantage im revolutionären Nicaragua herum. Heute zieht es Gusenbauer in die Natur, auf der Suche nach den prächtigsten Pilzen und Beeren. Als qualitätsbewusster Genießer und alternder Revolutionär war es für ihn eine Herzensangelegenheit, vor einiger Zeit die Parlamentarier zum Nachhilfeunterricht in Sachen „Fair Trade“ einzubestellen.

Gusenbauer, der sich nicht zu schade ist, mit Jörg Haider Spargel essen zu gehen und sich schon vor Jahren vom kubanischen UN-Botschafter in Wien mit riesigen Cohiba-Zigarren versorgen ließ, lässt sich auch in den schwärzesten Stunden nicht vom Genuss abbringen. Eine seiner bislang größten Niederlagen musste er bei den Parlamentswahlen 2002 einstecken. Gerade war der junge Parteichef grandios an den regierenden Konservativen gescheitert. Nur traurige Gesichter im SPÖ-Zelt neben dem Burgtheater nach dem Erdrutschsieg für Wolfgang Schüssel. Nur Michael Häupl, der SPÖ-Bürgermeister von Wien, hatte was zu feiern. Denn in der Hauptstadt hatten sich die Sozialdemokraten gegen den Trend bravourös geschlagen. Nach dem Pflichtauftritt im Zelt eilte Gusenbauer ein paar Straßen weiter zu Häupls Leuten. Einen ersten Cognac hob der Parteichef auf den Schrecken. Dann wurde Brunello di Montaicino aufgetischt, Rotweine aus dem burgenländischen Ort Horitschon und vom Edel-Winzer Cobenzl. „Ab morgen, 8 Uhr früh, beginnt der nächste Wahlkampf“, erklärte Gusenbauer noch und verfiel dann seiner Passion.

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