Kanzlerkandidat Steinbrück chattet : Keine Anschmeiße

Nein, die Behauptung, er sitze vor dem Bildschirm und hämmere seine Antworten selbstständig in die Tastatur, will Peer Steinbrück gar nicht erst aufstellen. „Derzeit diktiere ich und ein hilfreicher Geist neben mir tippt“, antwortet er am Dienstagvormittag in seinem ersten Chat als künftiger SPD-Kanzlerkandidat auf eine Frage: „Einfach, weil sie das besser und schneller kann als ich.“

Mit den Worten „Und er tut es doch! Der Offline-Kandidat Peer Steinbrück geht online“ hat die SPD den Dialog angekündigt. Der Merkel-Herausforderer stellt sich Fragen in einem Medium, mit dem er sichtlich fremdelt. Als der Politiker kürzlich nach seiner Kommunikation im Internet gefragt wurde, meinte er nur: „Mir wird von meinen Mitarbeitern geschildert, was dort passiert.“ Das klang, als rede er von einem fernen Planeten, den er noch nie betreten hat.

Jetzt aber hat er sich doch hineingewagt in den Kosmos der digitalen Kommunikation . Die große Aufgabe als Merkel-Herausforderer verlangt von ihm nun auch Respekt vor der Gemeinde der Netz-User. Schließlich lässt sich die Kanzlerin schon lange über Facebook, Youtube und Podcasts vermarkten.

Verbiegen will sich der 65-Jährige im neuen Medium aber nicht, das macht er klar. Schon als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident habe er das Internet genutzt und wolle das weiter tun, meint er. „Es muss allerdings zu mir passen, sonst würden insbesondere Jüngere zu dem Ergebnis kommen, dass ich etwas inszeniere.“ Und: „Mein Sohn sagt mir, es sei nicht sehr glaubwürdig, plötzlich auf die Anschmeiße zu gehen.“

Nun eilt dem Kandidaten in spe nicht gerade der Ruf voraus, besonders begabt für „Anschmeiße“ zu sein. Anpassungsbereitschaft passt so wenig zu ihm wie eine unklare Sprache. Das aber hat seinen Preis. Wer nicht „das folgenlose Geschwurbel von Politikern“ hören wolle, müsse ertragen, dass er sich als Kandidat „gelegentlich in Bildern und im Klartext auch mal vergreift“, meint er. Eine „frauke“ will dann wissen, welche Eigenschaften er an Merkel bewundere und wovon er sich gerne eine Scheibe abschneiden würde. Saloppe Antwort: „Von ihren Hosenanzügen.“ Ob er wirklich glaube, Merkel schlagen zu können, fragt ein „Anonymus“. Steinbrück: „Sonst säße ich nicht hier.“

Immerhin 31 Fragen und Antworten schafft der Kandidat in einer Stunde und bleibt nur eine Auskunft schuldig – allerdings eine, die für die digitale Gemeinde wichtig ist. „Netzpolitik, Vorratsdatenspeicherung, Internetsperren etc. Wie sind Ihre Positionen?“, will „StefanieP“ von Steinbrück wissen. Auf die Antwort muss sie weiter warten. Hans Monath

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