Kanzlerin in Serbien : Bitte recht deutlich

Als westlicher Diplomat, der oft in Südosteuropa unterwegs ist, nennt man die Region, ganz ohne böse Absicht, gern „Unten“. „Ich fahre demnächst wieder runter“, heißt es. Analog zur Position auf der Landkarte Europas verwendet, klingt „unten“ dennoch etwas nach Keller. Gemeint ist damit ein Territorium, das den Westen seit längerem nur dann zu interessieren schien, wenn es dort brennt. Nachdem sich unlängst Guido Westerwelle auf dem Balkan über aktuelle Konflikte informiert hat, fährt nun Kanzlerin Angela Merkel persönlich runter. In Zagreb dürfe die Stimmung entspannt sein, das reformierte Kroatien soll 2013 in die EU aufgenommen werden.

Weniger entspannt wird es Dienstag in Belgrad zugehen. Dort trifft die Kanzlerin – ein starkes Signal – die Witwe des 2003 von Nationalisten ermordeten Hoffnungsträgers Zoran Djindjic, erst danach Serbiens Präsident Boris Tadic. Die serbische Presse schreibt bereits von einem „Schicksalstag“. Man fürchtet, dass die Gespräche vor allem auf eins herauslaufen: Ohne Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo wird die Annäherung an die EU zum Bummelzug. Will Serbien die gewünschte Schnelltrasse zur Brüsseler Familie bauen, muss seine politische Elite die Realitäten akzeptieren. Angela Merkel sollte diese Botschaft deutlich überbringen. Der neue Staat Kosovo wird von fast allen EU-Staaten und 80 der 193 UN-Mitglieder offiziell anerkannt. Zwar betrachten serbische Hardliner das Kosovo mit knapp zwei Millionen mehrheitlich ethnisch-albanischen Einwohnern noch immer als „Wiege ihrer Kultur“, und es flammen gelegentlich Scharmützel um Zölle und Importe auf. Doch das Kosovo steht seit dem Eingreifen des Westens in die „ethnische Säuberung“ 1999 zunehmend auf festeren Füßen. Europa aber geht es darum, nach und nach alle Stiefkinder von gestern ins Haus zu holen.

Klar ist dabei: Die Opfer der von Serbien angezettelten Zerfallskriege dürfen bei der EU-Integration nicht die Letzten sein. Nichts könnte massivere Ressentiments schüren. In Kosovos Hauptstadt Pristina heißt die zentrale Straße Bill-Clinton-Boulevard, in der gesamten Region, auch in Bosnien, leben die pro-westlichsten Muslime Europas. Sie haben erfahren, dass die Nato und der Westen, wenn auch spät, auf ihrer Seite waren. Diese kostbaren Sympathien dürfen nicht verspielt werden. Schon jetzt besteht im Kosovo Bitterkeit darüber, dass die Europäische Kommission für alle Teile Ex-Jugoslawiens, auch Serbien, Visafreiheit schuf, von der nur das Kosovo bisher ausgenommen ist. Man erwarte diese Freiheit nicht sofort, erklärt so klug wie bescheiden der kosovarische Botschafter in Berlin, aber doch in absehbarer Zeit.

„Europa“ ist für bildungsfernere Zeitgenossen in der Region eine Art Synonym für das postmoderne Schlaraffenland mit Mercedes, Swimming-Pool und Hightech-Unterhaltung für alle. Für die Organisierte Kriminalität ist die EU ein Schreckgespenst, sie läutet das Ende der bequemen Mischung aus Korruption, Straffreiheit und mangelnder staatlicher Kontrolle ein. Unter den Aufgeklärten, den Jüngeren zumal, wissen sie, dass zu den demokratischen Prinzipien der EU Rechtsstaatlichkeit, Transparenz und Verantwortung gehören. Das andere Wort dafür lautet: Reale Chancen.

„Unten“ muss nach oben kommen. Die Region verdient Fortschritt, schon wegen der jungen Generation. Sie hat, auch in Serbien, dieselben Chancen verdient wie wir alle. Ist die alte Generation störrischer Nationalisten ihnen im Weg, würde sie sich an ihren Kindern versündigen.

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