Zeitung Heute : Kaputtheit und Grandezza

STAATSBALLETT BERLIN Marco Goecke ist ein gefragter Choreograf. Nun kreiert er mit neun Tänzern die Uraufführung „Guide to Strange Places“.

Sein erstes Tanzstück hat Marco Goecke aus lauter Wut choreografiert. Der Wuppertaler, Jahrgang 1972, war nach dem Diplom kurz an der Staatsoper Berlin und danach vier Jahre am Stadttheater Hagen engagiert, was der junge Tänzer wie eine Art Verbannung empfunden hat. „Das war grauenhaft, was wir da machen mussten“, erzählt er. Und bekräftigt: „Wut kann ein starker Impuls sein.“ Goecke sitzt an einem Montagmorgen in der Kantine der Deutschen Oper und erzählt von seinen Anfängen – und von seiner letzten Begegnung mit Pina Bausch. Die seine Arbeiten sehr mochte und ihn auch unterstützt hat. Es ist kein Blick zurück im Zorn. Goecke gilt heute als einer der gefragtesten deutschen Choreografen. Er ist seit 2005 Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts und Scapino Ballet Rotterdam. Außerdem hat er Choreografien für renommierte Compagnien wie das Nederlands Dans Theater und Les Ballets de Monte Carlo geschaffen. Mit neun Tänzern des Staatsballetts Berlin erarbeitet er gerade zu John Adams’ „Guide to Strange Places“ eine Uraufführung für den modernen Ballettabend, der am 27. April Premiere hat.

Goecke hat schon früh eine Sinnkrise durchgemacht, er ist in die Berliner Partyszene abgetaucht, hat kurz als Nachtportier gejobbt. Er hat schon einiges hinter sich, als er – und danach in Hagen sein Debüt „Loch“ choreografiert, ein Stück, in dem er den Tod einer engen Vertrauten verarbeitet. Sebnem Gülseker, eine befreundete Tänzerin aus Stuttgart, hat das Video dann persönlich bei der dortigen Noverre-Gesellschaft vorbeigebracht. Prompt wurde er eingeladen, für die Reihe „Jungen Choreografen“ ein Stück mit Tänzern des Stuttgarter Balletts zu kreieren.

Die Noverre-Gesellschaft wurde zum Sprungbrett für Goecke. „Schon beim zweiten Stück ,Demigods’ hatte ich das Gefühl: Ich habe etwas gefunden, was mich interessiert“, erzählt er. „Und dann ging es Schlag auf Schlag.“ Wenn man Goecke auf das Image des „jungen Wilden“ anspricht, dass ihm zunächst angeheftet wurde, meint er lächelnd: „Heute bin ich milder. Aber die Arbeiten damals waren schon recht wild.“

Ein milder Exzentriker, so tritt er heute auf. Aber immer wieder schimmert sein Ruhrpott-Humor durch. Bei der Probe bittet er Mikhail Kaniskin als erstes, sein T-Shirt auszuziehen. Goecke aber wieselt im Mantel durch den Ballettsaal und studiert eine vertrackte Sequenz aus kleinteiligen, merkwürdig verschobenen Bewegungen ein. Elisa Carrillo Cabrera schaut Kaniskin, ihrem Gatten, zu und meint lächelnd: „Bei Goecke muss dein Hirn wie ein Computer arbeiten.“

Goecke arbeitet meist mit klassisch trainierten Tänzern, versucht aber, einen ganz anderen Ausdruck aus ihnen herauszukitzeln. „Ich habe nicht lange getanzt, und auch nicht mit Leuten, die so beeindruckend waren. Ich hatte nichts, worauf ich zurückgreifen konnte. Keine Vorbilder“, erklärt er. Alles kann für ihn zum Material für ein Stück werden. Wenn er sich an eine neue Kreation macht, arbeitet er vorher kein Konzept aus, er greift höchstens auf Notizen und Bilder, die sich ihm eingebrannt haben, zurück. „Auch heute ist es so: Wenn ich ins Studio gehe, habe ich nichts. Es ist wie im freien Fall.“ Bei den Proben mit den Tänzern versuche er das einzukreisen, was an diesem Tag da ist. „Aber natürlich habe ich ein Talent dafür, Schritte zu finden.“ erklärt Goecke. „Das ist etwas, was ich nie gepusht oder hinterfragt habe.“

War zunächst Wut die Antriebskraft, so sucht er heute nach dem perfekten Stück – wohl wissend, dass man damit nur scheitern kann. Goecke ist ein Perfektionist. Nur wenige von seinen mefast 40 Arbeiten gefallen ihm heute noch, gesteht er. Neulich hat er lange mit Jirí Kylián gesprochen. Der wünschte ihm, dass er das endlich mal genießen könne, was er mache, erzählt Goecke und seufzt. Kaputtheit und Grandezza – auf diese beiden Begriffe bringt er sein Ballett zu Musik von Lou Reed. Er ist ein Mann, der den Widerspruch liebt. SANDRA LUZINA

Staatsoper im Schillertheater. Premiere 27.4., 19.30 Uhr

29.4. und 1.5., 19 Uhr, 4., 5., 17. und 19.5., 19.30 Uhr

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