Zeitung Heute : Kapitalismus ist wie Fußball

Von Harald Martenstein

Auch ich bin wütend, wie alle. Die Steuer presst jeden verdammten Euro aus mir heraus, Hartz IV ist Hartz IV, und den Banken schenken sie Milliarden. Für alle Linken sind die letzten Tage natürlich ein einziges großes Rechthaberfest gewesen. Hat man’s denn nicht schon immer gesagt? Kapitalismus – nicht gut. Gibt es einen schöneren Anblick als den des vorlauten Bankchefs Ackermann, des Königs der Peanuts, der mit schweißnasser Stirn am Straßenrand steht und um staatliche Hilfe fleht? Liebe Freunde von der Linkspartei! Vergesst bitte nicht, dass es mal ein System gab, dass noch schlechter funktionierte und den meisten Leuten noch weniger gefallen hat als der globale Kapitalismus. Das ist der sogenannte real existierende Sozialismus gewesen.

Trotzdem, zu den großen Verlierern gehören die Neoliberalen. Neoliberalismus – Der Staat muss sich aus der Wirtschaft heraushalten! Der Markt regelt es schon von alleine! Keine Regeln! – ist tot. Im April hat der „Cicero“-Chefredakteur Wolfram Weimer noch geschrieben, so etwas wie „Raubtierkapitalismus“ gebe es überhaupt nicht, das sei wieder mal eine typisch deutsche Spinnerei. „Nicht die großen Konzerne, sondern der Staat reißt immer größere Anteile vom Volksvermögen an sich.“ Nun, heute geht es den staatsgläubigen, risikoscheuen Deutschen in der Krise noch relativ gut. Und die Amis sind arm dran. Der real existierende Neoliberalismus führt offenbar genauso in die Pleite wie der real existierende Sozialismus.

Es ist immer interessant, Marx zu lesen. Alle paar Jahre steht folgender Satz in der Zeitung: In etlichen Punkten hat Marx geirrt, aber seine Analyse des Kapitalismus wirkt erstaunlich aktuell.

Ich vereinfache ein wenig. Der Kapitalismus ist wie ein Fußballspiel. Er funktioniert nicht ohne Schiedsrichter. Das Fußballspiel würde ohne Schiedsrichter in eine Prügelei ausarten. Kapitalismus ohne Schiedsrichter bedeutet zu viel Gier, zu viel Risiko und gegenseitiger Betrug, mit dem Ergebnis, das wir gerade eben weltweit besichtigen dürfen. Die Konzerne wissen selber, schreibt Marx, dass sie den Staat als einen Makler brauchen, eine konzernneutrale Instanz, eine Autorität, die sie voreinander und vor sich selbst schützt und für die wechselseitige Verlässlichkeit bürgt, die nötig ist, wenn man auf Dauer Geschäfte machen will. Im internationalen Bankenwesen hat es diesen Schiedsrichter nicht gegeben. Nun haben alle den Schaden.

Vielleicht stehen wir an einem Wendepunkt der Globalisierung. Es scheint, als ob sogar die Konzerne selber begreifen, dass sie jetzt eine überstaatliche Autorität brauchen. Die Bereitschaft der Völker, für die Irrtümer der Reichen zu bezahlen, ist übrigens auch nicht unbegrenzt, sie ist es nie gewesen.

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